Bei allem Respekt, liberal war Wolfgang Leonhard nicht

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Lea Rosh beging in ihrem Salon einen Erinnerungsabend an Wolfgang Leonhard. Elke Leonhard und sie präsentierten einige gut ausgewählte Szenen aus dem Spielfilm. Aus seinem weltberühmten Buch wurden Passagen gelesen.

Leonhard, Sohn der deutschen kommunistischen Publizistin und des sowjetischen Botschafters in Wien, geht 1935 mit seiner Mutter in die UdSSR. Susanne Leonhard verschwindet nach dem üblichen Routine-Urteil als Trotzkistin im GULag. Der Sohn erhält eine Schulung zum Funktionär.

Er kommt 1945 als aussichtsreicher junger Kommunist mit der „Gruppe Ulbricht“ nach Berlin und organisiert die Machtübernahme der Kommunisten in der Sowjetzone und Ostberlin. Er kolportiert den berühmten Satz Ulbrichts: „Es muss demokratisch aussehen“. Das bedeutete, dass man z. B. einen bürgerlichen Bezirksbürgermeister suchte, dem als Stellvertreter ein Kommunist beigeordnet wurde.

DDR-Staatspräsident Pieck kann seine Mutter nach 12 Jahren 1948 vorzeitig aus dem GULag holen. Sie blieb bis zu ihrem Tod Kommunistin, übersiedelte aber schon nach einem Jahr DDR-Aufenthalt nach West-Deutschland.

Leonhard hatte begonnen mit dem Modell der jugoslawischen Arbeiterselbstverwaltung Titos zu liebäugeln. Er wird von seiner Partei zur Rede gestellt, soll Selbstkritik üben und flieht in letzter Sekunde 1949 über Prag zu seinen neuen Freunden in Belgrad. Zwei Jahre später geht auch er ins kapitalistische Westdeutschland, veröffentlicht 1955 den Welt-Bestseller „Die Revolution entlässt ihre Kinder“ und wurde im Westen zum gefragten Kommunismuskenner oder wie man damals sagte „Kreml-Astrologen“.

Es war, in der Bibliothek des Auswärtigen Amtes, eine verdienstvolle, würdige Veranstaltung. Die Reihe in deren Rahmen sie stattfand, heißt „Weltweites Exil“. Jeweils einem Fluchtort widmet Frau Rosh einen Abend. Dieses Mal war es Moskau, demnächst werden es die Schweiz und Shanghai sein. Veranstaltungsort sollen die jeweiligen Botschaften sein. Für die hier genannte Veranstaltung war die russische Botschaft geplant und auch vereinbart. Angesichts der russischen Bombardierung Aleppos hatte Frau Rosh aber abgesagt.

Leonhards berühmtes Buch war seinerzeit auch für mich wichtig. Sein Festhalten, und das seiner Mutter, an der kommunistischen Idee, in welcher Spielart auch immer, verstehe ich aber nicht. In Kenntnis der Verbrechen der kommunistischen Diktatoren, auch der Titos, der gnadenlosen Verfolgung, physischen und psychischen Folter oder Ermordung von Kritikern, Zweiflern, Abweichlern, angesichts des Scheiterns von Plan- und Kommandowirtschaft, erinnert mich die Haltung von Susanne und Wolfgang Leonhard an die Religiosität von Ordensschwestern, die ihr Leben Jesu weihen.

Ralph Giordano und Wolf Biermann, die ihren Irrtum zugeben, imponieren mir dagegen.

Das einzige, was mich an diesem Abend störte, war, dass im Film, am Schluss in einem Interview glaube ich, und auch im Gespräch auf dem Podium, Wolfgang Leonhard als Liberaler bezeichnet wurde. Das war er nun wirklich nicht.

 

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