Die Tagesschau-App wird es schon richten

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Dass ich PNN/Tagesspiegel einmal über den grünen Klee loben kann, hätte ich mir heute beim Aufstehen nicht träumen lassen. Dabei fing der Morgen schon gut an: Nachdem der Zeitungsbote gestern keine PNN eingeworfen hatte, bekam ich die heutige Ausgabe doppelt. Auf der Meinungsseite, dort,  wo – ich kann es mir auch jetzt nicht verkneifen – die meist unsäglichen Karikaturen von Herrn Stuttmann stehen, gab es einen Kommentar von Torsten Hampel: „Eine Viertelstunde im Korsett“. Er findet, die Tagesschau solle mit ihrer Fernsehsendung überzeugen und nicht mit einer App.

Wie wahr. Auch in diesem Blog kritisiere ich, dass die Tagesschau-Redaktion es nicht vermag, zu einer neuen Studie über Altersarmut, soziale Ungerechtigkeit oder was auch immer, wenigstens einen kritischen Satz an ihre affirmative Meldung der neuen Studie anzufügen. Wozu haben sie den famosen Rechercheverbund von MDR, NDR und SZ, der in fast jeder Sendung genannt wird, weil ihm irgendein vertrauliches Papier zugespielt wurde? (In dem dann auch nichts wirklich Weltbewegendes steht.) Nahezu zeitgleich lese ich aber im Onlineportal einer Tageszeitung von den fragwürdigen Berechnungen in dieser neuen Studie.

Vom Tagesschausprecher wird mir meist geraten, ich solle auf tagesschau.de gehen, wenn ich Näheres wissen wolle. Seit kurzem wird in jeder Sendung die neue revolutionäre App angepriesen; revolutionär deswegen, weil man Videos sowohl hochkant als auch horizontal anschauen kann. Auch im Bekanntenkreis wird mir das geraten, ergänzt von der Alternative, die Tagesschau bräuchte halt 30 statt 15 Minuten Sendezeit, um meinen Ansprüchen zu genügen.

Das trifft aber mein Argument nicht: Wenn man die Zeit hat, eine umstrittene Studie mit Diagrammen zu visualisieren oder einen Studienleiter im Interview noch einmal dasselbe sagen zu lassen wie der Moderator, wäre auch Zeit für einen kritischen Satz vorhanden gewesen. Wie oft höre ich so genannte Experten, meist Politikprofessoren, die viele Sätze brauchen, um zu verbergen, dass sie die Zukunft auch nicht lesen können. Oder der unvermeidliche Professor für Automobilbau, der die Meldung, dass Mercedes in China weniger Autos verkauft, damit erklärt, dass die Chinesen weniger Mercedesautos kauften. (Das Beispiel mag jetzt erfunden sein, aber Kommentare in dieser Art sind es, die mich stören. Oder der Außenreporter steht vor einem Regierungspalast, zeigt an- und abfahrende Limousinen und schließt mit der Floskel: „Mal sehen, ob es wirklich so wird, wie heute beschlossen“.

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