Brüche der Geschichte müssen im Stadtbild sichtbar sein

Gepostet am Aktualisiert am

Wie die Sehnsucht nach schönen alten Gebäuden denunziert wird.

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Potsdam, Alter Markt

„Brüche der Geschichte müssen im Stadtbild sichtbar sein.“ Dieser Satz wird gern ins Feld geführt, wenn verhindert werden soll, dass Altes, in der Regel nicht besonders Gelungenes aus der Zeit der SED-Herrschaft in Ostdeutschland, abgerissen und durch historische Rekonstruktionen von Gebäuden des Barock und Klassizismus ersetzt werden soll, die vor der SED-Zeit dort gestanden hatten.

Mit dem Satz erhebt sich der Sprecher über den Meinungsstreit, wie er in Potsdam erbittert und gelegentlich von Seiten der Antifa handgreiflich geführt wird. Die einen, das sind die angeblich Reichen, Zugezogenen, die sich ein barockfaschistisches Disneyland schaffen wollen. Die anderen sind die jungen und alten Linkspopulisten, deren Herz an der untergegangenen DDR hängt, allen Konzessionen an Unrechtsstaat und Repression zum Trotz. Sie wollen nicht, dass der Vorläufer des kommunistischen Paradieses auf deutschem Boden im Stadtbild unsichtbar wird.

Der Satz ist präpotent. Wenn er von DDR-Fans kommt, ist er verständlich. Sie kämpfen mit allen Mitteln um den Erhalt von Resten ihrer verlorenen politischen Heimat. Sie wissen natürlich, dass in ihrem Staat, als die Kommunisten das Sagen hatten, auf sichtbare Brüche im Städtebau kein Wert gelegt wurde. Da wurde hemmungslos gesprengt, abgerissen, zugebaut, was an Fürsten- oder Pfaffenherrschaft erinnerte. Manches ließ man verfallen.

Nur wo mit Tourismus Devisen verdient werden konnten, blieb etwas erhalten, in Potsdam etwa Schloss Sanssouci und das Neue Palais. Oder wenn man ausländischen Staatsgästen ein edles Schlafzimmer bieten wollte (Schloss Schönhausen in Berlin).

„Linksalternative“ versuchen mit allen Mitteln (Demonstrationen, Bürgerinitiativen, Unterschriftensammlungen, Bürgerbegehren, Pressearbeit, Bücher) den baulichen Zustand,  den die Kommunisten geschaffen hatten, auf alle Zeit einzufrieren. In Potsdam etwa das Verschwinden der Garnisonkirche und (vergeblich) die Rekonstruktion des Stadtschlosses, das Hotelhochhaus im Lustgarten, das Fachhochschulgebäude, das über mehrere, kleinteilige Stadtquartiere hinweg errichtet worden war, nicht zuletzt, um die feudalistische Nikolaikirche zu verdecken. Und Hochhäuser wie das inzwischen abgerissene Haus des Reisens (siehe Foto!), das eine klassizistische Häuserzeile mit einheitlicher Traufhöhe sprengte.

Das, was ihre ideologischen Vorfahren gemacht haben, wollen sie im Grunde den heutigen Bauherren und Stadtplanern untersagen. Was im Städtebau von der Urgeschichte über das Römische Reich bis in die heutige Zeit die Regel war, nämlich Abriss, Rekonstruktion, Umbau, Neubau, darf nicht mehr gelten. Da schimmert der Glaube vom Kommunismus als dem Endzustand der Geschichte durch.

Der Satz von den Brüchen und Rissen ist nicht ungeschickt. Man wäre gar nicht totalitär, sondern lässt die Gegner bauen. Aber bitte kein Stadtschloss, keine Garnisonkirche. Risse und Brüche im Stadtbild sollen erhalten bleiben.

Schlimmer als Alt- und Neokommunisten, die den Satz im Munde führen, finde ich Architekturkritiker und Kunsthistoriker, die sich zum Schiedsrichter aufschwingen und für architektonische Vielfalt plädieren. Sie tun so, als ob die Zeit der SED-Herrschaft in Ostdeutschland eine ganz normale Geschichtsepoche gewesen wäre, die sich in die städtebauliche Tradition einreihen dürfte.

Neulich tat das Prof. em. Adrian von Buttlar bei einem Podium zum Wiederaufbau der Garnisonkirche. Ihm reichte nicht, was die Gemeinde plant, um die umstrittene Geschichte der KIrche zu dokumentieren und aufzuarbeiten. Das Gebäude müsse sichtbar Brüche und Risse aufweisen und dürfe keine platte Rekonstruktion sein. Der Wiederaufbau-Befürworter Bischof Huber entgegnete damals ironisch, dass es in Potsdam schon ein Beispiel für von Buttlars Forderung gebe: Der wieder aufgebaute Turm der Heiliggeistkirche (heute ein Altersheim). Als Potsdamer Neubürger hielt ich den Turm für eine verlassene Stasi-Abhörstation.

Heute findet Burkhard Müller, Dozent aus Chemnitz und Verfasser eines architekturkritischen Buches, Gehör in der Lokalzeitung PNN. Er sieht am Streit zwischen den DDR-Freunden und den Preußenfreunden komische Züge. Die einen würden sagen, das Ältere (das preußische Potsdam) sei das Legitime. Die DDR-Fans sagten dagegen, Tradition wäre durch die DDR-Bauten begründet worden und nicht 300 Jahre zuvor. Diese DDR-Tradition würde aber jetzt ausgeblendet und für minderwertig erklärt. Das hält er für richtig.

Schönheit ist für Müller keine maßgebliche Kategorie in der Architektur. Er denkt an die Menschen, die in und mit dieser Architektur leben müssen. Deswegen findet er gut, dass im äußerlich rekonstruierten Braunschweiger Schloss ein Einkaufszentrum eingerichtet wurde. So sei es wenigstens belebt. Während im Potsdamer Stadtschloss, einem als Schloss überhaupt nicht gelungenen Gebäude, bloß ein Landtag residiere. Und die Garnisonkirche sei, wie das Stadtschloss, ein auftrumpfendes Gebäude gewesen.

Da hatte die SED wohl recht, als sie aus dem Marktplatz einer Stadt mit Renaissancefassaden und einem bürgerstolzen Rathaus einen Busbahnhof machen wollte.

Beim neuen Palais Barberini passt sich Müller dem Zeitgeist an. Das sei gelungen. Kein böses Wort über den Milliardär Plattner, der beim Barberini die Stadt erpressen würde, wie eine Deutschlandfunkmitarbeiterin zu wissen glaubt. Dennoch: die hinzugezogenen reichen Wessis würden die Heimatgefühle der Alteingesessenen verletzen, wenn sie das preußische Potsdam wieder errichten. Hat der Wissenschaftler Burkhard Müller untersucht, was er da behauptet? Woher weiß er, dass nur die reichen Wessis das alte Potsdam wieder haben wollen? Sind die alteingesessenen Potsdamer alle Anhänger der DDR-Baukultur?

Der Chemnitzer Dozent übernimmt das linke Narrativ: Der ideologisch geprägte Staat DDR wäre Heimat, ihm gälte die Heimatliebe der Potsdamer. Alteingesessen ist für ihn nur der Bewohner des kommunistischen Potsdam. Bindungen an die vorkommunistische Stadt existieren nicht, die hätten nur die neu hinzugezogenen Wessis.

Was die hehren Sprüche von sichtbar bleiben müssenden Rissen und Brüchen im Stadtbild so schwer erträglich macht, ist die Überheblichkeit der Urheber. Sie muten Stadtbewohnern zu, zugunsten von Brüchen und Rissen auf eine schöne Stadt zu verzichten. Stattdessen sollen sie bei jedem Gang oder jeder Fahrt erinnert werden an preußisch-militaristisches Bauen, faschistisches Bauen, sozialistisches Bauen. Oder doch nur an letzteres?

Der für die Rekonstruktion das Palais Barberini verantwortliche Architekt Thomas Albrecht sagt: „Ein Gebäude aus rein ideologischen Gründen stehen zu lassen, funktioniert nicht. Spätestens die nächste Generation wird es doch abreißen.“

Deutsche Touristen schwärmen von malerischen Städten in Südeuropa, von Stadtplätzen mit ihrem bunten Leben. So viel Schönheit dürfen sie zu Hause nicht haben wollen, wenn es nach manchen Kunsthistorikern und Architekturkritikern geht. (Die selbst wohl in Altbauwohnungen mit hohen Decken untergekommen sind.) Ihre Heimatstadt muss ein Museum der Brüche und Risse in der politischen Geschichte sein, für Ästhetik ist da kein Platz.

Die DDR-Baukultur wird doch nicht platt gemacht. Für das MfS-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen wurden seinerzeit Straßen verlegt und ein Stadtquartier Sperrgebiet. Blieb alles erhalten und wurde Gedenkstätte. Eine sinnvolle Nachnutzung. Die Gebäude der Stalinallee wurden restauriert und blieben als Zeugnis stalinistischer Baukultur mit Recht erhalten. Ebenso ähnliche Gebäude in Eisenhüttenstadt. Als Beispiel für sozialistische Dorfkultur wurde Meslin restauriert. Obwohl die Zwangskollektivierung der Bauern mit Gewalt, auch körperlicher, durchgesetzt wurde. Im Berliner Schloss Schönhausen wurde alles, was zum Gästehaus der DDR-Regierung erinnerte. erhalten und restauriert. Die Gaststätte Seerose in Potsdam steht zu Recht unter Denkmalschutz. Das Rechenzentrum, das in das Garnisonkirchengrundstück hineinragt, soll doch wohl nur aus diesem Grund erhalten bleiben. (Das an der Außenfassade angebrachte Mosaik im Stile des sozialistischen Realismus, das Errungenschaften sowjetischer Ingenieurkunst zeigt, kann unschwer ans Hotel Mercure montiert oder in in einem DDR-Museum ausgestellt werden.

Die SED-Kommunisten konnten sehr unbefangen mit Preußen umgehen. Das sah man nicht nur den Uniformen der NVA. In den Schlössern, die sie nicht abgerissen haben,  haben sie gerne residiert. Genau wie die Hohenzollernherrscher gingen sie in der Schorfheide auf die Jagd.

Honeckers Lampenladen, der Klotz des Palastes der Republik hätte m. E. erhalten werden sollen als Zeichen für Monumentalbauten der SED. Er wäre im Herzen der Stadt für Generationen sichtbar geblieben und hätte als DDR-Museum und Forschungsstätte dienen können.

Lesetipp: Das andere Potsdam, hrsg. vom Kunsthistoriker Richard Klusemann, Berlin 2016. Im Buch werden 26 Bauten aus der Zeit 1949 bis 1990 vorgestellt. Vor allem in den ersten Jahren wurden auch behutsam Barockbauten restauriert.

Dass das Terrassenrestaurant Minsk abgerissen wurde ist genauso berechtigt wie der Abriss des Technischen Rathauses in Frankfurt am Main. Beides waren Zeugnisse des brutalen Beton-Baustils der 60er Jahre. In Frankfurt am Main ist die Diskussion über die Rekonstruktion der Altstadt auch kontrovers, aber sie ist nicht so ideologisch aufgeladen wie in Potsdam.

Das im Buch gelobte Pionierhaus im Neuen Garten ist der Neuen Sachlichkeit der Weimarer Zeit verpflichtet. Ein Abriss ist nicht geplant.

Durch dieses  Buch wird deutlich, dass es einen DDR-Baustil ebensowenig gibt wie einen Frankreich-Baustil oder Finnland-Baustil. Das hieße aber in der Konsequenz, ein Gebäude nicht aus ideologischen Gründen stehen zu lassen, sondern seines ästhetischen, architektonischen und kunsthistorischen Wertes wegen.

Der Frankfurter Architekt Christoph Mäckler bemängelt die moderne städtische Baukultur. Siehe den Essay von Christoph Mäckler in einem pdf der Bundeszentrale für pol. Bildung, ab p 38!

Siehe auch im Blog hier!

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