Kleiner Historikerstreit über DDR-Waffenlieferungen

Gepostet am Aktualisiert am

Jeffrey Herf, zuletzt Autor von „Unerklärte Kriege der DDR gegen Israel“, war gestern Gast im Potsdamer Einstein-Forum. (Meine Buchvorstellung im Blog hier!)

Auch wenn er als guter, alter Freund begrüßt wurde, unter Freunden war er an diesem Abend nicht. Im Publikum war man geteilter Meinung über seine Thesen zur Israelfeindschaft der SED.

Das Wort vom Krieg wäre überzogen, hieß es. Herf hält sich nicht zu lange dabei auf, Antisemitismus,  Antizionismus und Israelfeindschaft voneinander abzugrenzen. Für ihn ist ein deutscher Staat, der Waffen an arabische Staaten liefert, die Israel auslöschen wollen, eine Schande.

Das wird im Publikum gelassener gesehen. Es wäre der DDR um internationale Anerkennung gegangen, deswegen habe man sich um die arabischen Staaten bemüht. Mit Judenhass hätte das nichts zu tun.

frieden-schaffenAuch Herf betont, dass es der DDR um diplomatische Anerkennung gegangen wäre. Warum aber habe man Waffen geliefert? Westdeutschland unter Brandt war im Jom- Kippur-Krieg neutral geblieben. Auch habe die DDR, anders als andere Ostblockstaaten, die DDR nie diplomatisch anerkannt.

Ein Zuhörer steht auf, gibt sich als Historiker des Militärmuseums in Dresden aus und meint, die DDR hätte doch überhaupt keine Waffenindustrie gehabt und die gelieferten Panzer und Flugzeuge wären veraltet und ausgemustert gewesen. Einige Zeit später widerspricht ein anderer Historiker: Es wären sehr wohl moderne, einsatzbereite Waffensysteme geliefert worden. Allerdings sei es kein Alleingang der DDR gewesen, auch andere Warschauer Pakt-Staaten hätten auf Geheiß Moskaus liefern müssen. Der Mann ist Historiker im Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr in Potsdam.

Die DDR mit ihrer angeblich unbedeutenden oder gar nicht vorhandenen Waffenindustrie hat immerhin dem Vietcong eine halbe Million Tellerminen PPM2 geschickt; eine der fürchterlichsten Waffen des Vietnamkrieges.

Herf betont, dass die SED Wert darauf gelegt habe, dass über das Büro der PLO in Ostberlin keine Terroraktionen der Palästinenser nach Berlin (West) und Europa gelangten. Er vermutet, dass das auch bei der RAF so gewesen sei. Die habe in der DDR Asyl bekommen, mehr nicht. Das ist nicht richtig, auch wenn es ein beliebtes Narrativ ist.

Zur Entlastung der SED vom Antisemitismus wird auch von einem Zuhörer auf ein Foto verwiesen, das Herf zeigte. Auf ihm ist Politbüromitglied Hermann Axen mit Arafat am Brandenburger Tor zu sehen. Axen war Jude. Also konnte die SED nicht antisemitisch gewesen sein, wenn sie einen Juden – er war nicht der einzige – im höchsten Parteigremium duldet. Axen war ein säkularer Jude und maßgeblich mit der proarabischen Palästinapolitik befasst.

Leider verfolgt Herf in seinem Buch nicht den im Kommunismus vorhandenen Antisemitismus, den es nicht nur in Bezug auf Palästina gab. Das MfS wusste sehr genau, wer unter den Kadern und im Kulturleben Jude war. Warum eigentlich?

Mich wundert, dass die hier versammelte Potsdamer Historiker-Elite an diesem Punkt so still bleibt. Keiner springt Herf bei. Sollte ihnen der Antisemitismus in der DDR unbekannt geblieben sein? (Prof. Schoeps nehme ich aus. Er ging in seiner Begrüßung darauf ein.)

Prof. Sabrow brachte es auf einen Punkt: Das Buch Herfs sei nur vor dem Hintergrund von Auschwitz zu verstehen. (Wobei ich zugeben muss, dass mir nicht ganz klar ist, wie er das gemeint hat. Herf ist Jude.)

Links zur DDR-Waffenproduktion: Ganz ohne Rüstungsindustrie ging es in der DDR nun doch nicht. Und ein Blick in ein Buch zum Thema.

Ein größeres Volumen als die Waffenproduktion hatte der Handel mit Waffen. Die DDR lieferte an „Befreiungsbewegungen“ rund um den Globus Waffen.

Eine sehr präzise Wiedergabe der Thesen Herfs steht in der Jüdischen Rundschau v. 2.2.17.

Update: Der inompetente Berichterstatter in der PNN v. 1.2.17 schließt sich der ablehnenden Haltung Sabrows und Teilen des Publikums an. Man hat mir zugesagt, meinen Beitrag als Leserbrief dazu zu veröffentlichen. (Nachtrag: Was bis zum 17.2. nicht passierte.)

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