Ausstellung: Flucht einer Unternehmerfamilie 1955 (mit Update)

Gepostet am Aktualisiert am

https://www.berlin.de/museum-pankow/wir-ueber-uns/historie-ausstellungen/2016/schoeningbrief1955.jpg
https://www.berlin.de/museum-pankow/wir-ueber-uns/historie-ausstellungen/2016/schoeningbrief1955.jpg

Aus der Pressemitteilung des Museums Pankow: „Im Herbst 2013 wurde in dem Wohnhaus Tschaikowskistraße 46 in Berlin-Nieder­schön­hausen ein überraschender Fund gemacht: In einem Wandversteck – einem Hohlraum hinter Blumentapeten und Putz – verbarg sich neben Geräten, Materialien und Ersatzteilen auch ein rätselhafter Abschiedsbrief, vor über 60 Jahren maschinen­schriftlich verfasst. Der Unter­nehmer Werner Schoening, Inhaber der »Lichtpaus- und Fotokopieranstalt Ed. Schoening«, hatte im Herbst 1955 das Versteck ein­gerichtet und war unmittelbar danach mit seiner Familie über West-Berlin in die Bundes­republik geflohen. Anhand dieser Familien- und Unter­nehmens­geschichte thematisiert die Ausstellung die konkreten Auswirkungen der frühen Wirtschaftspolitik der DDR auf die Inhaber privater Industrie- und Handwerks­betriebe und kleinerer Gewerbebetriebe und dokumentiert beispielhaft ein wichtiges Motiv für die Massen­flucht aus der DDR bis zum Mauerbau 1961.“

Das Museum Pankow zeigt die Geschichte des mittelständischen Unternehmers und seine Flucht vor der Repression der SED 1955. (Bis 23.4.17)

Update 25.2.17:  Verharmlosende Sprache

Es ist schön, dass das Heimatmuseum Pankow aus dem Zufallsfund eine kleine Ausstellung gemacht hat und uns die Geschichte der Familie Schoening näher bringt.

Wenn man in ostdeutschen Heimatmuseen der DDR begegnet, sieht man allzuoft die Geschichte des Kombinats, zu dem der Ort gehört. Diese Ausstellung fällt, dank des Themas, etwas aus der Reihe.

Ein wenig getrübt wird der Besuch nur durch die Sprache, die auf den Ausstellungstafeln aufscheint. (Nicht auf dem Flyer! Waren verschiedene Verfasser am Werk?)

Ging ich bisher davon aus, dass Menschen aus der SBZ/DDR geflohen sind, erfahre ich jetzt, dass es ein ganz harmloser Vorgang war: eine Auswanderung.

(Fett: Originaltex auf den Ausstellungstafeln)

Jüngere übersiedelten aus Neugier und der Konsumwünsche wegen, gemischt mit Ablehnung der gesellschaftlichen Entwicklung.

Besonders häufig wanderten aus Angehörige derjenigen Bevölkerungsgruppen, die sich von der SED-Politik diskriminiert fühlten: Unternehmer, Handwerker, Landwirte.

Die „gesellschaftliche Entwicklung“ war es also, die Menschen dazu trieb, ihre Heimat zu verlassen, „auszuwandern“. Nicht Unrecht, Repression, Zensur, Enteignung. Euphemistischer kann man es nicht mehr sagen: eine höhere Kraft, die Vollendung der Geschichte, der Sozialismus in seinem Lauf…

Die Kosumwünsche sind das einzig Konkrete, das den Texter*innen als Fluchtgrund einfällt. Was man unter den Tisch fallen lässt: Der „Konsumwunsch“ bessere Wohungsverhältnisse, Spitzelaufträge, Ablehnung der Ideologie, Nichtzulassung zum Abitur oder Studium, Ablehnung der Jugendweihe, Zwang zum Kirchenaustritt. (aus: Weißbuch „Flucht aus der Sowjetzone…“, Bonn 1961,  p21f, Erfassung der Gründe bei ca. 2.000 1961 Geflüchteten). Im Weißbuch wird resümiert, dass sich die politischen und privaten Gründe etwa die Waage halten. Die privaten Gründe sind aber keineswegs nur Neugier und Konsumwünsche, sondern freie Berufswahl und Studienwahl, Wohnsitzwechsel, also unpolitsche Vorhaben, die kein demokratischer Staat verbieten oder regulieren würde.

Ich stelle mir gerade vor, wie ein Landwirt, der wegen der Zwangskollektivierung enteignet wird und „auswandert“, im Rias erzählt: „Ich fühlte mich diskriminiert.“ Damals hat ein Reporter möglicherweise noch nachgefragt: „Woran machen Sie das fest?“ Der Landwirt: „Nachts wurde unser Schlafzimmer durch Scheinwerfer taghell angestrahlt, alle paar Tage kamen Agitatoren zu uns, ich wurde ständig zur Kreisverwaltung bestellt, ich bekam kein Saatgut mehr, meine Abgabequote wurde so erhöht, dass ich sie nicht einhalten konnte.“ Das nennt man Diskriminierung. Vielleicht hat das Wort auch einen Bedeutungswandel durchgemacht. Heute diskriminiert man das Volk der Sioux, wenn man sich an Karneval als Indianer verkleidet.

Legt jemand, der „auswandert“ ein Versteck an oder einer, der flüchtet, aber hofft eines Tages wieder zurückkommen zu können?

Gewiss beschloss der Alliierte Kontrollrat die Schließung der Demarkationslinien zwischen SBZ/Ostberlin und den Westzonen und -sektoren. Gerne hätte man aber erfahren, ob das auf Wunsch der Briten, der Franzosen oder der Sowjets geschah. Hat es mehr die  Amerikaner oder die Russen gestört, dass 11 Monare nach Kriegsende schon 1, 6 Millionen Ostdeutsche „ausgewandert“ waren?

An anderer Stelle heißt es ähnlich ausgewogen zwischen West und Ost, dass auch die Westalliierten nichts dagegen hatten, dass 1961 die Mauer gebaut wurde. Schön, dass man die Schuld auf mehrere Schultern verteilen kann. Richtig ist, dass die Westalliierten, Kennedy voran, an Berlin kein großes Interesse hatten. Andererseits: Was hätten sie tun sollen? Die Auswanderer sind eigentlich auch schuld daran, dass der bedauernswerte Ulbricht die „gesellschaftliche Entwicklung“ vorantreiben musste.

1955 hatte sich internationale Sicherheitslage zugespitzt. Die Bundesrepublik drohte Staaten, die die DDR anerkennen, mit Handelssanktionen. Die zunehmende Konfrontation (Die USA unterstützen Südvietnam gegen die Aggression des kommunistischen Nordvietnams; GS) führte zur Festigung der SED-Herrschaft.

Bis zum Ende der DDR existierten noch private Betriebe, wenn auch in abnehmender Zahl. Sie gingen mitunter Kooperationsverträge mit Staatsbetrieben ein. Das, was hier nach Freiwilligkeit klingen soll, war Jahrzehnte lang erzwungen worden. Warum wird das so und nicht anders im Heimatmuseum Pankow erzählt? Pink-Washing der DDR?

So einseitig sind die Medien im Kapitalismus: Ich wusste bisher nur davon, dass der SED-Staat kooperation (Kommissionsgeschäfte) erzwang und sich als Mitbesitzer/Alleinbesitzer in Privatbetriebe eintragen ließ. Letzteres gegen eine kleine Entschädigung, falls die errechneten Steuerschulden etwas übrig ließen.

Im Frühjahr 1955 geriet der Unternehmer Schoening mit dem Finanzamt in Konflikt.

Das Amt warf ihm Steuerbetrug vor, das (in Russland bis heute) übliche Mittel, um Unternehmer auszuschalten und zu verhaften. Die SED erfindet Steuerbetrug in der Absicht, den Unternehmer zu enteignen und der gerät in einen „Konflikt“.

Ursprünglich waren Wohnung und Firmensitz im heutigen Majakowskiring. Dieses Gebäude mussten die Schoenings schon 1945 räumen. Dort zogen Sowjets ein. Nach und nach wurde das Gebiet Wohnsitz der SED-Elite und Regierungsviertel. Während schon vor der „Auswanderung“ der Familie alle Unkosten des von den Sowjets besetzten Gebäudes den Schoenings aufgebürdet wurden, wurde es nach der „Republikflucht“ enteignet.

Ich bin in der seltsamen Situation, mir zu wünschen, die Ausstellungsmacher hätten die SED-Sprachregelung „Republikflucht“ übernommen statt „Auswanderung“.

Bei der Wiedergutmachung des erlittenen Unrechts verweigerten die Behörden und Gerichte der Bundesrepublik die Restituierung. Erstere hatten ein Interesse an der Verwertung des inzwischen zum Millionenobjekt gewordenen Haus und verkauften an einen Investor. So ist die Schuld zwischen kapitalistischem und kommunistischem System wieder gerecht verteilt. Da kann man dann auch generös einmal vom in der DDR erlittenen Unrecht sprechen. Aber warum eigentlich? Es war doch die „gesellschaftliche Entwicklung“ die die Schoenings zur Auswanderung motivierte?

Und dann gibt es noch einen Fund im Versteck, der Fragen aufwirft: Ein Band mit Aufsätzen von Reichspropagandaminister Dr. Goebbels, ein widersprüchlicher Fund.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s