Nicht jedes Trauma ist nachrichtentauglich

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Das fiel mir gerade auf: Von traumatisierten Geflüchteten ist in diesen Monaten häufig die Rede. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass in den vergangenen 26 Jahren auch nur annähernd so viel über traumatisierte DDR-Bewohner*innen berichtet worden ist.

Von den ca. 300.000 von der SED und ihrer Staatssicherheit verfolgten Ostdeutschen dürften weit über 100.000 traumatisiert sein.

Bei Stefan Trobisch-Lütge, Politische Traumatisierung in der ehemaligen DDR/SBZ und ihre Verarbeitung im (post)traumatischen Raum des wiedervereinigten Deutschlands, Zeitschrift für Politische Psychologie, Jg. 14, 2006, kann man dazu lesen:
Nicht selten wurden bei den Gefangenen gezielt Todesängste hervorgerufen, um Geständnisse zu erpressen.

(Nach dem Mauerbau:) Körperliche Übergriffe wurden seltener. Stattdessen ging die DDR in dem Bemühen, internationales Ansehen zu gewinnen und den Vorwurf von Menschenrechts-verletzungen auszuräumen, immer mehr zu „unsichtbaren“ Druckmitteln über: zu den subtilen Methoden der psychischen Folter, um ein Geständnis über „staatsfeindliche Machenschaften“ zu erzwingen oder Informationen zu erhalten.

Sind die seelischen Folgen von Hafterfahrungen noch relativ klar psycho-traumatologisch zu erfassen, so sind „Zersetzungsmaßnahmen“ außerhalb der Haftanstalten nur sehr schwer nachweisbar, haben aber oftmals zu schweren psychischen Folgeschäden geführt. Die DDR galt in einem Ausmaß geheimpolizeilich überwacht wie noch keine andere europäische Gesellschaft zuvor in der Geschichte. Private und öffentliche Personen gleichermaßen waren inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Sie bespitzelten und wurden bespitzelt, ein feines, alldurchdringendes Netz von Misstrauen, Kontrolle, Druck und Angst entstand. Nicht selten wurde die Überwachung des privaten Raums von Menschen durchgeführt, die selbst Teil dieser Privatsphäre waren.
Nicht vergessen werden sollte, dass traumatisierende Erfahrungen nicht nur in den MfS-Haftanstalten und Zuchthäusern gemacht wurden. Es  gab im, heute gerne so genannten DDR-Alltag ausreichend Gelegenheit, traumatisierende Erfahrungen zu machen: der obrigkeitsstaatliche Umgang mit den Menschen, das Gefühl, eingesperrt zu sein, das Schikanieren und Lächerlichmachen etwa von christlich erzogenen Kindern in der Schule.
Hinzu kommt nach der sog. Wende die Erfahrung, dass die DDR oft schöngeredet wird und dass nicht wenige der damaligen Unterdrücker besser dastehen als die von ihnen Unterdrückten.
Ich erinnere mich an eine Ostdeutsche, die in einem Dokumentarfilm verriet, dass sie, wenn sie Dr. Gregor Gysi in Berlin sieht, die Straßenseite wechselt.
Nachtrag 5.1.16: Wie liebevoll und fürsorglich man sich in Berlin um traumatisierte Ex-Dschihadisten kümmert, war im Tagesspiegel zu lesen (via Antje Sievert auf AchGut).

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