Der phänomenale Rechercheverbund

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Seit einiger Zeit macht ein „Rechercheverbund von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung“ von sich reden.

Zuerst fiel mir Watergate ein und Bellingcat. Ich erwartete, dass jetzt in Deutschland ähnlich mutig und knallhart recherchiert würde. Ein wenig neidisch bin ich schon, dass der Abgasskandal deutscher Firmen oder der FIFA-Skandal nicht von einem deutschen Rechercheverbund aufgedeckt worden ist.

Dennoch schien von Anfang an ein gedankliches Fragezeichen auf. Wieso Rechercheverbund? Passt das nicht zu genau zum Zeitungssterben, Auflagenschwund und der Zusammenlegung von Redaktionen? War das eine Sparmaßnahme? Und dann die ungewöhnliche Zusammenarbeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (öR) mit einer privaten Zeitung.

Ist nicht gerade der öR, der mit seinem Milliardenbudget fast 80 Radiostationen und fast 20 TV-Programme  und ein immer umfassenderes digitales Angebot unterhält, der Totengräber der Printmedien? Zeitungsverleger und öR streiten sich vor Gericht wegen des wachsenden Angebots im Internet. Und jetzt die Zusammenarbeit beim Recherchieren.

Aber der Berg kreißte und gebar eine Maus.

Was veröffentlichten die investigativen Mitarbeiter bei ihrem angeblich größten Coup? Sie übernahmen Daten eines US-amerikanischen Instituts zu Briefkastenfirmen, die Panama-Papers. Briefkastenfirmen sind nun wirklich kein Aufreger mehr. Immer mehr Staaten arbeiten bei der Verhinderung solcher Konten zusammen, immer mehr Offshore-Anbieter erschweren die Eröffnung eines solchen Kontos. (Dass Briefkastenfirmen geächtet sind, hat nur die SPD noch nicht mitbekommen. Deren Pressekonzern unterhält eine Briefkastenfirma in Hongkong.)

Jede Woche hört man vom Rechercheverbund. Hat er nicht gerade aus einer Anklageschrift zitiert, die erst eine Woche später öffentlich gemacht werden sollte? Anklageschriften sind ja in Rechtsstaaten keine Geheimsache. Haben sie nicht Zwischenstände aus den TTIP-Verhandlungen öffentlich gemacht? Oder irgendetwas von Edward Snowden recycelt? Und jetzt der große Coup, dass Flugtickets von Hackern geknackt werden können. In der Tagesschau wurde sogar auf die Gefahr unkontrollierter Ein- und Ausreise auf Grund von gehackten Tickets hingewiesen. (Braucht man keinen Ausweis mehr?) Eingefügt am 29.12.16: Der Rechercheverbund hat recherchiert, dass die Sicherheitsbehörden siebenmal über den Breitscheidplatz-Attentäter geredet hätten. Auch dies eine Meisterleistung des investigativen deutschen Journalismus. Dass Amri als Gefährder bekannt war, war der Öffentlichkeit bekannt. Dank des Rechercheverbundes von NDR,WDR und SZ wissen wir jetzt, dass sie siebenmal über ihn konferiert hatten.

(Das Problem der Behörden ist, dass sie wenig tun können, bevor ein handfester Verdacht auftaucht oder etwas passiert. Datenschutzgesetze verhindern den Zugriff der Sicherheitsdienste auf Telekommunikationsdaten. Längerfristige Abschiebhaft für abgelehnte Asylbewerbe ist zwar bis zu 18 Monaten möglich, aber das zu anzuordnen, traut sich keiner, weil sofort Menschenrechtsaktivist*innen, die evangelische Kirche und linke Parteien einen Shitstorm entfesseln. Rund-um-die-Uhr-Bewachung von Gefährdern geht nicht, weil dazu das Personal fehlt und die Geheimdienste auch eher abgebaut als aufgestockt werden. Residenzpflicht für Geflüchtete ist gesetzlich möglich, wird aber ungern angeordnet, da Menschenrechtsaktivist*innen darin ein Unrecht erblicken. )

Eingefügt am 12.1.17: Der Rechercheverbund entdeckt, „marode Kernkraftwerke“, die man daran erkennt, dass ihr Notkühlwasser vorgeheizt werden muss.

Weiterer Nachtrag: Der Rechercheverbund hat herausgefunden, dass das FBI herausgefunden hat, dass VW-Manager schon früher als bisher zugegeben von der Abgasmanipulation wussten.

Wie reagieren eigentlich die ARD-Politmagazine, die jahrelang die Last des Recherchierens auf ihren Schultern getragen haben, jedes für sich. Kann man die jetzt einsparen? Und das gesparte Geld für die Übertragungsrechte vom UEFA-Cup verwenden? Die beachtliche politische Klartext-Sendung des rbb gibt es schon nicht mehr. Die Landesregierung von Brandenburg wird es freuen.

Ist es Zufall, dass sich drei linke Medien zusammengetan haben? SZ, NDR und WDR, nicht BR, SR oder mdr und die Welt?

Worüber die eifrigen Investigativen ungerne reden, ist ihre Zusammenarbeit. Niemand weiß, ob es einen Vertrag gibt, wer was bezahlt. Bekannt ist nur, dass Georg Mascolo, ehemaliger Spiegel-Chefredakteur, einen Vertrag mit dem WDR hat, der aber nicht die Leitung des Rechercheverbundes explizit enthält.

Wie man es besser macht, zeigen die USA, wo es pro publica gibt, einen transparenten, unabhängigen, non-profit Newsroom

pro publica Webseite (in Englisch)

Wikipedia (gibt auf Deutsch verkürzt den About Us-Text der Webseite wieder.)

 

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