Das „Massaker“ von Odessa

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via Voices of Ukraine (maidantranslations.fiels.wordpress.com)
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Am 2.5.2014 kam es in Odessa/Ukraine im Zuge pro-russischer, separatistischer Aktivitäten zu Auseinandersetzungen zwischen pro-ukrainischen und pro-russischen Aktivist/-innen. Die Separatisten besetzten das Gewerkschaftshaus. Es wurde Feuer gelegt. 48 Menschen kamen im Feuer zu Tode.

Sofort lief die russische Fake-Industrie zu Hochform auf. In Deutschland übernahmen linke wie rechte Medien – z. B. taz, Heise Online, Deutsche Wirtschaftsnachrichten – die Informationen von Russia Today. Nicht nur Frau Dr. Wagenknecht sprach unablässig von den in Kiew regierenden und den in Odessa marodierenden Faschisten. Bedächtigere deutsche Außenpolitiker waren bestürzt und forderten von ukrainischen Behörden strikte Aufklärung.

Eine dubiose „Wanderausstellung“ (siehe die TASS-Meldung) tourte in der Folgezeit durch Europa und „bewies“ das Narrativ vom „rechten Mob“ (Heise-Magazin) als Übeltäter. In Berlin wurde sie im August 2014 im Büro der kommunistischen Jungen Welt gezeigt.

Erste Zweifel an dem Narrativ von den ukrainischen Faschisten kamen, als man auf Videoclips sehen konnte, dass die angeblichen Faschisten versuchten, Menschen aus dem Feuer zu retten, z. B. ein Baugerüst anschleppten oder Seile warfen. Es gab Beifall, wenn jemand gerettet wurde. Von Separatisten wurden aber vom Dach des Gewerkschaftshauses Steine geworfen, aus dem Gebäude wurde geschossen.

In einer Anhörung von Augenzeugen im Europaparlament im Juni, organisiert von einer pro-russischen lettischen Europaabgeordneten, trat überraschend ein Zeuge auf, der anderes berichtete als die separatistischen Augenzeugen. Die Abgeordnete versuchte vergeblich, ihn am Reden zu hindern.

Spätestens seit August hätte man es besser wissen können. Damals veröffentlichte eine Charkower Menschenrechtsgruppe eine akribische Dokumentation, in der auch nicht verschwiegen wurde, dass vereinzelt aus dem Gewerkschaftshaus Flüchtende verprügelt wurden. (Aber nicht zerstückelt, wie das Russia Today gemeldet hatte.)

Jetzt, im September 2016 legte die Untersuchungskommission der odessitischen Polizei Material vor, das die Ereignisse vom 2.5. 14 in einen größeren Zusammenhang einordnen konnte: Es war der zweite Anlauf Russlands, die „Volksrepublik Odessa“ auszurufen, in der Nachfolge der Ausrufung der separatistischen Volksrepubliken Luhansk und Donezk. Mit der abtrünnigen Volksrepublik Odessa wäre Neurussland auf ukrainischem Boden komplett gewesen und man hätte eine Landverbindung zur annektierten Krim gehabt.

Es gibt inzwischen aufgefundene E-Mails und Telefongespräche, die belegen, dass die Aktivitäten für die Volksrepublik Odessa aus Moskau gesteuert wurden, von Putinberater Sergei Glazyev. Der versuchte, kurz nach der erfolgreichen Übernahme der Krim, das weitere Vorgehen zu koordinieren. Ähnlich wie auf der Krim, wo russische Soldaten operierten, während das Parlament Putin um Hilfe bat, sollte es auch in Odessa ablaufen: Die anonymen uniformierten grünen Männchen sollten in Odessa das Regionalparlament umstellen.

Am 1. 3. 14 waren 5.000 Separatisten in Odessa, darunter auch eine russland-freundliche Neonazitruppe. Es war übrigens der Tag, an dem Putin von der Duma die Erlaubnis erhielt, jederzeit russische Truppen ins Ausland zu schicken. Der vom Regionalparlament zu beschließende Hilferuf lag vor, der Vorsitzende hatte, warum auch immer, eingewilligt, das Parlament zu einer Sondersitzung einzuberufen.  Der Plan ging nicht auf, pro-russische Aktivisten wurden aus dem Parlament geworfen, vor dem Gebäude versammelten sich Odessas Bürger/-innen. Das Parlament verurteilte die russische Aggression auf der Krim und den Einmarsch russischer Soldaten in die Ukraine. diese erste Aktion war also aus dem Ruder gelaufen.

Von Russland werden die geleakten Dokumente nicht bestritten. Man kann die Telefonstimmen ja Sprechern durch Stimmenvergleich zuordnen. Auch wird das Szenario von ukrainischen prorussischen Neonazis bestätigt.

Link zum Bericht auf StopFake.Org. Dort wird versucht, die russische Fake-Produktion gegen die Ukraine aufzuklären.

Mich wundert, dass keines der Medien, die die russischen Narrative übernommen haben, davon berichtet.

Wikipedia, in dem ständig Aktualisierungen erfolgen, hat kurz davor akrualisiert, seither nicht mehr. Die Zeit hat eine Woche nach Erscheinen des Berichts ganz allgemein über Putins psychologische Kriegsführung gegen die Ukraine geschrieben, nicht über die Enthüllungen zu Odessa.

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