Kontextualisierung der DDR? Gerne, dann aber auch das Dritte Reich

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Vor einem halben Jahr schrieb ich etwas zu einem Tagungsbericht, in dem Historiker/-innen zum Ausdruck brachten, dass sie keine Lust mehr hätten, die DDR nur von ihrem Ende her zu denken. Sie wollen einen frischen Blick auf die DDR werfen, ihre Fortschrittlichkeit und Modernität aufzeigen. Sie wollen nicht mehr über Repression, Todesschüsse, Mangelwirtschaft oder Umweltverschmutzung schreiben. Sie wollen die DDR kulturgeschichtlich betrachten.

Dazu muss man die DDR kontextualisieren. Sie eben nicht mehr mit westlich-bürgerlich-kapitalistischen Augen sehen. Verstanden werden könne die DDR nur, wenn man sie im kultur- und alltagsgeschichtlichen Zusammenhang sieht.

Wikipedia erklärt „Kontextualisierung“. Daraus diese Auszüge:

Hinter dem Konzept der Kontextualisierung steht die Überzeugung, dass komplexe und vielschichtige Wörter oder Sätze nur aus ihrem geeigneten sprachlichen Kontext heraus zu sehen und verstehen sind, ebenso wie kulturelle Objekte nur aus ihren kultur- und alltagsgeschichtlichen Zusammenhängen heraus. Es geht immer darum, die richtigen Bezüge herzustellen…
Im Fach Deutsch versteht man unter Kontextualisierung einer Textvorlage, dass der Schüler in seinem Aufsatz außertextliche Bezüge zum vorliegenden Text herstellt (historische, soziologische, politische Einflüsse, literaturgeschichtliche Einordnung, Vorwissen über den Autor oder die Werkgeschichte, Kenntnisse von anderen Texten zum gleichen Thema oder Motiv).

„Die richtigen Bezüge darstellen“ hieße eben, nicht das „westliche“ Konzept der Menschenrechte als Maßstab der DDR-Betrachtung heranzuziehen, sondern inwieweit es der SED gelungen sei, die allseits entwickelte sozialistische Persönlichkeit zu erschaffen.

Man stelle sich einmal vor, dieses Erkenntnisinteresse würde auf den Nationalsozialismus angewandt werden!

Wer das versucht, wird brutalstmöglich abgestraft: Ernst Nolte etwa, der es gewagt hatte, einen „Nexus“, eine Beziehung, zwischen Nationalsozialismus und Bolschewismus herzustellen. Dabei war es für die Zeitgenossen kein Geheimnis, dass sich die zwei – verwandte – Weltanschauungen gegenüberstanden. Augenfällig wurde das auf der Pariser Weltausstellung 1936, wo die Pavillons der UdSSR und des Dritten Reiches Nachbarn waren.

Daran, dass die Bolschewisten das Bürgertum als Klasse ausmerzen wollten, bestand kein Zweifel. Die Ermordung der Zarenfamilie und die Millionen in den Hungertod getriebenen, angeblich wohlhabenden ukrainischen und polnischen Bauern (Kulaken) Anfang der 30er Jahre verhießen nichts Gutes. In diesem Kontext darf der Nationalsozialismus als Reaktion auf den Klassenmord aber nicht erzählt werden.

Die nationalsozialistische Polenpolitik könnte so kontextualisiert werden: Das NS-Regime setzte fort, was von den Weimarer Regierungen begonnen wurde. Es gab Verhandlungen zum Korridor, zum Bau einer Transitstraße und Kompensationsangebote an die polnische Regierung.

Es war aber auch bekannt, dass die polnische Seite in den 30er Jahren mehrfach in England wegen Rückendeckung verhandelte, da man militärisch bis zur Elbe, einige Extremisten sprachen auch vom Rhein, vorstoßen wollte. Der Einmarsch der Wehrmacht in Polen war nicht der erste Schritt der Nazis. Sie haben verhandelt, wie die Weimarer Regierungen auch. Die deutschen Einwohner/-innen Danzigs, keineswegs nur die Nazis, wollten nichts sehnlicher als „heim ins Reich“.

Der Kontext der nationalsozialistischen Rassentheorie, die Verbesserung der „arischen“ Rasse etwa durch die Operation Lebensborn und vor allem die Sterilisierung von geistig Kranken, knüpfte an die Diskussion über lebenswertes und lebensunwertes Leben in den USA, in England und Frankreich an. Vieles, was den Nazis angekreidet wird, stammt aus US-amerikanischer Fachliteratur. Ein typischer liberaler US-Politiker dachte, was Sterilisierung betraf, nicht anders als ein Nationalsozialist.

Deswegen heiße ich das nicht gut, schon gar nicht, dass es in die Euthanasie mündete, in die Aktion T4. Aber ich will aufzeigen, dass Kontextualisierung, wenn sie schon propagiert wird, nicht allein bei der DDR-Forschung praktiziert werden darf.

Also bitte, liebe frisch denkenden DDR-HistorikerInnen, wenn schon Kontextualisierung, dann grundsätzlich. Oder geht es euch darum, die DDR zum Weltkulturerbe zu modellieren?

Bei den Neudenker*innen drängt sich der Eindruck auf, dass mit Kontextualisierung die Verniedlichung der DDR betrieben wird.

Bei Kontextualisierung der NS-Herrschaft kommt es mir im Gegenteil darauf an, die „postfaktische“ Sicht auf den Holocaust zu hinterfragen. Wenn man von einem unfassbaren, alles Dagewesene überschreitende, unerklärbaren Menschheitsverbrechen redet, braucht man nicht weiter zu forschen. Eine Kontextualisierung, die Untersuchung von größeren Zusammenhängen, die Einordnung in zeitliche Tendenzen und Konzepte, wie das etwa Götz Aly gemacht hat, würde den Nationalsozialismus keineswegs verharmlosen. Im Gegenteil, es wäre beunruhigend zu erkennen, wieviel Zeitgeist, wieviel social engineering, wieviel sozialistischer Chiliasmus in ihm steckt.

(Dass „Kontextualisierung“ aus der Linguistik stammt, wäre einen eigenen Beitrag wert. Der Genderismus macht es gerade vor, dass nicht länger die Wirklichkeit wichtig ist, sondern wie man darüber redet. „1984“ lässt grüßen. )

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Ein Kommentar zu „Kontextualisierung der DDR? Gerne, dann aber auch das Dritte Reich

    […] Siehe im Blog auch „Fröhliche DDR-Aufarbeitung“ und „Kontextualisierung der DDR“ […]

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