Linguistische Narrative

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Das Goethe-Institut (Slogan: Sprache. Kultur. Deutschland) bringt auf seiner Webseite ein Interview mit der Soziologin, Journalistin, Framing-Coach(in) und Sprachforscherin Dr. Elisabeth Wehling und empfiehlt ein zum Thema passendes Buch von ihr.

Die Wissenschaftlerin hält es für inhuman und entindividualisierend, vom Flüchtlingsstrom zu sprechen und von Flüchtlingen. Wer das Wort Flüchtling verwende, unterschlage die Fluchtursachen. Die Wissenschaftlerin weiß: „Der Mensch, der zu uns kommt und Schutz sucht, ist in der Regel ein Mensch, der nicht ohne Grund kommt. Da ist jemand, der flüchtet vor etwas… Bei „Flüchtlingen“ hat man gedanklich nicht hineingebracht, wovor sie weglaufen, wovor sie flüchten.“ Wer Flüchtling sagt, so meint die Sprachforscherin, mache sich weniger Gedanken über die Herkunft und die Ursache der Flucht. Bei „Flüchtenden“ werde dagegen hervorgehoben, dass sie immer noch auf der Flucht sind. Bei „Geflüchteten“ denke man an den Ort, den sie verlassen mussten.

Dann gibt sie noch einen entlarvenden Hinweis: Das Wort „Flüchtling“ hätte im Deutschen kein Geschlecht. Anders eben, als wenn man „der Flüchtende, die Flüchtende, der Geflüchtete, die Geflüchtete“ sage.

Der Interviewer, der FAZ-Journalist Patrick Bahners, gibt sich redlich Mühe, Einwände zu formulieren. Eine Flucht ohne Gründe gäbe es doch auch bei Flüchtlingen nicht. Auch sein Hinweis auf den jahrhundertelangen Gebrauch von Flüchtling überzeugt die Wissenschaftlerin nicht. Goethe und die Gebrüder Grimm waren gestern. Katja Kipping von der Linkspartei mache es hingegen richtig und spräche von Geflüchteten.

Also aufgepasst! Wer von Flüchtlingsstrom redet und Flüchtling statt der/die Flüchtende sagt, entindividualisiert und unterschlägt die Fluchtursachen. Er/sie steht mit einem Bein schon im Lager von Pegida und Co.

Aufmerksam auf die Goethe-Instituts-Webseite wurde ich durch den Kommentar von Henryk M. Broder auf Achgut.

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2 Kommentare zu „Linguistische Narrative

    […] für unsensibel hält, weil die traumatischen Erfahrungen der Flucht damit nicht zum Ausdruck kämen, wieviel mehr versteckt das harmlose Wörtchen „Migration“ die Schikanen, die […]

    Gefällt mir

    Ampelmaennchen und Todesschuesse sagte:
    14/11/2016 um 6:44 pm

    […] ein paar Tagen hatte ich das linguistische Narrativ einer Sprachwissenschaftlerin erwähnt, die uns weniger gebildeten Menschen einen Spiegel vors Gesicht hält, in dem wir erkennen, wer das […]

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