Was ich gerade lese

Gepostet am Aktualisiert am

Die Erinnerungen von Wolf Biermann: Warte nicht auf bessre Zeiten.

Ein großartiges Buch. Ein packender Zeitzeugenbericht des inzwischen Achtzigjährigen. Das klingt nach Waschzettel, aber es stimmt.

Biermann berichtet von den X. Weltjugendfestspielen in Ostberlin 1973: Der Kontrollapparat lief auf Hochtouren. Tausende MfS-Mitarbeiter waren in der Stadt an Diskussionspunkten im Einsatz, teils als FdJler verkleidet. Studenten der Humboldt-Universität sollten Positionen der DDR verteidigen. Zivile MfSler sollten gefährliche Flugblätter einkassieren und „negative Personen“ verschwinden lassen. Die NVA hatte Fallschirmjäger in Bereitschaft versetzt. 800 Bürger mussten die Stadt verlassen, 2.000 waren verhaftet, 3.000 im Vorfeld kontrolliert worden, 477 wurden in psychiatrische Kliniken eingewiesen, 20.000 wurden von einer Fahrt nach Ostberlin abgehalten. Es waren dann nur noch 24 Verhaftungen während der „staatlich verordneten Jugendfröhlichkeit“ nötig. (p 277)

Biermann imponiert mir nicht zuletzt deswegen, weil er sich zuletzt nicht mehr als Kommunist begreift, als der wahre, bessere Kommunist im Gegensatz zu den regierenden Genossen. Manès Sperber („Wie eine Träne im Ozean“) zieht ihm den vereiterten Zahn (Biermann). Er macht ihm klar, dass es den guten, richtigen Kommunismus nicht gibt. „Nach dem blutigen Scheitern dieser eitlen Hoffnung auf die paradiesische Lösung der sozialen Frage, nach den Millionen Morden“, solle er mit diesem „Kinderglauben“ brechen. „Sie sollten den Mut haben, sich auf das Niveau ihrer eigenen Verse wagen.“ Die Korrektur eines Irrwegs sei kein schäbiger Verrat. (p 376f)

Lesenswert ist das Buch auch, weil es angesichts der gegenwärtigen Weichzeichnung der DDR noch einmal illustriert, wie schäbig, verlogen und menschenverachtend dieser Staat DDR hinter seiner Fassade des besseren Deutschlands gewesen ist.

 

Thomas Meyer, Die Unbelangbaren. Wie politische Journalisten mitregieren.

Wem das von links- und rechtsaußen verwendete Wort von der Lügenpresse nicht gefällt, findet hier eine sachliche, unpolemische Darstellung, warum das Zeitungswesen so geworden ist, wie es ist: Unfähig zur Selbstkritik, unbelangbar eben.

 

 

 

Tom Holland, Dynastie. Glanz und Elend der römischen Kaiser von Augustus bis Nero

Es geht einmal nicht um Russland, die UdSSR oder Maos Volksrepublik China (Siehe im Blog die Sommerlektüren 2016!)

Anders als der frühere Geschichtsunterricht, wo man die Kaisernamen als Liste lernen musste, entwirft Holland eine Gesamtschau der Epoche, zeigt die verwandtschaftlichen Bindungen und Abhängigkeiten auf und entwirft ein Bild der römischen Gesellschaft der frühen Kaiserzeit.

Anschaulich erzählt, wenngleich das eine oder andere Detail der flüssigen Erzählung wegen auch erfunden sein kann.

 

Zum Schluss doch wieder etwas über Russland:

Wolfgang Gremp, Die Oligarchen

Die in Russlands wilder Jelzin-Zeit durch Übernahme von Staatskonzernen mit skrupellosen Machenschaften reich gewordene Gruppe.

Ich lese die ersten drei Bücher parallel. Dieses habe ich noch nicht angefangen. Doch:

Eine unterhaltsam erzählte Kriminalgeschichte der russischen und ukrainischen Oligarchen.  Es ist atembreaubend, mit welch krimineller Energie die Oligarchen sich bereichert haben, sich gegenseitig übers Ohr hauen, mit oder gegen Putin agieren, die Öffentlichkeit durch PR-Agenturen täuschen, durch hochbezahlte Kanzleien gegen Staaten, gegen die Werften, die ihre Yachten bauten, oder gegeneinander prozessieren.

Auch Michail Chodorowski, der sich nach seiner Entmachtung und Verurteilung durch Putin als Oppositioneller und Philanthrop inszeniert, kommt nicht besser weg: Auftraggeber von Morden und Mädchenhändler.

Prof. Wolfgang Kemp, Kunsthistoriker, arbeitet die Strukturmerkmale des Oligarchen heraus. Symptomatisch sind für ihn die sündhaft teuren, sich in der Länge gegenseitig übertrumpfenden Yachten der Milliardäre. Sie sind schwimmende Festungen, ausgestattet mit übergroßen Tanks, Sicherheitsverglasung, mechanischen und elektronischen Abwehrwaffen. Sie dienen als Fluchtorte, als Konzernzentralen, als diskreter Treffpunkt mit westlichen Politikern und als Partyraum für Orgien mit ukrainischen und russischen Prostitutierten.

Trotz des manchmal ironischen, jedenfalls unterhaltsamen Stils:  Kemp verweist auf nahezu jeder Seite auf seine Quellen. Die sind nahezu ausschließlich englischsprachig. Vergleichbare deutschsprachige investigative Berichte scheint es nicht zu geben.

Die deutschen Medien und die einschlägigen Wissenschaften sind vollauf beschäftigt mit Studien zum  Abbau des deutschen Sozialstaats, der wachsenden Armut und sozialen Ungleichheit in Deutschland und dem Kampf gegen Rechtspopulismus.

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4 Kommentare zu „Was ich gerade lese

    […] manipulativ, dass ich ihm seine tiefe Betroffenheit nicht abnehme. Er ist einer der hoch bezahlten Unbelangbaren, die nervös werden, weil ihre „Qualitätsmaßstäbe“ nicht mehr kritiklos hingenommen […]

    Ampelmaennchen und Todesschuesse sagte:
    26/05/2017 um 9:26 am

    […] der mir, dem lebenslangen, begeisterten Zeitungsleser die Lektüre inzwischen verleidet. Viele „Unbelangbare“ informieren nicht mehr, begründen nicht mehr, sondern polemisieren, predigen und verkünden ihre […]

    […] Biermanns Autobiographie gibt es viele Sätze, die ich angestrichen habe und am liebsten herausschreiben möchte. Wenigstens […]

    […] Wolfgang Gremp in seinem Essay „Die Oligarchen“ sieht bei Chodorkowsky allerdings nur die üblen Machenschaften eines Oligarchen. […]

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