Presseschelte

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„Lügenblatt“, Steidl-Verlag 1980; eig. Foto

Lang ist es her, dass ich meinen Schülern das Zeitunglesen nahe legte. Es gab in meinem Deutsch- und Politikunterricht regelmäßig Zeitungsanalyse. Die weltanschauliche Orientierung der Zeitungen wurde durch Fallanalysen, im Vergleich der Berichterstattung zu einem Ereignis, herausgefunden. Die journalistischen Textsorten wurden geübt. Regeln für Reportage, Nachricht und Kommentar wurden erkannt, vor allem der Unterschied von Kommentar und Nachricht. Die Tricks der Human-Interest-Stories der Bildzeitung wurden, dank Günter Wallraff, durchschaut.

Gelegentlich stellte mir ein Verlag einen Klassensatz zur Verfügung. Wir besuchten eine Zeitungsredaktion. In der Schulbibliothek gab es eine Tageszeitung.

Meine Schüler konnten es kaum fassen, dass ich mehrere Zeitungen las.

Heute würde ich die Lektüre von Zeitungen nicht mehr so enthusiastisch empfehlen. Ich bin sehr unzufrieden, bei wenigen Ausnahmen, mit der Berichterstattung durch Zeitungen. (Politik im Fernsehen ist noch problematischer. Dazu vielleicht ein anderes Mal.)

Ich darf, bei aller Pressekritik, jetzt nicht vergessen, mich von den „Lügenpresse“-Schreiern von links und rechts zu distanzieren.

Es mag sein, dass ich mich selbst gegenüber der Zeit vor 30, 40 Jahren geändert habe. Möglicherweise bin ich kritischer geworden. Dank des Internets verfüge ich jetzt über Quellen, die ich damals nicht hatte: einfacherer Zugang zu ausländischen Zeitungen, zu Bloggern, denen ich vertraue, zu Teams, die aufmerksam machen auf fehlerhafte Zitate, auf Unterlassungen und Einseitigkeiten, auf Wertungen, die eigentlich dem Leser überlassen bleiben sollten. Nicht zuletzt habe ich als Ruheständler mehr Zeit, mich zu informieren.

Zwar hat der Publizist Paul Sethe schon 1965 gesagt: „Pressefreiheit ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.“ Sehen wir näher hin: Der Verleger Axel Springer verfügte mit der Bild-Zeitung über ein unappetitliches Massenblatt mit vergleichsweise gigantischer Auflage von über 6 Millionen. Es hielt, nach Vorgabe Springers, Distanz zu den politisch Mächtigen, besaß allerdings die Macht, den Bundestag aus den Sommerferien heraus zu einer Sitzung zu veranlassen.

Es war einfacher, die weltanschauliche Orientierung der Zeitungen in der alten Bundesrepublik zu erkennen: Die katholische „Rheinische Post“, die evangelische „Christ und Welt“, die linksliberale „Frankfurter Rundschau“, die wirtschaftsnahe, früher rechtskonservative „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, die früher sehr konservative, betont israelfreundliche „Welt“ des Springer-Verlages.

Im Pressewesen findet eine enorme Konzentration statt, die Auflagen gehen überall zurück. Zieht man die vielen Freiexemplare für Fluglinien und Hotels ab, liegt die Nettoauflage noch ein gutes Stück unter den offiziellen Zahlen. Unter dem derzeitigen Chefredakteur Kai Diekmann sank die Bild-Auflage von 4,5 auf 1,8 Millionen. Die christlichen Zeitungen, darunter befand sich sogar eine Zeitlang die Neugründung „Publik“, spielen keine große Rolle mehr. Die „Frankfurter Rundschau“ wird jetzt vom Verlag der FAZ betreut und damit vor der Pleite bewahrt. Ihren Politik-„Mantel“ bekommt sie von einer „Hauptstadtredaktion“ des DuMont-Verlages, der auch die „Berliner Zeitung“, den „Kölner Stadtanzeiger“ und andere beliefert. Der Verlag wirbt für dieses „neue Konzept“. Zahlreiche Lokal- und Regionalzeitungen gehören zu Pressekonzernen, die, statt überall festangestellte Redakteure zu beschäftigen, von einem zentralen „Newsdesk“ aus den Politik- und Wirtschaftsteil für ihre Lokalzeitungen liefern.

Der öffentlich-rechtliche TV-Moloch und die privaten TV-Firmen müssen auch erwähnt werden. Die ehemaligen regionalen Programme senden nicht mehr nur in der Vorabendzeit wie früher einmal, sondern rund um die Uhr. Dazu kommen je bis zu fünf regionale, aber auch überregional zu empfangene Radioprogramme mit teilweise halbstündlichen Nachrichtensendungen. Manchmal gibt es auch noch einen weiteren TV-Kanal („BR-Alpha“). Die Sender verfügen über ein Milliardenbudget aus Gebühren, Werbeeinnahmen und den Gewinnen der ihnen gehörenden Produktionsfirmen. Nicht nur mit diesem Angebot machen sie den Zeitungen Konkurrenz. Sie drängen auch ins Internet und bieten dort eine immer umfassendere Berichterstattung in Text, Bild und Video.

Was hat das alles mit meiner angekündigten Pressekritik zu tun? Sehr viel! Die – trotz Paul Sethe – früher vorhandene Meinungsvielfalt hat erheblich abgenommen. Wenn Redaktionen aufgelöst werden und Stellen wegfallen, ist man vorsichtiger mit dezidierten Meinungsäußerungen. Es kann  ja sein, dass man sich morgen um eine Stelle bei der Konkurrenzzeitung oder als Pressesprecher in einem Ministerium bemüht. Man orientiert sich an dem, was die anderen schreiben. Der personelle Austausch funktioniert bruchlos. Man wechselt von der Bild zum Spiegel, von der taz zur Welt.

Zeitungskritik untereinander findet nicht statt. Daher sind es überall dieselben Aufreger, mit denen die Seiten gefüllt werden: die Willkommenskultur, die angeblich wachsende Armut und Ungleichheit in Deutschland, der Sexismus und Rassismus weißer, heterosexueller Männer, die rechtspopulistische AfD. Und zwar unkritisch. Eine sachlich-nüchterne Betrachtung der deutschen Einwandererpolitik der letzten beiden Jahre fand ich erst in der „Neuen Zürcher Zeitung“. Immerhin hat der Chefredakteur der „Zeit“ gerade eingestanden, dass er sich schon längst einmal auch ein kritisches Wort zur Willkommenskultur in der Presse gewünscht hätte. Dafür hätte er doch längst sorgen können. Seine Zeitung gehört allerdings zu den eifrigsten Willkommenskulturverfechtern.

Die Presse gibt ihre eigentliche Domäne, die solide und kritische Information über das Zeitgeschehen, auf. Wir ahnungslosen Leser müssen uns darauf verlassen, dass das, was in der Zeitung steht, wirklich wichtig und wirklich richtig ist. Und nicht nur das, was die Journalisten für wichtig halten und wie sie die Welt sehen.

Ein Beispiel ist für mich der Genderismus. Ich fand in der Mainstream-Presse keine einzige positive Rezension des genderkritischen Buches eines renommierten Naturwissenschaftlers. Er wurde verurteilt, ohne dass ein einziges seiner Argumente widerlegt wurde. (Sogar die FAZ machte mit!) Der Tagesspiegel schoss den Vogel ab mit einer ganzen Serie genderistischer Artikel. Da Genderkritik inzwischen als Ausdruck rechtsextremer Gesinnung gilt, wie die Bundeszentrale für politische Bildung quasi regierungsamtlich verkündet, schlägt man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe:

Man wird aktiv gegen alles, was rechts ist. Und folgt damit einer Querfront von ganz linksaußen (Antifa) über linke Sozialdemokraten, linke Grüne, die evangelische Kirche bis in die linksliberale MItte der Gesellschaft. Linke Gewalt, linker Populismus, Rassismus, Sexismus und Homophobie bei Einwanderern existieren nicht.

Dei Medienelite geht konform mit der politischen Elite. Dem Kampf gegen rechts, dem sich Bundesminister verschrieben haben, in dem sie die Hass-Kampagne einer fragwürdigen Stiftung unterstützen, haben sich mehrere Zeitungsredaktionen und auch eine TV-Redakteurin angeschlossen. Letztere sitzt sogar im Stiftungsrat.

Eine unabhängige Berichterstattung ist dann nicht mehr zu erwarten.

Ich könnte das fortsetzen mit der israelkritischen Informationspolitik. Der sich in Europa ausbreitende Antisemitismus macht vor deutschen Zeitungen nicht Halt. Israelhasser Jakob Augstein darf sich im „Spiegel“ abreagieren. Nichts auf der Welt ist für ihn schlimmer als Israel. Und wenn einer seiner Kommentare einmal nicht bei den Juden die Schuld sucht – was sehr selten passiert – sind es die USA oder westliche Nachrichtendienste. Die taz findet, dass Israel am Terrorismus der Araber selbst schuld ist. (Der Satz wurde am 20.1.17 eingefügt.) Der Süddeutschen Zeitung wird vorgeworfen, das ein oder andere Mal eine Karikatur veröffentlicht zu haben, die an das Zerrbild vom Juden im nationalsozialistischen „Stürmer“ erinnert. Im Tagesspiegel wird behauptet, in Iran (ausgerechnet!) würden die jüdischen Gemeinden blühen. In Palästina sind immer die Araber die Opfer, die Juden die Täter. Wenn die Hamas von Gaza aus Raketen nach Israel schießt, gelingt manchem Redakteur die Schlagzeile: „Israel bricht die Waffenruhe“.

Dass die AfD in der rechtsextremen Ecke gelandet ist, ist nicht zuletzt das „Verdienst“ der Medien. Das öR-Fernsehen ist nicht besser als die Presse ist. Unvergesslich ist mir eine Sendung, in der über die AfD getalkt werden sollte. Der damalige AfD-Vorsitzende Prof. Lucke saß an einem Katzentisch, nicht etwa auf dem Podium. Erst nach Protest aus dem Publikum durfte er dahin. Die Moderatorin konfrontierte ihn dann mit einer in ihren Augen fremdenfeindlichen Parole seiner Partei. Lucke konterte, dass der Satz auch im Wahlprogramm der CSU stünde.

Mag sein, dass andere nach all diesen Fällen noch kein negatives Gesamtbild der Presse bzw. der Medien erkennen mögen. Ich bleibe dabei: Da ist etwas ins Rutschen geraten. Journalisten machen selbst Politik, sie belehren und erziehen ihre Leser, sie verletzen professionelle journalistische Prinzipien.

Die digitalen Medien und das TV sorgen für eine Beschleunigung. Die Nachricht kommt als „Breaking News“, nahezu in Echtzeit. Twitter zeigt in ersten Aufnahmen das noch abstürzende Flugzeug. Die Toten sind buchstäblich noch nicht ganz tot, in der Brennpunkt-Sendung am gleichen Tag sind hin- und herfahrende Einsatzwagen von Polizei und Feuerwehr zu sehen und zuhören und zahlreiche Expert/-innen spekulieren in alle Rihtungen. Da können die Printmedien nur hinterher hinken. Aber sie werden notgedrungen alarmistischer, stürzen sich auf Gerüchte und unbelegte Vermutungen und füllen damit ganze Seiten. (FAZ-Feuilletonchef Frank Schirrmacher schrieb darüber: Dr. Seltsam ist online.)

Diesen Wettlauf können Zeitungen nicht gewinnen. Sie verlieren aber ihre Glaubwürdigkeit und Seriosität. Daher versuchen manche Journalisten, selbst Politik zu machen. Der Spiegel, vor allem Spiegel Online, können das gut. Man ruft jemanden zu einem Kandidaten für ein bestimmtes Amt aus. Man hebt einen Politiker in den Himmel und lässt ihn demnächst fallen. Z. B. spürt man in jedem FAZ-Interview mit ihr, dass die Redakteure die Verteidigungsministerin von der Leyen nicht mögen. Oder in den nationalen ARD-Wellen DLF und DRadio lassen Interviewer*innen manchen Interviewten deutlich spüren, dass er eine von der ihren abweichende Meinung vertritt.

Viel Wirbel machen neuerdings die investigativen Recherchen von Journalisten, die Skandale aufdecken. Mich erinnert das daran, dass es das viele Jahrzehnte nicht (mehr) gab. Jetzt gibt es u. a. die Berichte der Funke-Mediengruppe, einem Konzern mit zahllosen lokalen und regionalen und einigen überregionalen Blättern, oder die eines  „Rechercheverbundes von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung“, in denen etwas Unerhörtes aufgedeckt wird.

Recherche ist also zusammengeschrumpft auf Verbünde, weil sich eine einzelne Zeitung so etwas nicht mehr leisten kann. Und was kommt dabei heraus? Es gibt anonyme Nummernkonten in Panama und anderswo, auf denen die Reichen ihr Vermögen verstecken. Das ist bekannt, daran arbeiten Regierungen. (Dass SPD-nahe Firmen Nummernkonten in Hongkong besitzen, erfahre ich anderswo.) Oder dass Geheimdienste Telefongespräche abhören. Ist das so aufregend neu? Der Diesel-Abgasskandal hingegen, verursacht von deutschen Konzernen, wurde in den USA aufgedeckt. Dort, wo angeblich niedrige Umwelt- und Verbraucherschutzstandards herrschten.

Es ist nicht zuletzt auch die Sprache, die schlechter geworden ist, die zunehmenden Rechtschreib- und Grammatikfehler. Sie machen sogar vor der FAZ nicht halt.

Motiviert, endlich einmal etwas dazu zu schreiben, hat mich:

Thomas Meyer, Die Unbelangbaren. Wie politische Journalisten mitregieren, Berlin 2015

Der emeritierte Politikwissenschaftler hat mehrere andere Beispiele, wie Journalisten arbeiten, z. B. der Umgang mit dem früheren Kanzlerkandidaten Steinbrück.

Gert Scobel über das Buch

Prof. Meyer macht auch darauf aufmerksam, dass sich die Journalisten letztlich der Kritik entziehen können, bzw. sie filtern. Es gibt keine Öffentlichkeit, in der Pressekritik stattfinden kann. Sie wird erst durch die Journalisten hergestellt. Und deren Neigung zu Selbstkritik sei nicht besonders groß.

Thomas Meyer empfiehlt u.a. Tissy Bruhns, Die Republik der Wichtigtuer. Ein Bericht aus Berlin.

Die Journalistin Bruhns beschreibt die ersten Jahre der Berliner Republik. U. a. auch, wie sich die Politik-Berichterstattung nach dem Umzug der Regierung von Bonn nach Berlin 1999 geändert hat. Erkennbar wird die Dominanz des Fernsehens gegenüber den Printmedien. Was sich noch veränndert, beschreibt der Journalist Günter Bannas: Die Medien schaffen sich ihre eigene Wirklichkeit, in der nicht mehr die Inhalte, sondern die Inszenierungen entscheidend sind.  (S. 47)

Zeitungen, denen ich im Großen und Ganzen vertraue, sind FAZ und die dazu gehörige „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“. Dann auch die „Neue Zürcher Zeitung“, der britische „Guardian“ und das US-amerikanische Magazin „The Atlantic“, gelegentlich schaue ich auch in die „Welt“. Dann gibt es Blogs wie „Science Files“ und „Achgut“. Achgut wird inzwischen nicht nur von einem Manager einer regierungsnahen Werbeagentur, sondern auch von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung als „neurechts“ denunziert.

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Ein Kommentar zu „Presseschelte

    […] sie es doch, die ihr Monopol auf Information der Öffentlichkeit zu verlieren drohen. Die bisher unbelangbare Vierte Gewalt im Staat konnte Politiker nach Gutdünken herauf- und herunterschreiben, wie es Kai […]

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