Soziologische Bestätigungsforschung

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Vor einem Jahr schrieb ich mir (im Blog „Basedow1764“) meinen Frust über die überflüssig gewordenen akademischen Fächer Sozial- und Politikwissenschaften von der Seele. Die Soziologie bestehe heute in weiten Teilen aus Armuts- und Frauen- bzw. Genderforschung, schrieb ich. Die sozialwissenschaftlichen Lieblingsvokabeln seien: rassistisch, rechtspopulistisch, islamophob, neoliberal, sexistisch, benachteiligt, unterprivilegiert, frauenfeindlich. Die müsse man nicht mehr definieren. Sie zu verwenden zeige, dass man auf der richtigen Seite stünde.

Gerald Wagner macht in seinem Bericht vom Deutschen Soziologentag 2016 (FAZ v. 5.10.16, p N3, „Soziale Ungleichheit ist nicht das Böse“) einen einfachen Vorschlag, den umzusetzen vielen Soziologen aber schwerfallen wird.

Es gehe in immer wieder neuen Studien darum, dass Armut und Arbeitslosigkeit die Bildungverläufe von Kindern negativ beeinflussten. Es würden Armutskarrieren aus Hartz-IV-Familien untersucht und immer wäre die Schule unfähig, Ungleichheit abzubauen. Die Norm für die Soziologie wäre Gleichheit. Sie erforsche Ungleicheit, was zu einer „völlig überraschungsfreien Bestätigungsforschung“ führe. Die herrschende empirische Sozialforschung, so Wagner, bestätige, was man schon vorher gewusst habe. Diese Art der Forschung könne man eigentlich lassen und das gesparte Geld in die Pädagogik geben.

Wagner schlägt nun vor, statt auf immer dieselben sozialstatistischen Daten zurückzugreifen und mit jeder neuen Studie die vorhergehenden Studien über soziale Ungleichheit und Benachteiligung in Schule und Arbeitswelt zu bestätigen, doch einmal zu untersuchen, wie es passieren kann, dass manchen Kindern aus bildungsfernen Schichten ein Bildungaufstieg gelingt.

Ich frage mich schon bei Gelegenheit ganz unwissenschaftlich, was da passiert ist: Wenn ich eine türkischstämmige Abiturientin bei „Wetten dass…“ glänzen sehe oder ein türkischstämmiger Jurist in einer Nachrichtensendung zu hören ist. Dass nicht nur die Schule am mangelnden Bildungserfolg Schuld hat und Ungleichheit produziert, wie Studien immer wieder herausgefunden haben wollen, zeigen mir die Bildungsverläufe von Kindern anderer Herkunft. Früher galt das für die Einwanderer aus Portugal oder Griechenland, oder es ist die hohe Zahl der Abiturienten in (christlichen) vietnamesischen Familien.

Schrecken Soziolog/-innen davor zurück, Ursachen von Ungleichheit auch in der familiären Erziehung zu erforschen?

Nicht zuletzt Schule könnte, so Wagner, davon profitieren, wenn ein Paradigmenwechsel der soziologischen Forschung dazu führen würde, nicht immer neu von ihr Unmögliches einzufordern.

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