Lesetipp: Uwe Gerig, Abgeschafft! Plötzlich war der Osten Westen

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Das schmale Bändchen enthält mehrere, heterogene Teile. Auf den ersten ca. 70 Seiten erzählt der Großvater dem 14jährigen Enkel vom Leben in Ostdeutschland: von der Stasi, vom Aufstand 1953, vom Mauerbau, von seinem Beruf als Journalist, von den Dienstreisen in unpünktlichen, schmutzigen Zügen, seinem widersprüchlichen Alltag als Mitarbeiter in SED-Zeitungen, in denen überall dasselbe stand, von den ständig erneuerten Parolen und Propagandabildern an den Hausfassaden, gemalt mit Farbe, die dann beim Renovieren der Häuser fehlte. Das ist so gut erzählt, dass es Jugendliche verstehen können.

Dem SED-Mitglied Uwe Gerig, dem es in der DDR materiell keineswegs schlecht ging, gelang 1983 über Jugoslawien mit seiner Frau zusammen die Ausreise. Die zwanzigjährige Tochter schaffte es nach zweimonatigem nervenstarken Ringen mit der Staatssicherheit per Sonderverfügung, ausreisen zu dürfen.

In einem weiteren Teil ist eine Auswahl von erstaunlich offenherzigen Briefen aus seinem ostdeutschen Bekanntenkreis an den inzwischen im Westen lebenden Journalisten dokumentiert. (Sie wurden zumindest teilweise anscheinend auf Westreisen geschrieben.) Auch sie geben einen eindrucksvollen Einblick in das alltägliche Leben, die Beobachtungen der Briefpartner auf Westreisen, bei Besuchen der großmütigen Westverwandtschaft, die zum Jeans-Einkauf in den Intershop einlädt.

Schließlich gibt es ein Glossar der „seltsamen Begriffe des Sozialismus“ wie Broiler, zuführen, abkindern und Bückware.

Die Westdeutschen sieht Gerig sehr kritisch.

Er wirft ihnen vor, gegen alles Mögliche in der Welt demonstriert zu haben, nur nie an der Zonengrenze gegen die DDR. Sie hätten kein Interesse am Schicksal der Ostdeutschen gehabt. Da neige ich zu dem Satz: „Der Zeitzeuge ist der Feind des Historikers“. Denn ganz so war es nicht. Ich gebe zwar zu, dass es für mich reizvoller, einfacher und schneller war, mal kurz nach Paris oder London zu fahren, als in die langweilige, graue DDR. Aber eine westdeutsche Ostpolitik gab es von Anfang an. Die zielte zuerst auf die Ausgrenzung von Pankow und der sog. DDR, wich dann einer Annäherung, bei der man versuchte, die Diktatur genigter zu machen, indem man sie als normalen Staat behandelte. Egon Bahr hoffte sogar, sie innerhalb von fünf Jahren durch Wirtschaftshilfe so flott zu machen, dass die Genossen dann bereit wären, über eine Konföderation mit der Bundesrepublik nachzudenken.

Jede Bundesregierung achtete ab 1951 bis 1990 darauf, dass die DDR durch den Interzonenhandel, den zinslosen Überziehungskredit, die Zollfreiheit durch de-facto-Zugehörigkeit zu EWG und EU wirtschaftlich profitierte. Nicht zu erwähnen die Milliarden Überweisungen für den Transitverkehr, den Gefangenenfreikauf, den Bau von Autobahnen auf DDR-Territorium. Also mit dem Rücken zur DDR hat man in Westdeutschland nicht gelebt. Dass die SPD dann die friedliche Revolution verschlief, weil sie nur mit den Ostberliner Genossen redete, lässt sich allerdings nicht wegdiskutieren.

Noch schlechter als die Westdeutschen kommen bei Gerig allerdings Bürgerrechtler wie der Pfarrer Dr. Schorlemmer weg, die die DDR erhalten und bloß etwas bunter und lebenswerter machen wollten. Die erklärt er mit Recht zu einer Fußnote.

Neben all dem lesenswerten Text muss den Fotos dieses Büchleins Bewunderung gezollt werden. Die gehören in eine Reihe mit beeindruckenden Fotodokumentationen zur untergegangenen SED-Diktatur, nicht zuletzt die grauslichen Bilder von kostümierten Alt-GenossInnen anlässlich eines Umzugs im Jahr 2011.

Uwe Gerig, Abgeschafft! Plötzlich war der Osten Westen. Mein Enkel fragt: Warum?, Shaker Media, Aachen 2015

 

 

Der Erzählung des Großvaters und der Fotos wegen sollte der preiswerte Band in Schulbibliotheken vorhanden sein, zum Vorlesen im Unterricht und Selberlesen für aufgeschlossene Schüler/-innen.

 

 

 

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