Kinderarmut à la Bertelsmann

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Der Tagesspiegel, selbst ernanntes Leitmedium der Berliner Führungskräfte, hat heute sein großes Thema: „Reiches Land, arme Kinder“. Es geht um die angeblich wachsende, gegen Menschenrechte verstoßende deutsche Politik. Neben dem fast halbseitigen Artikel gibt es noch einen Kommentar, der ins selbe Horn stößt. In beiden Textsorten wird die Pressemitteilung der Sozialforscher/-innen der Stiftung nacherzählt. Es bleibt noch Platz für die Erwähnung der Wertung aus den Reihen der Grünen: „Eine beschämende Studie“.

Nun kommen drei Dinge zusammen, bei denen bei mir die Alarmglocken läuten:

  1. Das Wort „Studie“
  2. Die Bertelsmann-Stiftung
  3. Der Tagesspiegel (TS)

Als ich noch unterrichtete, schlug ich meinen Schülern immer vor, bei kontroversen Themen und hitzigen Debatten doch einmal nachzulesen, was im Gesetz, im Gerichtsurteil, in der Studie wirklich stünde. Man solle nicht alles, was man aus zweiter Hand erfährt, sofort glauben.

Immerhin war im TS zu lesen, dass der Journalist den Unterschied zwischen dem rein statistischen Wert der Armutsgefährdung, die bei 60% des Medianeinkommens beginnt, aber nichts über Armut aussagt, und realer Armut kennt. (Die ARD-Berichterstatterin allerdings verwendet in ihrem TV-Clip zur Studie unverdrossen die 60% des Nettoäquivalenzeinkommens.)

Nur, so weist Michael Klein in seinem Blog Science Files nach, dass es den Wissenschaftler/-innen der Bertelsmann-Stiftung weder um Armutsgefährdungsziffern noch um reale Armut geht. Er hat nämlich das gemacht, was ich zwar propagiere, oft aber aus Bequemlichkeit oder des Arbeitsaufwandes wegen nicht gemacht habe: Er hat die Studie gelesen!

Nicht gelesen haben sie die „Expert/-innen“ von TS und ARD: Für Bertelsmann-WissenschaftlerInnen sind nämlich alle Kinder arm, die in Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften leben.

Am selben Tag lese ich in der FAZ, dass 62.000 deutsche Kinder weniger im Vergleich zum Vorjahr von Hartz-IV leben müssen. Das wird allerdings fast gänzlich aufgehoben durch die Flüchtlingsfamilien mit Kindern, die mit ihrer Asylanerkennung Hartz-IV erhalten.

Bertelsmann setzt noch eins drauf: Nicht nur die materielle Armut wäre belastend, sondern je länger Kinder in Armut lebten, desto negativer wären die Folgen für ihre Entwicklung und ihre Bildungschancen. Sie hätten häufig kein eigenes Zimmer, keinen Rückzugsort für Schularbeiten, äßen kaum oder gar kein Obst und Gemüse… Das zeige eine Metastudie, die Claudia Laubstein, Gerda Holz und Nadine Seddig vom „Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V.“ in Frankfurt am Main angefertigt hätten.

Nur, so Michael Klein, der auch die Metastudie, also die Auswertung einer Reihe von Studien zu einem Thema,  gelesen hat, finde man darin einen vernichtenden Befund über die Forschung zu Kinderarmut in Deutschland: Es gäbe kaum Studien, es gäbe keine gesicherte Definition von Kinderarmut darin, es gäbe keine Langzeitbetrachtungen, keine Konzepte, keine systematischen Betrachtungen, es gäbe die Vermischung von materieller Armut und sozialer Ungleichheit, kurz: es gäbe keine gesicherten Befunde.

Link zu Science Files

Zu Armutsforschung auch hier!

Mit diesem Text gehe ich über die Thematik dieses Blogs hinaus. Allenfalls könnte man konzedieren, dass die angebliche Zunahme von Armut, von sozialer Ungleichheit, der Kluft zwischen Armen und Reichen, der Verlust des sozialen Zusammenhalts, was immer das auch sein mag, linke Schlagwörter sind. Ich habe in dem von mir beendeten Schulbiblioteksblog „Basedow1764“ gerne den ungenauen oder gar falschen Umgang der Medienschaffenden mit Statistik und ihre oft nur partielle Informiertheit über das politische Geschehen gern aufgegriffen. Im Bildungsbereich hat sich nämlich der Begriff „Informationskompetenz“ ausgebreitet. Dieser ursprünglich aus der akademischen Bibliothekswissenschaft stammende Begriff wird inzwischen von Bibliothekaren verwendet, meist mit der Beifügung mangelnde Informationskompetenz. Damit meinen sie, dass Studenten, Lehrer und Schüler, letztlich alle Welt, keine Ahnung hätten, wie man sich (vor allem im Internet) zuverlässige Informationen beschafft. Abhilfe könnten aber Schulungen durch Bibliothekare schaffen. Ich werde ab und zu jetzt in diesem Blog auch das Thema Informationskompetenz, wie ich es verstehe, aufgreifen.

(Mehr zu Informationskomptenz im „Basedow1764“)

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