Die Kriminalgeschichte vom Wiederaufbau des Stadtschlosses in Potsdam

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Michael Schöne, Autor des Buches „Stadt sucht Mitte. Potsdams Weg zum neuen Stadtschloss“, redet selbst nicht von Kriminalgeschichte, er schildert sachlich und zurückhaltend das zwanzigjährige Bemühen um den Wiederaufbau des im Krieg beschädigten, dann von der SED 1961 gesprengten Stadtschlosses. Aber ich nehme an, dass er manchmal die Faust in der Hosentasche geballt haben muss.

Dr. Schöne ist Rechtsanwalt und Immobilienunternehmer, der in Berlin und Potsdam Häuser gekauft, renoviert und verkauft hat. Er war Vorsitzender des Vereins Potsdamer Stadtschloss. Dem Verein, so stellt er bedauernd fest, gehörte mit einer einzigen Ausnahme, kein gebürtiger Potsdamer an, sondern nur Zugezogene.

Das Gelände des Stadtschlosses liegt in der alten Mitte Potsdams, am Alten Markt, benachbart sind die Nikolaikirche und das alte Rathaus. Es war nach der Sprengung 1960 fünfzig Jahre eine Brache im Herzen der Stadt. Das Theater, das an seiner Stelle vorgesehen war, wurde von der SED dort nie gebaut.

Umgeben war die Brache vom Gebäude einer Fachhochschule, das sich über zwei frühere kleinteilige Quartiere und eine Gasse dazwischen erstreckte und die Nikolaikirche verdecken sollte. Die gleich daneben am Havelufer stehenden Häuser waren im Krieg zerstört worden, dort waren wilde Parkplätze entstanden. Im ehemaligen Lustgarten des Schlosses wurden ein Plattenbauhochhaus, ein Interhotel, errichtet, und ein Fußballstadion.

Schönes Hauptargumente für den Wiederaufbau waren zum einen, dass durch die Wiedererrichtung der Alte Markt wieder zum Herzen von Potsdam werden würde. Zum andern rechnete er vor, dass erst durch diesen Bau das gesamte Gebiet attraktiv für  Investoren werden würde und Potsdams leere Mitte wieder mit Leben gefüllt würde. Es würden Büros, Praxen, Geschäfte, Cafés, Hotels entstehen und Arbeitsplätze geschaffen werden. Touristen würden nicht mehr nur einen Tagesausflug von Berlin nach Sanssouci machen, sondern das Stadtschloss und das Ensemble um den Alten Markt entdecken. Das ist inzwischen eingetreten.

Merkwürdigerweise hat dieses Argument, die Aufwertung und Neubelebung des gesamten Quartiers durch den Schloss-Wiederaufbau, in der zwanzigjährigen Diskussion nie eine Rolle gespielt. Es wurde von der politischen Klasse im Land und der Stadt nicht aufgegriffen. (Dass jetzt von Potsdamer Linksextremisten im Zusammenspiel mit der Linkspartei Entscheidungen zur Erneuerung der Potsdamer Mitte wieder in Frage gestellt werden – Abriss der Fachhochschule, Abriss des Plattenbauhochhauses, zeigt, wie leicht Abneigung gegen reiche Neubürger und Gleichgültigkeit gegenüber feudalistischen Schlössern und Gärten mobilisiert werden können und linkspopulistische Parolen vom Potsdamer Barockfaschismus und Sichtachsenfetischismus verfangen.)

Ein entscheidender Impuls für das Schloss kam durch die Notwendigkeit, entweder den Sitz des Brandenburger Landtages in einem eher an der städtischen Peripherie gelegenen Altbau, in dem schon die SED-Bezirksverwaltung residierte, mit hohen Kosten zu sanieren oder einen Neubau zu errichten. Nun galt es, dafür zu werben, den Landtag in ein wenigstens äußerlich dem alten Schloss nachempfundenen Bau in der Stadtmitte einziehen zu lassen.

Letztlich waren Schöne, seine Mitstreiter/-innen im Verein und die Mäzene erfolgreich. Aber er, wie viele für Potsdam Engagierte, hat die Ambivalenz dieser Stadt erfahren. Die Bürokratie der Potsdamer Stadtverwaltung, ganz anders als etwa die Dresdner, lässt Investoren verzweifeln. Viele der aus West-Berlin und Westdeutschland zugezogenen Neubürger machten dieselbe Erfahrung. Jauch und Plattner, der sogar bedroht worden sein soll, haben inzwischen ihr Engagement zurückgefahren oder ganz eingestellt. Den Schlossbefürwortern machte es die Potsdamer Stadtverwaltung, in der nach der Wende noch diejenigen saßen, die die Sprengung des Schlosses organisiert hatten, besonders schwer. Schöne gibt dafür zahlreiche Beispiele. Das vergleichsweise geringste zeigt die Verbissenheit der Schlossgegner in der Stadtverwaltung: Auf dem Alten Markt war ein Stand des Vereins Potsdamer Stadtschloss. Natürlich mit behördlicher Genehmigung und nach Begleichung des Gebührenbescheids. Der gehbehinderte, am Stand ehrenamtlich tätige Mann, parkte sein Auto gleich nebenan, dort wo Mitarbeiter/-innen der Fachhochschule parken durften (Obwohl auf dem gesamten Platz Parkverbotsschilder standen.) Eine Erlaubnis erhielt er vom Ordnungsamt nicht, dafür aber jedes Mal ein Knöllchen.

Finanzminister Rainer Speer, entschiedener Gegner des Schloss-Wiederaufbaus, musste die Beschlüsse für den Wiederaufbau umsetzen. Mit zahlreichen Tricks versuchte er die Bemühungen der Schlossbefürworter zu erschweren, Gremienentscheidungen zu unterlaufen, unklare Planungen zu seinen Gunsten zu nutzen.

Mäzen Hasso Plattner, der mit einer Spende von über 20 Millionen € in letzter Sekunde ein originalgetreues Kupferdach ermöglichte, erhielt vom Finanzminister nie eine Abrechnung über die Verwendung der Mittel. Auch die zweckgebundene Verwendung der Spenden vom Verein wurden nie belegt. Die Spenden, auch die Plattners, flossen in die allgemeinen Baukosten.

Dabei hätten aus den Restmitteln der Plattnerspende die fehlenden Dachskulpturen restauriert oder nachgebaut werden können. Der niederländische Baukonzern war mehrmals gezwungen, nachträglich Verbesserungen vorzunehmen. Schönes Fachleute haben errechnet, dass der Konzern dabei nicht gerechtfertigte Mehrkosten in Rechnung stellte. Von Plattners Spende müssen Millionen übriggeblieben sein, die in die allgemeinen Baukosten flossen.

Während sich die Landtagspräsidentin bei Schöne und seinem Verein für die ersten restaurierten Dachskulpturen bedankt, entscheidet der Direktor des Landtages, dass nach Abschluss der Bauarbeiten am Schloss für die Installation der Dachskulpturen ein neuer Bauantrag gestellt werden müsste. Er aber bescheidet Schöne: „Wir stellen keinen!“ Während der Bauzeit hatte sich der Baukonzern geweigert, die Skulpturen aufzustellen aus Angst, bei einer eventuellen Beschädigung ersatzpflichtig zu werden.

Anders als beim Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche gab es in Potsdam wenig  kleinere Spenden aus der Bürgerschaft. Dass Potsdam, DDR-Frontstadt zu Berlin (West), eine Hochburg linientreuer Genoss/-innen und Kader war, ist bis heute spürbar. Immerhin, für die Schlossgegner und Preußenhasser in der Linkspartei, die in den 90er Jahren bis zu 38% der Stimmen und heute noch in manchen Stimmbezirken über 50% erhalten, war es ein Schock, dass bei einer Bürgerbefragung sogar ihre Klientel mehrheitlich einen Schlossneubau nicht ablehnte.

Dass der Schlossbau schließlich gelang, gegen die Stadtverwaltung, gegen Finanzminister Speer, gegen mehrheitlich uninteressierte, gleichgültige oder ablehnende Kommunal- und Landespolitiker/-innen, grenzt an ein Wunder. Dass Potsdam nicht, wie manch andere ostdeutsche Stadt, etwa Dessau und Rathenow, die Wende nicht verschlief, ist nicht einer vorausschauenden, ideenreichen, tatkräftigen Stadtverwaltung und Stadtpolitik zu verdanken, sondern der extrem günstigen Lage am Rande Berlins, seiner Schlösser und Parks und dem Zuzug von engagierten Westberlinern und Westdeutschen.

 

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