Weil er in Ostdeutschland 1990 scheiterte, verhalf Herbert B. Schmid Estland zu einem Wirtschaftswunder

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Vor einem Jahr veröffentlichte der CDU-Wirtschaftsrat einen Artikel von Jasper von Altenbockum aus der FAZ:

Herbert B. Schmid ist inzwischen 81 Jahre alt. Er ist Ludwig-Erhard-Fan und war Geschäftsführer des CDU-Wirtschaftsrates. Nicht überall bekannt ist seine Mitwirkung beim Wiederaufbau des Staates Sachsen.

Er ließ sich im März noch in die DDR einbürgern. In Dresden hielt er private Vorlesungen über Marktwirtschaft. Unter seinen Hörern waren Stanislaw Tillich und Arnold Vaatz. Er gründete eine CDU-Wirtschaftsvereinigung in Sachsen. Es entstand ein Gesprächskreis, in dem alle Fragen des Neuaufbaus diskutiert wurden.

Schmid gab Lothar de Maizière in Ostberlin, inzwischen DDR-Ministerpräsident, Ratschläge, ebenso dem Bundeskanzler in Bonn. Er war de facto der für Wirtschaft zuständige Mann im DDR-Bezirk Dresden geworden.

Schmid machte Bonn darauf aufmerksam, das bei Übernahme des westdeutschen Personalvertretungsrechts durch den Einigungsvertrag Hunderttausende von SED-Genossen in den Verwaltungen der untergehenden DDR unkündbar würden.

Aber weder die Bundesregierung noch die in Bonn eifrig antichambrierenden alten DDR-Seilschaften hatten ein Interesse daran, das zu ändern.

Auch bei der Treuhand sah er früh Probleme. Weder hielt er etwas von dem ursprünglichen Treuhand-Modell der Anteilsscheine für das Volk noch davon, dass die alten Eliten Firmen kaufen durften. (Was bei den LPGen nahezu durchgängig passierte.) Schmid favorisierte ein drittes Modell. Das sah vor, dass ein Interessent eine Garantiesumme hinterlegte und zusagte, Arbeitsplätze zu erhalten und zu investieren. Er wollte das bei der Entflechtung der HO-Kette praktizieren.  Es sollte ein Existenzgründungsprogramm für Einzelhändler werden. In Sachsen gingen 12.000 Gebote für 4.000 Objekte ein. Am Ende mussten den Bietern die eingezahlten Garantiesummen zurückgezahlt werden. Die alten HO-Genossen und westdeutsche Handelskonzerne verzögerten das Verfahren bis zum 3. 10 1990. Die Konzerne wollten keine neuen Konkurrenten m Osten. Am Tag der Einheit trat die von der Volkskammer dafür beschlossene Gesetzesnorm außer Kraft. Als Trost blieb ihm, dass sein Modell später in US-amerikanischen Universitäten unterrichtet wurde.

Genauso ungewöhnlich war sein Plan in Sachsen Autobahnen privat finanzieren und bauen zu lassen. Bis Ende 1990 gab es Vorverträge mit einer österreichischen Firma für die Strecken Dresden Prag und Dresden-Görlitz. Es sollte eben nicht zehn Jahre dauern wie bei den westdeutschen Autobahnbauämtern üblich. In Bonn empfand man Schmids Vorhaben als dreist. Am 3. Oktober erhielt er ein Fax mit der Aufforderung, die Planung einzustellen. Es dauerte dann die üblichen zehn Jahre, bis in Sachsen die ersten neuen Autobahnabschnitte in Betrieb gingen.

Das ist eine Überraschung. Die Wendezeit war also doch eine Zeit vieler neuer Ideen. Und es war nicht nur die eines milderen, besseren Sozialismus, von dem manche Bürgerrechtler/-innen träumten. Schmids marktwirtschaftliche Ideen scheiterten am Unwillen der Bonner Regierung, an den Interessen westdeutscher Konzerne und den alten SED-Seilschaften.

Er ging nach Estland. Dort suchte man, nach der Befreiung von der Sowjetunion, das Heil in einer radikalen Marktwirtschaft. Bis 1995 blieb er. 1996 schrieb die Weltbank von einem estnischen Wirtschaftswunder.

 

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