Ich liebe den rbb (Neue Lieferung)

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Im Grunde tun sie mir leid, die 24-Stunden-Plauderer auf den Infokanälen wie etwa Radio 88,8. Jede volle Stunde dieselben Pressemitteilungen von Parteien, Verbänden und Forschungsinstituten verlesen, immer gut drauf sein und nicht vergessen, die große, wunderbare, einzigartige Monitorwand zu erwähnen, auf der sie Staus in und um Berlin sehen.

Heute ist das „Thema, das ganz Berlin bewegt“ die Fahrpreiserhöhung im öPNV. Ein Sprecher des Verkehrsverbundes und ein Sprecher des Fahrgastverbandes dürfen 90 Sekunden ihre Argumente austauschen. „Natürlich dürfen Sie sich ins Wort fallen“. (Seltener Augenblick: Man duzt nicht.) Der Kommunikationsprofi vom Fahrgastverband nutzt das weidlich aus. Ich verstehe weder den einen noch den andern, da sie gleichzeitig reden. Die Moderatoren finden das Duell geil. Man sieht es beim Hörfunk zwar nicht, aber ich vermute, dass sie sich vor Begeisterung auf die Schenkel geklopft haben. Alle zwei Stunden wird das „Gespräch“ wiederholt.

Es gibt eine neue Talkshow mit Jörg Thadeusz. Eine politische! Mit Jörg Thadeusz! Wie er mit Politik umgeht, zeigte er schon in seiner anderen Unterhaltungssendung „Dickes B.“: Da stellt er erst Fragen. Wenn es dann zu politisch wird oder zu grundsätzlich, zieht er die Notbremse: Eine Bundestagsabgeordnete der Grünen und die Krimi-Autorin Thea Dorn saßen 2010 bei ihm. Sie beklagten, dass es keine ernsthaften Diskussionen über den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr gäbe. Auch das Schreien der Linken sei blanker Populismus. Da ging Thadeusz sofort dazwischen. Er warf den beiden Frauen einen “Hang zur Inhaltlichkeit” vor, den er kurz vor Mitternacht in seiner Talkshow nicht haben wollte. (Nicht zu vergessen: die Linkspartei war damals in Berlin und ist in Brandenburg Regierungspartei und sitzt auch im Rundfunkrat.)

Jetzt lädt er sich eine Handvoll Journalisten ein, mit denen er über Politik plaudern will. Ich habe die erste Sendung nicht durchgehalten. Deswegen länger aufzubleiben, lohnte nicht. Dabei war auch die Journalistin Mely Kiyak. Sie hatte Thilo Sarrazin in der “Frankfurter Rundschau” und der “Berliner Zeitung” eine “lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur” genannt. (Sarrazin ist im Gesicht nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt.) Aber auch sie enttäuschte und hauchte nicht mit neuen „flapsigen Bemerkungen“ (Die taz über ihr „Argument“ gegen Sarrazin) der Sendung Leben ein. Immerhin redete sie einmal von Bumsen. Das Thema Sex muss ihr am Herzen liegen, so nannte sie einen ihr gegenüber kritischen Leser „Flachwichser“.

Nachtrag 2016: Gegen Rechtspopulisten schlägt sie –in der Zeit! – nach Antifa-Manier „Hausbesuche“ vor.

Immerhin, den Tiefpunkt der TV-Unterhaltungspolitik erreicht Thadeusz noch nicht. Der Pokal gebührt Michael Friedman. Der tätschelte einst im HR seine „Gesprächspartner“ auf den Oberschenkel, packte sie am Arm, ging dicht an sie heran und ließ sie vor allem nicht länger als sechs Sekunden reden, dann fiel er ihnen ins Wort.

Macht es noch Sinn, in der Schule Diskussionsregeln aufzustellen und das Argumentieren zu üben?

Vieles kriege ich zum Glück nicht mit. Es gibt ja das Jazz-Radio und ByteFM. Dass ich Thadeusz et al. aber mit einer „Demokratieabgabe“ mitfinanzieren muss, ist ärgerlich.

(Der Text stand zuerst 2013 in meinem inzwischen eingestellten Blog „Basedow1764“)

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Ein Kommentar zu „Ich liebe den rbb (Neue Lieferung)

    […] Thadeusz, der rbb-Talker, gefiel mir überwiegend nicht. Er lässt Mely Kiyak zu Wort kommen, die ich eher zum Schweinejournalismus zählen würde, auch […]

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