Lesetipp: „Geteilte Ansichten. Jugendliche stellen Fragen zur deutschen Einheit“

Gepostet am Aktualisiert am

Wenn es um die DDR im Schulunterricht geht, wird geklagt, dass Schüler/-innen zu wenig beigebracht würde. Abgesehen von der Unlust mancher Lehrer reicht oft die Zeit nicht oder die Stundentafel gibt wenig her. In Brandenburg z. B. bleiben im 10. Schuljahr nur wenige Stunden vor den Sommerferien.

Dabei ist das Interesse der Schüler und Schülerinnen da. Oder man kann es wecken. Leider aber steht im Unterricht und in Lehrbüchern immer noch die Institutionenkunde im Vordergrund, etwa der Staatsaufbau der DDR oder die Gliederung der SED.

9783764170370 (582x800)Da ist es günstig, ein Buch wie „Geteilte Ansichten. Jugendliche stellen Fragen zur deutschen Einheit“, hrsg. v. Julia Baloth und Birgit Murke, Berlin 2015, 9,95 €, aus dem Ueberreuter-Verlag zur Verfügung zu haben.

Durch 17 Interviews mit Menschen, die zwanzig Jahre vor oder zwanzig Jahre nach dem Bau der Mauer geboren sind, in Westdeutschland oder in der DDR oder in beiden Staaten gelebt haben, wird dieser untergegangene Staat anschaulicher als durch Organigramme zum Regierungssystem. Der Buchtitel macht es schon deutlich: Es gibt zur DDR (und zur Bundesrepublik) unterschiedliche Wahrnehmungen.

So ist das nun einmal mit Zeitzeugen. Auch dies sollte Ziel guten Geschichtsunterrichts sein: Nicht alles zu glauben, was man liest. Etwa wenn der Cartoonist Olaf Schwarzbach davon spricht, dass sie (im Osten) dialektisch geschult waren und darum politische Vorgänge komplex gesehen und gesellschaftskritisch gedacht hätten. Ist das jetzt ein Lob der DDR-Staatsbürgerkunde oder hat er missverständlich formuliert? Er wisse nicht, ob Schule heutzutage noch unterstütze, dass man so politisch denke.

In einigen Interviews kommt die stereotypische Lobpreisung der kostenlosen Gesundheitsfürsorge in der DDR oder  des „Nett-zueinander-seins“ vor. Das sollte man im Unterricht nicht für bare Münze nehmen, sondern problematisieren können. Es gibt genügend DDR-Bürger, die darin eher einen Nachwende-Mythos sehen als die ostdeutsche Realität.

Das schmälert den Wert des Buches in keiner Weise. Durch die 17 unterschiedlichen, ja widersprüchlichen Erlebnisse und Meinungen kann das Interesse geweckt werden, intensiver in das Thema einzusteigen.

Es sind Schüler/-innen, die die Interviews durchführen. Sie haben die Biographien ihrer Gesprächspartner studiert und sich über die DDR informiert. Sie gehören zu einer Initiative, die Literaturkurse an Berliner Schulen anbietet. Sonst befragen sie Autoren und Verleger, rezensieren Bücher und diskutieren über Literatur. Es sind also besonders aufgeschlossene Schüler. Ihre Hobbies, die auch genannt werden, sind häufig lesen, Interesse für Politik oder Theater spielen.

Zu den Interviewpartnern gehören u. a. Katja Lange-Müller, Hanna Schygulla, Klaus Kordon, Marianne Birthler, Ines Geipel, Claudia Rusch und Sten Nadolny und Rainer Eppelmann.

Die Interviews, von Teenagern geführt, sind nicht zu lang und gut zu verstehen. Fremdwörter werden von den Interviewten fast immer vermieden. Fachausdrücke und Namen werden auf Pinnwand ähnlichen Seiten mit Karten, Fotos, Zeichnungen und kurzen, einfachen lexikalischen Einträgen erklärt. Also gerade richtig für die obere Mittelstufe und Oberstufe. Aber auch lohnend für Erwachsene.

Hier sind wunderbare Passagen, die ich gefunden habe: Klaus Kordon erklärt völlig ungedrechselt, anders als Gysi, Lothar de Maizière oder Sellering, was ein Unrechtsstaat ist: „Ein Staat, in dem man keinen Rechtsanwalt zu sehen bekommt, bevor man nicht alles gestanden hat, das ist schon mal ein Unrechtsstaat.“

Marianne Birthler gewinnt den Stasi-Akten einen positiven Aspekt ab: „Wenn man sich überlegt, über wen die Staatssicherheit Berichte geschrieben hat. Es waren überwiegend Personen, die zum interessanteren Teil der Bevölkerung gehörten. Es waren die mutigen Menschen, die widersprochen und sich schon früh gewehrt oder sich unangepasst verhalten haben. Die einen eigenen Kopf hatten, aus ihrer Meinung keinen Hehl machten oder einfach nur bunte Haare hatten oder verbotene Musik hörten… Über diese Leute kann man sehr viele Informationen in den Stasi-Akten finden. Das sind tolle Geschichten. Leider sind sie in der mechanischen, gefühllosen Sprache der Stasi geschrieben.“

Katja Lange-Müller auf diese Fragen: „Gibt es Dinge an der DDR, die Sie heute vermissen? Gibt es etwas, an das Sie sich gerne zurückerinnern?“ „Ich vermisse sozusagen meine eigene Jugend. Aber die hätte auch woanders sein können. Ich wäre gerne wieder 20, aber das nicht unbedingt in der DDR…“

Olaf Schwarzbach, Cartoonist und Autor, auf die Frage: „Was hat den Osten für Sie so besonders gemacht, dass Sie nicht in den Westen wollten?“ „… Ich wusste auch, dass ich im Westen mehr hätte arbeiten müssen. Ich war eine faule Sau. Im Osten kam man mit ein bisschen Geld gut klar. Ich habe 25,00 Mark Miete bezahlt. Eine S-Bahn-Karte kostete 20 Pfennig, ein Brötchen 5 Pfennig, ein Bier 50 Pfennig. Im Westen hätte ich viel mehr tun müssen, um meine Miete zu bezahlen oder was auch immer. Also warum sollte ich gehen? Ich habe gutes Geld verdient. Ich hatte eine gute Arbeit als Grafikdrucker gefunden.“

Die Autorin Claudia Rusch: „Wir lebten ja einen ganz normalen Alltag wie jeder andere auch. Das sagt aber nichts über die DDR aus. Je mehr man sich mit ihr beschäftigt, desto schlimmer wird es eigentlich.“

Geteilte Ansichten sollte in jeder Schulbibliothek vorhanden sein, am besten mehrfach, so dass man im Unterricht zeitgleich Leseaufträge geben kann. Man kann auch Arbeitsaufträge zu dem einen oder anderen Interview geben, um eine Diskussion vorzustrukturieren. Besonders reizvoll wäre es, wenn einige Interviews als Podcast zur Verfügung stünden. Man könnte sie erst einmal hören und dann gezielt nachlesen. Oder beim Lesen hören.

Verdient hätte das Buch den Deutschen Jugendliteraturpreis. Aber Bücher über die DDR haben da notorisch schlechte Karten.

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