Die Wiederauferstehung des Kapitalismus in der chinesischen Kulturrevolution

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Frank Dikötters „Volksgeschichte der chinesischen Kulturrevolution“ lässt sich in einem einzigen Beitrag gar nicht angemessen wiedergeben. Hier also eine Fortsetzung:

Wie so oft in der Geschichte (nicht nur) kommunistischer Staaten wurde auch von Mao die Gefahr eines Krieges mit einer ausländischen Macht als innenpolitisches Mittel beschworen, um das Land zu militarisieren, Volk zusammenzuschweißen und hinter sich zu scharen. Daher inszenierte er 1969 einen Konflikt um eine Insel im sowjetisch-chinesischen Grenzfluß Ussuri. Zwar siegte die militärisch weit überlegene Sowjetunion, aber jetzt wurden die schon ein Jahrzehnt laufenden Vorbereitungen auf eine militärischen Auseinandersetzung mit einem imperialistischen Feind (nicht zuletzt der UdSSR) intensiviert. Eine „Dritte Front“ sollte so geschaffen werden.

Ähnlich wie in der Sowjetunion nach dem deutschen Überfall 1941, aber weitaus umfangreicher, wurden Fabriken in entlegenen Gebieten gebaut, auch in Berghöhlen hinein. Manche waren so entlegen, dass deren im Kriegsfall anlaufende Produktion gar nicht hätte abtransportiert werden können. In Städten wurde ein Netz unterirdischer Gänge angelegt, für Partei- und Armeekader wurden Bunker gebaut.

1964 war von Mao die Kampagne „Lernt von Dazhai“ ins Leben gerufen worden. Auf dem Land sollten die letzten Reste des Kapitalismus ausgerottet werden. Als Kapitalisten und Konterrevolutionäre galten schon Bauern, die privat eine Kuh oder eine Ziege hielten. Die Volkskommune von Dazhai (61 Dörfer, ca, 30.000 Bewohner) wurde zum Vorbild erkoren. Wie in den meisten Volkskommunen waren längst nicht alle Bauern von der Sinnhaftigkeit gigantischer Kolchosen überzeugt. Dazhai erhielt großzügige finanzielle Unterstützung und wurde 1968/69 von 30.000 Besuchern heimgesucht, die die vorbildliche Volkskommune kennen lernen sollten.

Auch die Mao-Fans im Westen waren von der angeblichen Überlegenheit maoistischer Landwirtschaft damals begeistert und schwärmten von Dazhai. (Das wirkt sich noch im verharmlosend-bewundernden Wikipedia-Artikel aus; alle von mir inzwischen angesehenen einschlägigen Wikipedia-Artikel sind ideologisch gefärbt, manchmal immerhin heiß diskutiert.)

Nicht erst Dikötter belegt, dass der Dazhai-Erfolg ein Fake war. Die Meldungen über die Steigerung der Produktion sind gefälscht. Das Dazhai-Vorbild führte dazu, dass auch anderswo neues Ackerland gewonnen werden sollte. Berge wurden terrassiert oder ganz abgetragen und Ackerboden aufgeschüttet. Seen wurden abgepumpt, um trockenes Steppenland zu bewässern. In der Folge rutschten Berghänge ab, Regen spülte die Ackerkrume weg. Land blieb unfruchtbar, weil Böden zu salzhaltig waren. Land verwandelte sich nach ausgiebiger Bewässerung in Sumpfland. Die Dazhai-Kampagne bewirkte eine ökologische Katastrophe.

Die kapitalistischen Überreste in der chinesischen Gesellschaft wurden nicht ausgerottet. Das Gegenteil trat ein. Das Riesenreich versank immer mehr im Bürgerkrieg. Parteigruppierungen bekämpften sich gegenseitig, Armeegruppen bekämpften oder unterstützten Parteigruppierungen. Fabrikarbeiter und Armee kämpften gegen Rote Garden, die Waffen aus Armeedepots erbeutet hatten.

Anfang der 70er Jahre war die Hungersnot wieder so groß wie zu Beginn von Maos Herrschaft 12949, wie nach dem Großen Sprung 1959. (Wieder einmal kann ich nur den Kopf schütteln, was ich Jahrzehnte in bundesdeutschen Geschichts- und Erdkundebüchern über die Wohltaten des großen Vorsitzenden und tolle antikapitalistische Alternative Volkskommune lesen musste.

Der Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung führte zu einem Aufblühen der privaten Wirtschaft.

Ganze Volkskommunen zerfielen. Bauern begannen wieder, individuell Vieh zu halten. Private Metzger verkauften das Fleisch geschlachteter volkseigener Tiere. Auf Straßenmärkten wurden Kartoffeln, Obst und Getreide aus staatlichen Speichern verkauft. Private Zahnärzte und hunderte fliegender Händler reisten umher. Zehntausende besuchten die Märkte. Untergrundfabriken belieferten den Schwarzmarkt, Schreiner schlugen Holz und verkauften ihre Produkte. Die diversen Kollektivierungskampagnen beinhalteten immer auch die Aufforderung, in den Volkskommunen autark zu werden, sich auf sich selbst zu verlassen. Das führte jetzt dazu, dass, oft formal unter dem Dach der Kommune private Produktionsbetriebe entstanden. Gerade die Versorgung

Verwaltungen und Partei waren mit ihrem Überleben beschäftigt oder sie ließen sich bestechen und schauten weg. Die Kader profitierten ja auch selbst von der verbesserten Versorgung, nachdem die Bauern wieder privat Felder bestellten und Vieh züchteten. Niemand kümmerte sich darum, ob die Märkte genehmigt waren oder nicht. Tauchte ein Inspektor auf, was selten geschah, wurde er auch schon einmal totgeschlagen.

Gerade die Konsumgüterindustrie war zusammengebrochen. Zahnbürsten kamen erst wieder nach Maos Tod 1976 ausreichend auf den Markt. Jodiertes Salz fehlte. Ein Stück Seife musste für mehrere Personen monatelang ausreichen.

Gleichwohl gab es Kampagnen gegen diese Dekollektivierung. Peking ließ Tausende von Flugblättern abwerfen, in denen die Landbewohner aufgerufen wurden, in den Volkskommunen zu bleiben. Die Armee wurde gegen Bauern eingesetzt. Dikötter schätzt, dass 1968/69 allein in den „Reinigungsprozessen“ in der KP und auf dem Land  18 Millionen Menschen (von 8oo Millionen) in Gefängnisse, Arbeitslager, Umerziehungslager kamen oder gleich erschossen wurden.

Aber die „stille Revolution“ der Bevölkerung, wie Dikötter den Zerfall der Planwirtschaft und das Aufblühen der privaten Wirtschaft nennt, war nicht aufzuhalten.

Schon in seinem Buch über den „Großen Sprung“ hat Frank Dikötter Helmut Schmidts Behauptung widerlegt, dass Mao nichts gewusst hätte von den fürchterlichen Menschenopfern, die seine Kampagnen forderten.

Es ist nahezu unfassbar, dass China eine Generation, ca. 35 Jahre später, ein wirtschaftlich starkes Land geworden ist, das zumindest einem großen Teil seiner 1,3 Milliarden Menschen einen Lebensstandard bieten kann, der dem westlicher Staaten vergleichbar ist.

Deng Xiao Ping, von Mao gefördert, von Mao gedemütigt, war nach dessen Tod bis 1997 der wichtigste Mann. Er war so pragmatisch, auf den Ergebnissen der stillen Revolution aufzubauen.

China ist zu groß, um zentralistisch regiert zu werden. Heute wie schon zu Maos Zeiten nehmen sich regionale Parteiführer viel Selbständigkeit heraus. Sie und ihre Familien profitieren am meisten vom Kapitalismus. Nur wenige von ihnen haben es noch nicht zum Millionär geschafft. Die Korruption grassiert, wie schon zu Maos Zeiten. Immer wieder einmal gibt es Kampagnen dagegen. Die beschränken sich aber fast ausschließlich auf die untere und mittlere Parteiebene.

Ob das Experiment gelingt, eine Marktwirtschaft zuzulassen und gleichzeitig die Herrschaft einer alles kontrollierenden, marxistischen Partei aufrechtzuerhalten, ist nicht ausgemacht.

Zur Kulturrevolution siehe auch meine Rezension von „Wilde Schwäne von Yung Chang“

Update Oktober 2016: In einer Sammelrezension zu Büchern über China wird Dikötter kritisch besprochen. Der Einwand, dass er die Quellen aus den regionalen Parteiarchiven nicht kritisch sieht, sondern grundsätzlich für wahr hält,  überzeugt mich. Das erinnert an den Umgang mit den Stasi-Akten: War alles wahr, was die Geheimdienstler zu Papier brachten?

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Ein Kommentar zu „Die Wiederauferstehung des Kapitalismus in der chinesischen Kulturrevolution

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