Frank Dikoetter, The Cultural Revolution. A People´s History, 1962-76

Gepostet am Aktualisiert am

Von dem in Hongkong lehrenden niederländischen Historiker Frank Dikötter stammt das Buch „Maos Großer Hunger. Massenmord und Menschenexperiment in China“, (1958-61) das ich in diesem Blog rezensiert habe.

Sein neues Buch handelt von der Kulturrevolution – The Cultural Revolution. A People´s History, 1962-76.

Maos ehrgeiziges Industrialisierungsprojekt „Der große Sprung“ (siehe vorhergehendes Buch!) hatte zum Tod von ca. 45 Millionen Menschen geführt. Obwohl er sein ganzes Leben lang, wie auch nach der großen Hungersnot der 50er Jahre, es verstanden hatte, politische und wirtschaftliche Erfolge für sich zu beanspruchen und andere für Misserfolge verantwortlich zu machen, war seine Stellung in der kommunistischen Partei Chinas (KPCh) angekratzt.

Keine fünf Jahre später, 1966, startete der Große Vorsitzende das nächste in einer Katastrophe endende Sozialexperiment: die Große Proletarische Kulturrevolution. Damit wollte er unsichere Kantonisten aus der Partei entfernen und seine Herrschaft festigen.

Er forderte Schüler und Jugendliche auf, in einer neuen Revolution alles rückständige Alte, noch vorhandene feudalistische, royalistische und kapitalistische Strukturen, Denk- und Verhaltensweisen auszurotten. Als erstes traf es allerdings nicht Parteibonzen, sondern die Eltern, Lehrer, Professoren, Künstler, Ladenbesitzer, generell eher die Normalbevölkerung als die Kader.

Menschen wurden gedemütigt, durch die Straßen gejagt, geschlagen, gefoltert, totgeschlagen. Bücher wurden verbrannt, Kunstschätze zerstört, Universitäten, Schulen und Museen geplündert und demoliert. Modische Kleidung und Schuhe waren verpönt. Schüler und Studenten organisierten sich als „Rote Garden“, ein Mob, der marodierend durch ganz China zog, mit freier Fahrt in den Zügen, Geldauszahlung durch Verwaltungsstellen in allen Städten und Unterbringung in öffentlichen Gebäuden, alles von Mao angeordnet. Millionenfach wurde ein kleines Buch mit Mao-Sprüchen gedruckt und Milliarden von Mao-Plaketten. Gedankensplitter, Parolen, Aufsätze blutjunger revolutionärer Helden wurden über Lautsprecher und in Parteizeitungen verbreitet. Auf Wandzeitungen, die auf jede freie Fläche geklebt wurden, wurden immer neue Menschen angeklagt und beschimpft. Papier und Leder (wegen des Einbands der „Mao-Bibel“) wurde in China knapp. Tausende Mao-Denkmäler wurden errichtet. Wenige Jahre später gefährdeten Statuen die Passanten, weil der Beton bröckelte. Der riesigen Statue in Shanghai fiel der ausgestreckte Arm ab.

Millionen von Rotgardisten pilgerten nach Peking, um einen Blick auf Mao zu erhaschen. Die hygienischen Bedingungen in den Zügen, in den Not-Unterkünften, auf den Versammlungsplätzen waren katastrophal, die Züge stanken nach Exkrementen und Urin, Krankheiten breiteten sich unter den Rotgardisten aus, Hunderttausende starben, weil die Medikamente nicht ausreichten. Ein Hilfsangebot der USA lehnte Mao ab.

Bald bekämpften sich Rote Garden gegenseitig, die Grenze zu kriminellen Banden war nicht immer erkennbar, Gardisten ließen sich als Auftragskiller anheuern. Auch innerhalb der Roten Garden wurde gnadenlos gesäubert. Wer keine reine, rote proletarische Herkunft vorweisen konnte, wurde ausgeschlossen. Kritische Bemerkungen führten zu jahrelanger Haft in Arbeitslagern.

Dikötter beschreibt nicht nur die Ränkespiele innerhalb der KPCh, die wechselnden Bündnisse, die Mao einging, um die Macht nicht zu verlieren. Vor allem berichtet er, was im Volk passierte. Und das nahezu flächendeckend für jeden Ort, jede Region.

Mao ermunterte in einer zweiten Phase die Rotgardisten, auch Kritik an Parteiführern und Fabrikdirektoren zu üben. Arbeiter streikten jetzt für bessere Arbeitsbedingungen und gegen korrupte Kader. Die wiederum stellten ihre eigenen Garden, die scharlachroten, zusammen.  Sie verteidigten, oft auch gemeinsam mit Arbeitern, ihre Fabriken und die Parteihauptquartiere gegen die Rotgardisten. Ganze Städte waren jetzt umkämpft. Die Wirtschaft kam zum Erliegen, Schiffsladungen wurden nicht gelöscht, in den Fabriken fehlten die Rohstoffe.

1967 wollte Mao die Revolution beenden. Aber die Sache war ihm längst entglitten. Die Armee musste Schulen, Universitäten und Fabriken übernehmen. Vom Land wurden Millionen Arbeitskräfte in die Städte abkommandiert, zu ungleich schlechteren Arbeits- und Lohnbedingungen als vorher, z. B. ohne Festanstellung. Die ehemaligen Stadtbewohner wiederum mussten sich ohne soziale Absicherung auf dem Land durchschlagen. Die Soldaten durften nicht auf Rotgardisten schießen. Das nutzten diese, um auch Armeehauptquartiere zu plündern und Waffen zu stehlen.

Es muss während der Kulturrevolution in dem Riesenland, vor allem zum Ende hin, ein unvorstellbares Chaos geherrscht haben. Aus dem Terror der Roten Garden war ein Bürgerkrieg geworden. Teile der Armee bekämpften sich gegenseitig, regionale Parteikader verbündeten sich mit der Armee oder gegen die Armee. Rote Garden erbeuteten Armeewaffen. Offene Rechnungen unter Parteikadern, die bis in die 30er Jahre zurückgingen, wurden jetzt gewaltsam beendet. Unaufhörlich wurden – fast immer angebliche – Rechtsabweichler, Konterrevolutionäre, Kapitalisten, Tschiang-Kai-Chek-Anhänger bis in die höchsten Ränge der Partei und der Armee entdeckt und liquidiert.

Von den zwischen Macao und Hongkong verkehrenden Fähren konnte man die vom Perlfluss ins Meer gespülten Leichen sehen.

Dikötter sieht das sozialistische Erziehungsprogramm, ein weiteres revolutionäres Umerziehungsprojekt, das Mao nach dem Fehlschlag des Großen Sprungs begonnen hatte, als Vorgeschichte der Kulturrevolution an. Daher die Jahreszahl im Buchtitel: 1962 statt 1966. Die Kommunisten versuchten die starken Familienbande, die konfuzianische Ethik des Zusammenhalt, zu zerschlagen. Die Atomisierung des Individuums, die Vereinzelung der Menschen, deren nächster und einziger Bezugspunkt der große Vorsitzende sein sollte, war das Ziel. Aber trotz aller Umerziehungsversuche, so Dikötter, schlug der neue sozialistische Mensch und seine Ethik keine dauerhaften Wurzeln in der chinesischen Gesellschaft. Auch heute noch, wie ich selbst beobachten konnte, zünden Chinesen in buddhistischen und konfuzianischen Tempeln Kerzen an. „Sicherheitshalber“, wie meine chinesische Reiseführerin bemerkte.

Ähnlich wie in der Sowjetunion unter Lenin und Stalin 1917 bis in die 50er Jahre, war die gesamte Zeit der Herrschaft Maos von 1949 bis 1976 eine Zeit des Terrors. Für die Säuberungen gab es zahlenmäßige Vorgaben.

Es grenzt an ein Wunder, dass das Land eine Generation später eines der führenden Industrieländer der Erde geworden ist. Und zwar nicht, wovon doch alle linken Revolutionäre träumen, durch Umerziehungsprogramme, durch Planwirtschaft, durch Arbeitslager, durch Enteignungen und Erschießungen.

Es ist wohl vielmehr so, dass der Kapitalismus, d. h. die Gesetze des Marktes, das unternehmerische Handeln einzelner, nie ganz ausgerottet werden konnte. Schon während der Kulturrevolution war in vielen Gegenden Chinas die Planwirtschaft längst wieder aufgegeben worden, die Bauern z. B. verkauften ihre Ernte wieder auf dem Markt, statt sie bei der Partei abzuliefern. Auch private Warenproduktion und vor allem Schwarzhandel blühten auf (siehe auch Teil 2).

Die Herrschaft des Massenmörders Mao dürfte in China ein Trauma hinterlassen haben. Die einfachsten Regeln menschlichen Anstands, menschlichen Zusammenlebens waren aufgegeben worden, der Zusammenhalt in Familien war zerstört worden. Das historische Erbe, Kunst, Literatur und Musik war durch Propaganda ersetzt worden.

Eine Aufarbeitung dieser Zeit findet in China nicht statt. Zwar hört man, dass Mao durchaus kritisch gesehen würde (So meine China-Reiseleiterin 2015), aber er ist omnipräsent: auf den Geldscheinen und in Denkmälern. Auf dem Tienanmen-Platz wälzen sich Menschenschlangen zu seinem Sarg. Ganz wenige Rotgardist*innen haben sich entschuldigt. Einige wenige Bücher gibt es über das Schicksal einfacher Menschen in dieser Zeit. Junge Neo-Mao-Fans dagegen sehen die Kulturrevolution als faszinierendes Demokratie-Experiment (Dieser Absatz u. a. nach einer Rezension in The Guardian.)

Das Buch ist eine meisterhafte Gesamtdarstellung. Dikötter hatte Zugang zu regionalen und lokalen Archiven. Es ist überwältigend, was er zusammengetragen hat, man kann es aber nicht hintereinander lesen, es ist nichts für Zartbesaitete.

Angesichts der Überfülle der Informationen wünscht man sich eine gekürzte Ausgabe. Zudem springt er zeitlich zwischen den 50er und den 60er und 70er Jahren hin und her. Aber nicht .

NB.: Die Kulturrevolution begann 1966, also vor fünfzig Jahren. Im Buchtitel ist von 1962 die Rede, weil Dikötter die Vorgeschichte mit einbezieht.

Teil 2 der Rezension

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Ein Kommentar zu „Frank Dikoetter, The Cultural Revolution. A People´s History, 1962-76

    […] Dikötters „Volksgeschichte der chinesischen Kulturrevolution“ lässt sich in einem einzigen Beitrag gar nicht angemessen wiedergeben. Hier also eine […]

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