Wie Linke arabischen Antisemitismus verniedlichen

Gepostet am Aktualisiert am

Das Online-Magazin Telepolis mag für Netzaktivisten unverzichtbar sein. Was mir nicht schlüssig erscheint, ist der stramm linksextreme Kurs des Magazins, in dem doch durchaus intelligente Artikel erscheinen.

Die Linke hat gerade einen neuen Feind ausfindig gemacht, einen Rechten wie angeblich Sarrazin und Broder: den in Syrien geborenen deutschen Professor Basam Tibi.

Über ihn fallen die Linkspopulisten jetzt her und nehmen die aus Syrien Geflüchteten (wie schnell man nicht mehr von Flüchtlingen redet!) in Schutz vor den Anwürfen Tibis. Denn der äußert sich sehr kritisch über sie, sagt aber viele bedenkenswerte Sätze, wie z. B. den, dass  hierzulande integrationsunwillige Deutsche mit integrationsunwilligen arabischen Flüchtl Geflüchteten zusammenstießen. Es mag manches von ihm sehr subjektiv – wie sollte es anders sein – wahrgenommen und verallgemeinert worden sein, aber was er als integrationswilliger Immigrant selbst alles durchmachen musste, lässt ihn am Integrationswillen der Deutschen zweifeln. Dass er die jetzt hereingeströmten Migranten als eher integrationsunwillig ansieht, ist natürlich ein Verstoß gegen die Political Correctness. Zumal die Hochgebildeten unter den Syrern laut UNHCR überwögen: 86% sollen es angeblich sein. Während Prof. Tibi davon spricht, dass eher Ungebildete in Deutschland eingewandert seien.

Besonders hervor tut sich der Syrien-Experte des o. a. Magazins aus dem Heise-Verlag, Dirk Eckert. Er stößt sich vor allem am Antisemitismus-Verdikt Prof. Tibis gegenüber Syrern. Zwar konzediert er, dass in arabischen Ländern Antisemitismus „keine Seltenheit“ wäre. Es könne sogar sein, dass er weit verbreitet wäre. Eine Ursache hat er auch schon ausgemacht: Die Juden haben die syrischen Golan-Höhen besetzt. Mit  Kleinigkeiten, warum Israel das gemacht hat, gibt Herr Eckert sich nicht ab. Aber damit hat der Experte das Problem des arabischen Antisemitismus schon ein wenig verkleinert und ihm gleichzeitig ein wenig Berechtigung zugesprochen.

Und er verbindet, was Links- und Rechtspopulisten gerne mit solchen Sätzen strikt auseinanderhalten: „Antisemit bin ich nun wirklich nicht, aber man wird die Politik Israels doch noch kritisieren dürfen“. Herr Eckert von Telepolis sieht die Besetzung der Golan-Höhen als eine Ursache für Antisemitismus an. Da sollte er doch einmal tiefer schürfen (recherchieren!) und die Charta der Hamas lesen, um herauszubekommen aus welchen Quellen sich ihr Antisemitismus speist.

Dann aber widerlegt er den „Aristokraten“ Tibi frontal: „DDR-Flüchtlinge hätte man ja auch nicht zu verkappten Marxisten-Leninisten erklärt, weil sie jahrelang einer entsprechenden Indoktrination ausgesetzt waren. Im Gegenteil nahm man – zu Recht – an, dass diese Menschen vor genau dieser Ideologie fliehen wollten.“ Den Gedanken führt er nicht zu Ende! Vielleicht hat er erkannt, dass er dabei ist, sich in seiner Argumentation zu verheddern. Folgerichtig hätte er nämlich schreiben müssen: Die Syrer sind vor dem syrischen Antisemitismus, mit dem sie indoktriniert wurden, nach Deutschland geflohen.

Er schließt diesen „Gedankengang“ dann so ab, als ob es sich um eine hochkarätige logische Argumentation gehandelt hätte: „Insofern ist theoretisch bei syrischen Flüchtlingen beides denkbar: Dass sie Antisemiten sind oder nicht.“

Geschlagen gäbe er sich erst durch eine Umfrage unter Syrern; wohl diesen Inhalts: „Sind Sie Antisemit? A: Nein – B: Ein bisschen – C: Ja.“

Helfen könnte dem Telepolis-Mitarbeiter schon einmal eine Studie des an der Berliner Humboldt-Universität lehrenden niederländischen Migrationsforschers Ruud Koopmans. In einer methodisch sauberen Studie kommt er zu dem Ergebnis, dass ca. 45% der in Deutschland lebenden Muslime Antisemiten seien (FAZ v. 26.7.16, p 11). Allerdings wird Koopmans von linken Student*innen und deutschen Islamexpert*innen als Rassist abgelehnt.

Einige ergänzende Informationen:

Der islamische Antisemitismus kombiniert den religiöse Antijudaismus des Frühislam mit dem europäischen Antisemitismus der Moderne. Sayyid Qutbs Text „Unser Kampf gegen die Juden“ markiert das wichtigste Pamphlet des „islamischen Antisemitismus“ und beschuldigt die Juden, sie wollten die Muslime „von Allahs Weg abbringen“.

Das bis heute wohl wichtigste Manifest des Islamismus stellt die 1988 veröffentlichte Charta der Hamas dar. In dieser Charta werden Juden quasi im selben Atemzug als armselige Feiglinge, die sich hinter Steinen und Bäumen verstecken, und als heimliche Herrscher der Welt porträtiert. Dort wird auch der wohl niederträchtigste aller antijüdischen Hadithe aus der Frühzeit des Islam zitiert: „Der jüngste Tag wird nicht kommen“, heißt es dort, „bevor nicht die Muslime gegen die Juden kämpfen und sie töten, so dass sich die Juden hinter Bäumen und Steinen verstecken. Und jeder Baum und Stein wird sagen: Oh Muslim, oh Diener Gottes, da ist ein Jude hinter mir. Komm und töte ihn.“

„Laut einer vom Bundesinnenministerium beauftragten Studie aus dem Jahr 2007 tendieren muslimische Schüler überdurchschnittlich stark zu antisemitischen Vorurteilen. Von 500 befragten jungen, in Deutschland aufgewachsenen Muslimen stimmten 15,7 % dem Satz zu, dass Menschen jüdischen Glaubens überheblich und geldgierig seien.[25] Die Zustimmung zu diesem Vorurteil war damit doppelt so hoch wie bei anderen Einwanderer-Jugendlichen und fast dreimal so hoch wie in der originär deutschen Altersgruppe. Eine große Rolle dabei spielen laut Grünen-Chef Cem Özdemir türkische und arabische Medien. Sie trügen eine sehr verzerrte und stereotype Sicht auf Israel und die Juden in die Wohnzimmer nach Deutschland.“

aus: Wikipedia; Antisemitismus nach 1945 (13.7.16)

Das zu recherchieren war Herrn Eckert wohl zu viel Arbeit. Er konnte sich sicher sein, dass seine Leser*innen es auch gar nicht so genau wissen wollen.

Gerichte legen strenge Maßstäbe an, bevor sie von Antisemitismus sprechen. Daher haben es linke und rechte Antizionisten und Israelhasser/-innen leicht, sich davon freizusprechen. Man spricht deshalb auch schon von einem „neuen Antisemitismus“, dem es nicht um Juden geht, sondern um den jüdischen Staat. Die Sympathien sind bei Hamas, Hisbollah und Iran. Deren Auslöschungs- und Vernichtungsforderungen gegenüber Israel werden nicht zur Kenntnis oder in Kauf genommen.

Gerne wird Israel den Nationalsozialisten gleichgesetzt. (Die gleichzeitige Verwendung von Hakenkreuz und Judenstern, um zu zeigen, dass man Juden mit Nazis gleichsetzt, wird übrigens nicht wegen Verwendung verbotener nationalsozialistischer Zeichen geahndet!)

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Es gibt für die neuen Antisemiten nur das Notwehrrecht der Palästinenser. Gegenwehr Israels ist für sie entweder überzogen oder gleich ein Kriegsverbrechen und verstieße gegen das Völkerrecht. Dass Hamas Zivilisten als Schutzschilde gegen israelische Angriffe benutzt, komme höchstens in Ausnahmefällen vor (so der Linksparteiler und Völkerrechtler Prof. Dr. Norman Paech).

Erschreckend viele deutsche Medien halten es mit der antizionistischen Weltsicht der Linken. Antisemitische Zeichen in antikapitalistischen Karikaturen deutscher Presseorgane (Hakennase!) wären von der Kunstfreiheit geschützt. Eine Tradition hat der Antisemitismus nicht zuletzt im akademischen Milieu.

Die Auseinandersetzung mit historischen Fakten ist den neuen Antisemiten zu mühsam. Sie haben ihre eigenen Narrative.

Das Sykes-Picot-Abkommen ist nicht schuld an der explosiven Gemengelage von Ethnien, Religionen, politischen Interessen in Nahost. Es ist nicht, obwohl es die linke, antiimperialistische Legende so will, Auslöser der heutigen Probleme.

Warum hat sich Ägypten aus Gaza zurückgezogen und wurde Jordanien von der Westbank vertrieben? Warum sperren beide Staaten heute ihre Grenzen für Hamas- und Fatah-Palästinenser (Jordanien ist Teil Palästinas!), während Israel einen Grenzübergang offen hält, über den z. B. die Familien hochrangiger Hamas-Führer sich zur Behandlung in israelische Krankenhäuser begeben? Warum erhielt Israel keine Friedensdividende, als es sich 2005 aus Gaza zurückzog, unter Hinterlassung funktionierender Plantagen, die heute verkommen sind?

Es gab damals keine Seeblockade und keine wirtschaftlichen Beschränkungen seitens Israels. Die begannen erst, als Dutzende von palästinensischen Milizen begannen, von Gaza aus mit Raketen zu schießen.

Warum wurde nicht schon vor 60 oder vor 10 Jahren ein palästinensischer Staat gegründet? Warum haben die arabischen Staaten seit dem Tag der Gründung des Staates Israel 1948 mehrfach das Land überfallen? Weil sie die Juden, was die Hamas bis heute als Ziel hat, ins Meer treiben wollen?

In der immer noch gültigen Hamas-Charta von 1988 steht, dass die Juden nicht nur für den Nahostkonflikt, sondern auch für den Ersten und Zweiten Weltkrieg, die französische wie die Oktoberrevolution verantwortlich sind, und die UN werden als Instrument jüdischer Weltbeherrschungspläne „entlarvt“.

Warum finden seit elf Jahren in den palästinensischen Fatah- und Hamas-Gebieten keine Präsidenten- und Parlamentswahlen mehr statt? Was hat es mit dem gebetsmühlenhaft vorgetragenen jüdischen Landraub und der unrechtmäßigen Besetzung palästinensischer Gebiete auf sich? Stimmt das oder sagen Völkerrechtler vielleicht etwas anderes?

Den Juden wurden im Sykes-Picot-Abkommen Wüste und Steppe zugesprochen. Dass sie daraus einen erfolgreichen, wirtschaftlich prosperierenden Staat gemacht haben, ist wohl ein Zeichen für gerne gepflegte Stereotype der Antisemiten von links und rechts. Dass es in palästinensischen Gebieten einige Hundert Millionäre gibt, dass eine korrupte Oberschicht dicke Autos fährt, in Villen wohnt und die Milliarden der EU versickern, ist für Linke wohl auch eine Spätfolge des Zionismus.

Eine jüdische Staatsgründung war unter Zionisten von Anfang an bis zuletzt umstritten. Es ging eher um „Heimstatt, um Siedlungsraum, um Selbstverwaltung. Erst unter dem  Eindruck der arabischen militärischen Überlegungen kam es zur überraschenden Staatsgründung. (Dieser Absatz nach: Michael Brenner, Israel. Traum und Wirklichkeit des jüdischen Staates)

amin_al_husseini_bei_bosnischen_ss-freiwilligenDie britische Kolonialmacht unterstützte den Mufti von Jerusalem militärisch und diplomatisch bei seinen Versuchen, die Teilung Palästinas zu verhindern. (Quelle: Audiatur-Online)

Foto: Der Mufti besucht 1943 eine bosnische Waffen-SS-Einheit.

 

Foto Bundesarchiv, Bild 146-1970-041-50 / Mielke / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, Wikimedia Commons.

 

Nachtrag:1918/19 kam es im Rahmen der Begeisterung über die Wiedererrichtung des polnischen Staates zu teilweise tagelangen Pogromen gegen Juden, z. B. in Kielce und im von Polen eroberten Lemberg. Anders als in Polen selbst berichteten die österreichischen Zeitungen, was wirklich passierte. Ausnahme: die „Wiener Arbeiter-Zeitung der österreichischen Sozialdemokraten. Sie orientiert sich am linken Antisemitismus: „Abermals, wie oft schon, haben jüdische Proletarier büßen müssen, was jüdische Kapitalisten verschuldet haben.“

Eine Fundstelle aus Götz Aly, Europa gegen die Juden 1860 – 1945, p

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Ein Kommentar zu „Wie Linke arabischen Antisemitismus verniedlichen

    […] den deutschen Sozialist*innen, die sich nahezu obsessiv mit Isreal beschäftigen, wie z. B. MdB Prof. Dr. Norman Paech oder MdB Anette Groth, genießt die Organisation Breaking the Silence […]

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