Meine Sommerlektüre 2016

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Mein Interessenschwerpunkt ist momentan das Leben in den Gebieten der Erde, in denen die Utopie des Sozialismus Wirklichkeit werden sollte. Millionen von Menschen wurden dafür umgebracht, Millionen in Konzentrationslager gesperrt, für Generationen von Menschen wurde ein Leben in Orwellschen Staaten inszeniert, mit psychischen Folgen bis heute. bs heute aber existiert auch die Faszination mancher Menschen für Lenin, Stalin, Mao und Pol Pot.

Wie erlebt, wie überlebt man das Chaos der Bürgerkriegsjahre 1917 bis Mitte der Zwanziger, den Höhepunkt des Roten Terrors in den Dreißigern, die Knechtschaft im GULag, das Chaos der frühen Neunziger?

Mehrere Lesetipps finden sich auch an anderer Stelle im Blog.

Gerade angefangen habe ich mit „Der Osten“, einem Reisebericht des polnischen Autors Andrzej Stasiuk.

Er hat Polen , Russland, die Mongolei und China bereist. Es mischen sich Kindheitserinnerungen und aktuelle Beobachtungen. Rezensentin Lena Bopp in der FAZ fand, dass Stasiuk auch ein Erklärungsmuster für das Entstehen des Kommunismus liefere. Ich bin gespannt.

 

Memories. From Moscow to the Black Sea, von Teffi

Nadezhda Teffi (1872 – 1952) war eine bekannte russische Autorin. Sie veröffentlichte Erzählungen und Gedichte in literarischen Zeitschriften. Eine Kritikerin vergleicht ihren Schreibstil mit dem von Tschechow.

Ihr Erinnerungsbuch handelt von ihrer Flucht vor den Bolschewisten, von der Irrfahrt ins südliche Russland, und bricht ab mit der Schiffsreise nach Istanbul, ins Exil. Russland wird sie nie mehr betreten können.

Geschildert wird der Alltag von Literaten und Künstlern, die vor den Bolschewisten fliehen. Sie alle glauben und hoffen, dass sie in Kürze wieder im geliebten Moskau sein werden und der Spuk der Bolschewisten sich verflüchtigt hätte. Ihr Alltag besteht aus Todesangst und Banalitäten. Sie rechnen damit, jeden Moment von nachrückenden Bolschewisten, von marodierenden Banden, von Söldnern selbstherrlicher Warlords erschossen oder ausgeraubt zu werden. Man sucht in jeder neuen Stadt Hotelzimmer oder Privatunterkünfte. Man hält sich mit Lesungen und Theateraufführungen über Wasser. Man besorgt Pässe, arrangiert sich mit unberechenbaren Milizionären, muss vor Soldaten spielen und lesen. Die Frauen sorgen sich um die Frisur, die Maniküre und preiswerte Kleiderstoffe. Man verspricht, sich gegenseitig zu helfen und denkt doch nur an sein eigenes Überleben. Und dann ist es endgültig: die Heimat Russland bleibt zurück, das Schiff fährt nach Istanbul.

Alles andere als ein triviales Reisetagebuch. Auch ohne die Schilderung von mörderischen Haupt- und Staatsaktionen, ohne sentimental zu werden, gelingt es, die Trauer und das Elend der Menschen der Bürgerkriegszeit in den Sätzen deutlich werden zu lassen.

 

Sergej Lebedew, Menschen im August

In den Wirren der Jelzin-Jahre findet der Ich-Erzähler das Tagebuch seiner Großmutter. Er versucht, dem verschollenen Großvater, der im Tagebuch seltsamerweise so gut wie nicht erwähnt wird, auf die Spur zu kommen. Es wird eine, ans surrealistische grenzende Spurensuche im Tollhaus der Jelzinjahre und den brutalen Kaukasus-Kriegen. Immer wieder kommen KGB und FSB ins Spiel. Auch im Chaos dieser Zeit hält der Geheimdienst die Fäden in der Hand. Hinter Jelzin taucht der Neue auf. Wie auch schon bei Lenin und Stalin endet sein Nachname auf -in. Der Chef des FSB.

 

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Michail Oss0rgin, Eine Staße in Moskau

In der Straße hat Tolstoi gelebt und Pasternaks Dr. Schiwago spielt teilweise hier. Michail Ossorgin erzählt, wie man im Haus eines Ornithologieprofessors mit den großen und kleinen Veränderungen während des Krieges, der Oktoberrevolution und des Bürgerkriegs umgeht.

Ossorgin veröffentlichte das Buch 1928 in Paris. Er war zusammen mit 200 anderen Intellektuellen von Lenin des Landes verwiesen worden.

 

9783882213874-x160xx400x-1465825992Dalia Grinkeviciute, Aber der Himmel ist grandios

1940 annektieren die Sowjets, mit Hitler abgesprochen, Litauen. Erschießungen und Deportationen nach Sibirien beginnen. Wie anderen von den Bolschewisten besetzten Ländern soll die Intelligenz, die Ärzte, Professoren, Ingenieure, Lehrer eliminiert werden.

Die 14Jährige Dalia wird mit ihrer Mutter und vielen Landsleuten auf eine völlig kahle Insel in der Mündung der Lena in Nordsibirien verbannt. Nach sieben Jahren kann sie fliehen. Sie schreibt ihre Erinnerungen auf und versteckt sie. Kurz danach wird sie erneut vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet und in den GULag geschickt. Nach fünf Jahren wird sie entlassen, darf Ärztin werden, erhält wegen ihrer sowjetkritischen Haltung aber später Berufsverbot, darf aber nicht ausreisen.

Die Lektüre fällt mir schwerer als bei vergleichbaren Büchern von Schalamov und Solschenizyn. Sie ist unerschütterlich optimistisch, obwohl sie unter unmenschlichen Bedingungen dahin vegetieren muss.

Lesenswert nicht zuletzt für die Deutschen, die keinen Pfennig auf die Leiden der Balten, der Polen, der Ukrainer unter den Sowjets geben, weil sie die Geschichte der Bloodlands nicht kennen. Sie schwadronieren vom Säbelgerassel der NATO, nicht vom Säbelgerassel Putins, vor dem man sich im Baltikum und in Polen aus gutem Grund fürchtet. Man sollte unserem Bundesaußenminister Steinmeier das Büchlein empfehlen.

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