An Gedenkstättenbesuchen ist schon die SED gescheitert

Gepostet am Aktualisiert am

Prof. Dr. Jürgen Angelow, Geschichtsprofessor an der Universität Potsdam, ehemaliger DDR-Militärhistoriker, gehört zu den Wissenschaftlern, die den westdeutschen „Beutelsbacher Konsens“ auf die Betrachtung der SED-Diktatur anwenden. Der Beutelsbacher Konsens war eine Verständigung unter westdeutschen Politikdidaktikern, die parteipolitisch gefärbte politische Bildung in den Bundesländern zu respektieren und auf jeden Fall Schüler nicht zu „überwältigen“,

Dieses Überwältigungsverbot wird heute in Ostdeutschland ins Feld geführt, wenn es um die Darstellung der DDR im Unterricht und in der Öffentlichkeit geht, von der Linkspartei und von vielen, vor allem staatsnahen Mittlern politischer Bildung.

Angelow kritisiert z. B. die von ihm befürchtete Verordnung eines einheitlichen DDR-Geschichtsbildes. Wer sollte das verordnen? Gibt es nicht genügend Geschichtsprofessor*innen, die nichts davon halten, die Repression durch die SED in den Mittelpunkt der Darstellung zu stellen, sondern den Alltag  in der DDR als Unterrichtsthema favorisieren. Als ob der repressionsfrei gewesen wäre.

Bemühungen um Gedenkstättenbesuche und Gespräche mit ehemaligen oppositionellen hält Prof. Dr. Angelow für aussichtslos. Schon die DDR sei gescheitert, ihren Antifaschismus durch Gedenkstätten- und KZ-Besuche und Verherrlichung antifaschistischer Kämpfer/-innen zu tradieren. Ein schöner Vergleich! Die Verbreitung des verlogenen Antifaschismus mit seinen Geschichtsfälschungen z. B. in Buchenwald und bei Thälmann wird von Herrn Angelow gleich gesetzt mit dem Versuch der politischen Bildung, für Unterschiede zwischen Diktatur und Demokratie zu sensibilisieren.

Für Herrn Prof. Dr. Angelow sind die Übergänge sowieso fließend. Diktatur, das sind die Nazis und ihr Menschheitsverbrechen. In der Honeckerzeit wäre die Diktatur doch fühlbar abgebröckelt. Merkwürdig, dass gerade in dieser Zeit das MfS vergrößert wurde und die Repression verfeinert.

Überhaupt, so Angelow, wie stabil wäre denn die derzeitige bundesdeutsche Demokratie? Überwachungsstaat, das „Eigenleben weiter gesellschaftlicher Bereiche“ mit Auswirkungen auf Verteilung, Arbeitswelt und soziale Praxis, populistische Politikangebote. In der Erinnerung an die DDR dominierten Abwesenheit von materiellen Sorgen, Freizeit und Sicherheit. Das sei der Aufregung nicht wert. Damit hat er sicher Recht. Aber stirbt die Utopie des Sozialismus dann aus, wenn sich der „Alltag in der bundesdeutschen Demokratie“ für die Ostdeutschen, die dem Alltag in der DDR nachtrauern, verbessert? Das meint zumindest Herr Angelow. Sicher, er lobt bisweilen Demokratie, weil sie friedlichen gesellschaftlichen Wandel ermögliche. Aber hat die DDR-Diktatur sich nicht auch friedlich gewandelt? Er gibt doch selbst Beispiele: Einmal von Ulbricht zu Honecker, dann in der Friedlichen Revolution, wo die Herrschenden fast widerstandslos abgetreten wären.

Gerne mehr erfahren hätte ich über den Veränderungs- und Freiheitswillen vieler SED-Mitglieder und die massiven Proteste in den DDR-Lehrerausbildungseinrichtungen, die er erwähnt.

(Prof. Dr. Jürgen Angelow, Heimatverlust und DDR-Erinnerung, Potsdamer Neueste Nachrichten 6.8.08)

Was die Gedenkstättenbesuche angeht, widerspreche Herrn Prof. Dr. Angelow. Er macht es sich zu einfach, wenn er (auch hier) die DDR und Bundesrepublik gleichsetzt. Wenn ich jetzt von eigener Anschauung erzähle, dass ich bei Besuchen, die ich mit 10. (westdeutschen) Klassen in Buchenwald machte, ostdeutsche Schulklassen des 7., allerhöchstens 8. Jahrgangs erlebte, die durch das Lager latschten, in der einen Hand die Bierdose, die andere um den Hals der Freundin gelegt, dann mag als bedauerlicher Einzelfall gesehen werden.

In der DDR selbst aber war der Antifaschismus zu einem gebetsmühlenhaften Ritual verkommen und diente als Nachweis dafür, dass die DDR das bessere Deutschland und die Ostdeutschen die besseren Deutschen wären. Für die Schüler war es halt eine Pflichtübung, wie so vieles im öffentlichen Leben.

Wenn Herr Professor Dr. Angelow die Gedenkstättenbesuche westdeutscher und ostdeutscher Schüler gleichsetzt, fühle ich mich persönlich beleidigt.

 

Advertisements

2 Kommentare zu „An Gedenkstättenbesuchen ist schon die SED gescheitert

    friederikesehmsdorf sagte:
    12/07/2016 um 8:34 am

    Es mag sein, dass im Einzelfall den Schülern langweilig ritualisierter Amtifaschismus gepredigt wurde, aber ich habe das Gegenteil erlebt. Als Schülerin der 7. Klasse haben ich Sachsenhausen besucht, in der 11. Klase Buchenwald – gemeinsam mit meinen KlassenkameradInnen. Als nicht von den Medien abgestumpfte Kinder und Jugendliche haben wir diese Lager teilweise heulend und uns übergebend verlassen. Jungen, die versuchten ihre Ergriffenheit durch Juxerei zu überspielen, wurden von den anderen zurechtgewiesen. Wir haben nur die „Standartführungen“ mit Dokumentarfilmen erlebt! In fast allen Schulen berichteten KZ-Überlebende eindrucksvoll von Ihrem überleben. Ich, Jg. 63 erzähle nur von meinen persönlichen Erlebnissen, die ich mit ca 60 Kindern und Jugendlichen geteilt habe…. und ich wage zu behaupten, daß in unseren Jahrgängen viele Kinder und Jugendliche waren, die ähnlich reagiert haben. Diese „Pflichtübung“ der DDR Schulen halte ich heute noch für eine der wichtigsten „Pflichtübungen“, denn diese haben durchaus bei den Jugendlichen gewirkt. Wie schon erwähnt, ich komme aus einem oppsitionellen Pfarrershaushalt und keiner Bonzenfamilie !
    Unlängst haben wir mit unserer 13 Jährigen Tochter erneut Buchenwald besucht. Die sicherlich wissenschaftlich fundierte und umfassende Ausstellung hatte jedoch keineswegs den emotionalen Effekt, den mein Mann und ich als Jugendliche erlebt haben. Dabei weiss man doch genau, daß Jugendliche in diesem Alter nur über die emotionale Ebene zu erreichen sind.

      Basedow1764 sagte:
      12/07/2016 um 3:01 pm

      Danke für die Ergänzung und das Zurechtrücken meines Eindrucks. Den wollte ich, wie gesagt, auch nicht verallgemeinern.
      Mein Ausgangspunkt war ein Text von Prof. Angelow, der die Gedenkstättenbesuche, die von der SED veranlasst waren, für erfolglos hielt.
      Gewehrt habe ich mich gegen Angelows folgerung, dass West-Gedenkstättenbesuche ebenfalls erfolglos gewesen wären. Von den von mir organisierten kann ich jedenfalls nicht sagen.
      Was mir an dem von der SED verordneten ANtifaschismus nicht gefällt, ist, dass die ERmordung der europäischen Juden dabei nur am rande vorkam. Es ging um die Antifaschisten. Da wurden dann auch von der SS getötete Jüdinnen kurzerhand zu antifschistischen Widerstandskämpfern erklärt (Gedenkplakette in Jamlitz).

      Ich hatte mich übrigens dagegen ausgesprochen, dass unsere Schulklassen in der Jugendherberge auf dem Ettersberg gleich neben der Gedenkstääte übernachten. Ich hatte einmal mitbekommen, was für ein „Remmidemmi“ dort herrschte. Die Eindrücke vom Lager wurden dadurch zuverlässig weggedrückt. Sie taten es dennoch und schworen: Nie wieder!

      Der Hauptgrund meiner Kritik an Angelow ist, übrigens, dass er genau das verhindern will, was sie loben und was ich für legitim halte: Die emotionale Wirkung des Gedenkstättenbesuchs. Man dürfe Schüler nicht überwältigen, höre ich in Potsdam von allen Seiten, wenn es darum geht, von Repression in der DDR zu reden. Das Gute an der DDR, das fortschrittliche (Pro. Sabrow) käme zu kurz.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s