Stolpes Bodyguard

Gepostet am Aktualisiert am

Gefunden beim Stöbern in meinem Zettelkasten. Eine Notiz aus der „Klatsch-Kolumne“ von Welt-Online v. 29. Juli 2000:

Eine Lesung in Berlin: Sighard Jeckel trägt aus seinem Buch „Waldfrieden“ vor, Inka Bach aus ihrem „Rheinsberger Tagebuch“. Was beide beschreiben, ist ein rotbrauner Sumpf in der brandenburgischen Provinz, in der Ausländer nicht nur angepöbelt, sondern auch umgebracht werden. Die Polizeipräsidentin von Eberswalde, mehrfach wegen ihres Engagements gegen Neonazis ausgezeichnet, legt einen Finger in eine brandenburgische Wunde: Die Leute würden schon auf Politiker hören, aber von dort kämen keine klaren Signale. Der ebenfalls anwesende Landesvater Manfred Stolpe lächelt zustimmend.

Da meldet sich ein Zuhörer zu Wort. Wer wie Stolpe einen Großteil seiner DDR-Zeit in den konspirativen Zimmern der Stasi verbracht habe, könne heute kaum ein glaubwürdiger Streiter für Zivilcourage und Einmischung sein, ganz zu schweigen von Brandenburgs Heroine Regine Hildebrandt, die jedes Übel ohnehin nur im Westen verorte.

Kurzes, peinlich berührtes Schweigen, dann plätscherte die Diskussion ungerührt weiter.

Hinter dem jungen Mann jedoch hatte, sobald das Wort „Stasi“ gefallen war, einer von Stolpes Bodyguards Platz genommen. Der Ministerpräsident wandte sich an den renitenten Fragesteller: „Glauben Sie mir, wir Politiker tun wirklich, was wir können. Mit einem Bodyguard im Rücken ließ sich dem in der Tat schwerlich widersprechen.

Nachtrag: Man kann Herrn Stolpe zu Recht vorwerfen, dass er in Sachen Rechtsextremismus in seinem Bundesland sehr schweigsam gewesen ist. Was die parteilose Eberswalder Polizeipräsidentin Uta Leichsenring angeht, gibt es jedoch andere Fronten. Sie war Intimfeindin des damaligen Innenministers Schönbohm (CDU). Ihm wird sogar nachgesagt, dass er mit einer Polizeireform ihr Präsidium auflösen wollte, um sie loszuwerden. Stolpe hingegen ermunterte sie, sich für eine der beiden neuen Polizeiprsidentenstellen zu bewerben oder hätte sie alternativ gerne zur Extremismusbeauftragten gemacht.

Verdienste erwarb sich Frau Leichsenring, weil sie unerbittlich aufklärte, warum die Eberswalder Polizei untätig blieb, als der mozambikanische Vertragsarbeiter Antonio Amadeu 1990 von Neonazis erschlagen wurde.

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