Dissens im Gespräch der „Ost-Generationen“

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Es gibt eine Generationenforschung, in der von bis zu sechs DDR- Generationen ausgegangen wird. (Wobei den Forscher*innen als Generation jeweils eine Bandbreite von zehn Jahren gilt.) Übersichtlicher ist glücklicherweise der populäre Sprachgebrauch. Da spricht man von der Gründergeneration und der zweiten Generation, die „am stärksten vom materiellen und kulturellen Aufstieg der DDR, insbesondere von sozialen Projekten wie beispielsweise dem Wohnungsbauprogramm profitiert“ hätte (Quelle s. Fußnote 4 im u. a. Text). Zuletzt wurde die Kohorte der zwischen 1973 und 1984 Geborenen als „Dritte Generation Ost“ hinzuaddiert.

Ich war ein wenig skeptisch, da mir das Ganze als Inszenierung erschien. Es gab nämlich plötzlich Tagungen, Veranstaltungen, Radiosendungen, Bücher und Aufsätze zu dieser Dritten Generation. Dazu kam, dass die Initiatorin des Ganzen nach kurzer Zeit Staatsknete für ihre Initiative forderte und eine „Dritte Generation West“, mit der man in einen fruchtbaren Austausch treten wollte, also weitere Tagungen, Veranstaltungen, Bücher usw.

Es ist legitim, sich an die Kindheit zu erinnern. Es ist jedem unbenommen, lieber Ost-Cola und Ost-Schokolade zu essen als „kapitalistische“ Produkte. Es ist nachvollziehbar, dass junge Ostdeutsche, die in München oder in Dubai leben und arbeiten, einen Stammtisch gründen. Aber warum müssen Zehn- bis Fünfzehnjährige rückwärts gewandt als der DDR zugehörig definiert werden und werden nicht als Erste Generation Gesamtdeutschland gesehen?

Erinnerungsbücher gibt es, wenn auch nicht zahlreiche, wie im u.a. Text behauptet wird. Für Jana Hensel, die den Zusammenbruch der DDR mit 13 erlebt hat, muss er furchtbar gewesen sein. Die Erinnerung von Christine Brinck an ihre Kindheit (allerdings) in den 50ern ist etwas anders. Auch Claudia Rusch, fast aus Hensels Alterskohorte, sieht die Deutsche Demokratische Republik nicht rosarot. Allerdings ist sie 1971 geboren, also noch nicht „Dritte Generation“.

Etwas Gutes hat die Erfindung der Dritten Generation jetzt doch: Wissenschaftler/-innen beschäftigen sich mit dem DDR-Bild der zweiten und dritten Generation. Das könnte unterschiedlicher nicht sein.

So erscheint demnächst im Christoph-Links-Verlag ein Band, in dem ostdeutsche Kinder 25 Jahre nach der Wende mit ihren Eltern über das Leben in der DDR diskutieren: Judith C. Enders, Mandy Schulze, Bianca Ely (Hrsg.) Wie war das für euch?. Die Dritte Generation Ost im Gespräch mit ihren Eltern.

„Ihr fragt ja wie die Wessis!“ zitiert der Verlag in einer Vorankündigung aus dem Buch. Eigentlich hatte ich nichts anderes erwartet. Mir waren die Umfrageergebnisse aus dem „Kompetenzzentrum“ des Leipziger Medizinsoziologen Brähler immer fragwürdig vorgekommen. Dessen Team hatte nämlich über ein Jahrzehnt Menschen befragt, die beim Zusammenbruch der DDR im 10. Schuljahr gewesen waren. Und die erinnerten sich an die DDR von Jahr zu Jahr positiver.

Veröffentlicht sind inzwischen Interviews der Politikwissenschaftlerin Dr. Pamela Heß: Mehr Gemeinschaftsgefühl und ein stärkerer sozialer Zusammenhalt? Erinnerungen an die DDR als Potenzial für Generationenkonflikte, in: Deutschland Archiv.

Daraus sei zitiert:

„Nach ihren Erinnerungen an die DDR befragt, zeigte sich beim Großteil der Familien eine beifällige Grundeinstellung. Insbesondere das Gemeinschaftsgefühl und der Zusammenhalt in der DDR sind den Familien positiv in Erinnerung geblieben. Dabei fiel auf, dass die Angehörigen beider interviewter Generationen (Erste u. Zweite Generation; GS) ihr früheres Leben mit dem heutigen verglichen und zu dem Schluss kamen, dass die Zwischenmenschlichkeit, die Hilfsbereitschaft, aber auch die innere Zufriedenheit und die soziale Sicherheit in der DDR ausgeprägter und besser waren als heute. Ein befragter Vater sprach davon, dass das Miteinander „heute verloren gegangen“ sei und deshalb „auf alle Fälle [aus der Zeit der DDR, Anmerkung der Autorin] aufbewahrt werden müsse“. Ursache dafür, warum die zwischenmenschlichen Beziehungen heute nicht mehr so ausgeprägt sind wie früher, sei die immer weiter fortschreitende Individualisierung der Gesellschaft – im Besonderen die Selbstbezogenheit der Menschen. In der DDR sei keiner vergessen worden, denn da habe sich die Gesellschaft um jeden gekümmert und bemüht. Ein befragter Sohn führte aus, heute sei sich „jeder selbst der Nächste“. In der DDR „waren immer Gruppen da, es waren Nachmittage, die veranstaltet worden sind, wo keiner auf der Straße gesessen hat und keiner ist sich selbst überlassen worden und keiner musste sich überlegen, was er machen muss. Es hat keiner Langeweile gehabt. Wie gesagt, es gab Schul- […] Pioniernachmittage oder irgend so was, da ist man halt in die Schule gegangen und hat irgendwas gebastelt“…

Um eine Diskussion zwischen den Familienmitgliedern über öffentliche Erinnerungen an die DDR anzustoßen, habe ich in den Interviews jedem Familienmitglied eine Kopie von drei Textstellen vorgelegt. Diese bildeten typische öffentliche Erinnerungen an die DDR ab… Ich bat die Familien, diese Textstellen zu diskutieren und ihre Meinung dazu zu äußern. Die erste Textstelle umfasste „öffentliche Diktaturerinnerungen“ (die DDR war eine totalitäre Diktatur), die zweite „öffentliche Diktatur- und Lebenswelterinnerungen“ (die DDR war eine Diktatur und ein Lebensraum, in dem geliebt und gelebt wurde) und die dritte „öffentliche Lebenswelterinnerungen“ (die DDR war ein Land, in dem es sich gut arbeiten und leben ließ) an die DDR.

Zunächst war auffällig, dass sich fast alle Familien in der Diskussion lediglich auf die öffentlichen Diktaturerinnerungen bezogen. Es zeigten sich hier einerseits eine Einstellungsänderung bei den Angehörigen der Dritten Generation Ostdeutschland und andererseits ein offener Widerspruch zwischen den Generationen. Das noch zuvor positiv in Erinnerung gerufene Gemeinschaftsgefühl, der soziale Zusammenhalt und die Zwischenmenschlichkeit traten bei den Angehörigen der Dritten Generation Ostdeutschland in den Hintergrund. Sie äußerten sich nun DDR-kritisch und beurteilten die DDR – genauso wie es in den öffentlichen Erinnerungen deutlich wird – als Diktatur mit fehlender Meinungsfreiheit, mit Repressionen, Drill und Anpassung an das System:

„[…] in dem Sinne bist du ja auch wirklich unterdrückt worden […] und von Anfang an auch gedrillt worden, Schule und so weiter. […] Du bist dazu erzogen worden in das kommunistische System zu passen“; „[…] es war ein gewisses Diktat, war es logischerweise. […] wenn du zur Wahl oder so was in dem Dreh, du hast ja keine andere Wahl gehabt, du musstest gehen in dem Sinne oder die kamen zu dir nach Hause. Also, das war schon ein Diktat“.

Im Gegensatz zu den Angehörigen der Dritten Generation Ostdeutschland blieben die Eltern ihrer Bewertung der DDR treu und ließen sich in ihren grundlegend positiven Erinnerungen nicht beeinflussen.“ (Zitatende)

Es ist verdienstvoll, verschiedene Sichten auf die DDR-Wirklichkeit zu Wort kommen zu lassen, so dass dem Mythos vom stärkeren Gemeinschaftsgefühl einmal widersprochen wird, und das innerhalb von Familien(!). Eine „generationensensible Kontextualisierung“, wie sie Frau Heß vornimmt, ist für mich dennoch unzureichend.

Es ist das postmoderne Konzept von unterschiedlichen Erzählungen („Narrativen“). Das erkenntnistheoretische Konzept von Falsifizierung oder Verifizierung gilt als veraltet, alles ist letztlich gleich gültig. Die Alten haben die DDR erlebt und halten an ihrem Bild fest. Die Jungen wären von Zeitzeugen und anderen äußeren Faktoren beeinflusst und daher kritischer.

Ich wünschte ich mir eine Gegenüberstellung des Mythos und den belegbaren, also wahren Zuständen des DDR-Alltags, die jenen als Mythos entlarven. Es gibt doch Tatsachen, die man der Behauptung vom größeren Zusammenhalt gegenüberstellen könnte: Die hohe Zahl der Spitzel und Denunzianten. Die IMs waren ja nur die Spitze eines Eisbergs. Es gab fünfmal mehr Auskunftspersonen (AKP), die in Karteien erfasst waren. (Was wohl notwendig war, denn anders als bei den Nazis, war die freiwillige Denunziationsbereitschaft in der Bevölkerung nicht sehr hoch.)

Wo bleibt der gepriesene Zusammenhalt, wenn sich herausstellt, dass der Ehepartner oder der beste Freund einen an das MfS verraten hat? In welchem Verhältnis steht der behauptete größere menschliche Zusammenhalt zum verordneten Zusammenhalt in den Gemeinschaften, den flächendeckenden und zeitlich umfassenden Kinderkrippen, den Jungen Pionieren, den Haus- und Arbeitskollektiven? War es zum Überleben nicht gerade notwendig, misstrauisch zu sein, zu überlegen, was man zu wem sagt, was die Kinder in der Schule sagen dürfen und was nicht?

Nachtrag: Mir fällt eine Bemerkung der Historikerin Prof. Dorothee Wierling auf einer Veranstaltung in Potsdam 2008 ein. Sie berichtete von ihren Interviews zu Alltagserfahrungen von Ostdeutschen. Die durfte sie schon vor der Revolution durchführen. Sie erzählt von einem Elternkollektiv, das sie interviewen durfte.

Gleich zu Beginn betont jemand, wie einig man sich doch immer gewesen sei, was für eine harmonische Gemeinschaft man gewesen wäre. Dann traut sich jemand zu widersprechen: „Erinnert euch doch mal an… Danach brach das Eis und es wurden noch mehrere Beispiele dafür vorgetragen, dass die Harmonie so groß nicht war.“

 

 

 

 

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