Die Auflösung des DDR-Rundfunks

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Der Intendant des Senders Freies Berlin von 1989 bis 1997, Günther von Lojewski,  erinnert sich an das Jahr 1990, als es darum ging, das Rundfunkwesen der untergehenden DDR neu zu ordnen.

Was sollte mit dem 10.000 Mitarbeiter/-innen starken Gebilde, dem Propagandaapparat der DDR, geschehen? Es bot sich an, die föderale Rundfunkstruktur der Bundesrepublik zu übernehmen, d. h. Landesrundfunkanstalten zu gründen.

1990 sah es aber für Momente anders aus. Das Angebot des SFB, dem (Ost-)Berliner Rundfunk mit Technik und Personal zu helfen, wurde abgewiesen. Ja, man spottete sogar über den „Regionalsender Charlottenburg“. Was war da passiert?

Der französische Staatspräsident Mitterand hatte, als einziger westlicher Staatschef, die untergehende DDR besucht und gehofft, sie mit einem Milliardenkredit am Leben zu erhalten. Er hatte den Genossen geraten, nicht vorschnell mit den westlichen Landsleuten ins Geschäft zu kommen. So interessierte sich der französische Rundfunk – vorübergehend – für den Jugendsender DT 64 und seine Frequenzen.

Die westdeutsche IG Metall fand, genauso wie der ARD-Intendant Kelm, Gefallen an der Weiterexistenz des DDR-Rundfunksystems. Im Einigungsvertrag war der Rundfunk nicht explizit angesprochen worden. Es hieß im § 35, zentrale kulturelle Einrichtungen sollten von den neuen Ländern übernommen werden.

Die PDS versuchte noch in letzter Sekunde, „ihren“ Berliner Rundfunk zu retten. Dessen Auflösung wurde am 2.10.1990 von den Ostberliner Stadtverordneten beschlossen. Der PDS-Antrag war nicht mehr auf die Tagesordnung gekommen.

Die Rundfunkleute selbst, unter denen sich, wie man annehmen kann, nicht wenige überzeugte SED/PDS-Mitglieder und Agitprop-Fachleute befanden, kämpften um ihr Überleben. Sie überschlugen sich mit kritischen Berichten über die alte SED-Führung. Sie warben damit, dass sie besser als ARD und ZDF wüssten, worauf es jetzt im Osten ankäme.

Es kam zur bekannten Gründung der Dreiländeranstalt Mitteldeutscher Rundfunk. Der NDR wurde für Mecklenburg -Vorpommern (M-V) zuständig. Brandenburg, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern hätte von Lojewski gerne unter seinen Hut gebracht. Die Hamburger gewannen M-V gegen Lojewski. Der bekam noch nicht einmal Brandenburg. Der kommende brandenburgische Ministerpräsident Stolpe und dann auch der Landtag waren der Ansicht, zur Identitätsbildung des neuen Bundeslandes sei ein eigener Rundfunk unerlässlich. So entstand der – finanzschwache – Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg, der 2003 mit dem SFB zum Rundfunk Berlin-Brandenburg fusionierte.

Beim Radio allerdings blieb ein DDR-Sender bestehen: DS-Kultur, noch zu DDR-Zeiten aus dem Auslandspropagandasender der SED und dem Jugendradio DT 64 fusioniert. Es gibt heute drei national verbreitete Hörfunkprogramme, die beiden Deutschlandfunk und DRadio Wissen in Köln sowie aus DS-Kultur hervorgegangen Deutschlandradio Kultur in Berlin. Von Lojewski bedauert, dass man sich auf diesen – teuren – Kompromiss eingelassen habe. Die Chance, bei der Vereinigung das Rundfunkwesen neu zu ordnen, sei vertan worden.

Quelle: Günther von Lojewski, Der letzte Walzer, FAZ v. 24.12.2010, p 9

 

 

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