Eigensinn in der DDR

Gepostet am Aktualisiert am

Im Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) wurden gestern zwei Neuerscheinungen in einer vom ZZF herausgegebenen Reihe vorgestellt:

Andrea Bahr, Parteiherrschaft vor Ort: Die SED-Kreisleitung Brandenburg 1961-1989

und Jan Palmowski, Die Erfindung der sozialistischen Nation: Heimat und Politik im DDR-Alltag

Das Gespräch mit den beiden Autoren und dem DDR-Schriftsteller Landolf Scherzer moderierte der Verleger Christoph Links, in dessen Verlag die beiden Bücher erschienen sind.

Es sind Lokalstudien. Sie befassen sich also mit einer lokalen Institution, einem bestimmten Ort, einem Kombinat. Sie rekonstruieren aus Akten und durch Zeitzeugengespräche das Innenleben der Institution, die Entscheidungswege, die Interaktion mit der Bevölkerung und mit anderen Institutionen.

In Lokalstudien wird untersucht, was gelegentlich als Desiderat benannt wird, der DDR-Alltag. Als Inspirator der Idee, eine Kreisleitung darzustellen, gilt Landolf Scherzer. Er hatte nach achtjährigem Bitten in den 80er Jahren die Genehmigung erhalten, einmal den 1. Sekretär einer Kreisleitung drei Wochen begleiten zu dürfen. „Der Erste“ hieß sein Bericht.

Ähnliche Studien habe ich schon vorgestellt, Andrew Port etwa, die Schulstudie von Ulrike Mietzner, die Gerichtsstudie von Inga Markovits. Es gibt sie also längst.

Anders als die oberen Kader im fernen Ostberlin ist eine Kreisleitung in der Provinz nah an den Menschen. Sie muss Kompromisse schließen, etwas aushandeln, improvisieren, auch einmal nachgeben können. Dr. Andrea Bahr charakterisiert „ihre“ Kreisleitung als „paternalistisch-repressiv“.

Der Buchtitel „Erfindung der sozialistischen Nation“ scheint mir etwas zugespitzt zu sein. Allzuviel Sozialismus, so sagt der Autor Jan Palmowski selbst, steckte nicht wirklich im Heimatgefühl drin. Man kann sogar vermuten, das schließt er nicht aus, dass das Zulassen von Heimatgefühl, also etwa die Pflege von Denkmälern, von Parks, das Engagement für den Umweltschutz nicht unwesentlich zur Entwicklung der Bürgerrechtsbewegung und damit dem Ende der DDR beigetragen hat.

Scherzer greift die in der Einladung zur Buchpräsentation gewählte Überschrift „Parteiherrschaft und Eigen-Sinn in der DDR-Provinz“ auf. Er betont den Eigensinn der Menschen, auch den der Mitarbeiter der Kreisleitung.

Lokalstudien zeigen ein differenziertes Bild der DDR-Gesellschaft. Da mag sogar Überraschendes zutage gefördert werden, etwa, dass die Oberen einmal einen 1. Sekretär in die Wüste schicken und nicht den Beschwerdeführer aus der Bevölkerung, zumal der kein überzeugter Sozialist war.

Ist es das, worauf die Forderungen von mehr Alltagsgeschichte und weniger Repressionsgeschichte hinauslaufen? Scherzer redet sogar davon, dass der 1. Sekretär einer Kreisleitung nicht viel anders hätte schalten und walten müssen als nach der Wende sein Nachfolger, der Landrat. In der Kreisverwaltung traf er Menschen, die er schon in der Kreisleitung gesehen hatte. Die vertrauten ihm an, dass sie jetzt unter „umgekehrten Vorzeichen“ nicht viel anderes machten. Das pragmatische Alltagshandeln der Parteikader in der Provinz als Beleg für einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz? Eine Weichzeichnung der DDR nach dem Motto, so schlimm war es doch gar nicht?

Die beiden Studien geben das nicht her. Im Gegenteil, sie zeigen, wieviel Staatssozialismus im Alltag steckte. Der Eigensinn der Menschen ist keine Errungenschaft einer fortschrittlichen DDR. An ihm scheiterte sie eher.

Noch mehr solcher Studien wäre wünschenswert.

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