Die enthemmte Mitte: Eine „Studie“ aus einem Leipziger Kompetenzzentrum

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Der Tagesspiegel feiert die neueste Studie aus dem Leipziger „Kompetenzzentrum“ des Medizinsoziologen Elmar Brähler „Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland“ groß auf Seite 2. Ich habe gleich weiter geblättert. Herr Brähler hat jahrelang eine Panelstudie vorgelegt, aus der sich ergab, dass die untergegangene DDR von Mal zu Mal rosiger gesehen wurde als die unsoziale, neoliberale Bundesrepublik. Dann plötzlich, nach einigen Jahren, die Befragten waren inzwischen älter geworden, kehrte sich das Ergebnis um. Die Studie wurde eingestellt.

Prof. em. Dr. Elmar Brähler forscht seit der Jahrtausendwende zur enthemmten Mitte. Alle zwei Jahre verkündet er seinen Befund von der angeblichen Rechtsabweichung der Mitte der Gesellschaft. Aber auch seine Studien, denen man unscharfe Fragen, Suggestivfragen, unscharfe DEfinition von Mitte und Rechtsextremismus vorwirft, kommen nicht umhin, 2016 den niedrigsten Wert für den Anteil von Nazis in der Bevölkerung festzustellen. (Link: Wikipedia: Mitte-Studien)

Umfragen der Leipziger Wissenschaftler/-innen um Professor Dr. Brähler werden von linken Institutionen finanziert, Heinrich-Böll-, Otto-Brenner- und Rosa-Luxemburg-Stiftung. Die Stiftungen der Parteien erhalten ihr Geld vom Steuerzahler. Das Erkenntnisinteresse dieser Auftraggeber ist wohl kein Geheimnis.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung der SPD hat sich beim Leipziger Kompetenzzentrum der Professoren Decker und Brähler vor ein paar Jahren ausgeklinkt. Sie macht ihre eigenen Rechtsextremismusumfragen. Mit zum Teil erheblichen Unterschieden bei manchen Items.

Ich bekam immerhin mit, dass die Leipziger Expert/-innen herausbekommen hatten, dass der harte Kern von Rechtsextremisten, wie seit Jahrzehnten (SINUS-Studie), bei 5% steht, sogar leicht geschrumpft sei. Den Rest zu lesen, die Antworten auf diverse Items, aus denen man eine enthemmte Mitte konstruiert, schien mir Zeitverschwendung zu sein.

Dass Spiegel, ARD und ZDF die Studie als der Weisheit letzten Schluss verkauften, war nicht überraschend. Der Tagesspiegel sah es sportlich: Die Leipziger Rechtsextremismusexpert/_innen hätten mit ihren Befunden zur rechtsextremen AfD und Pegida dem Politikwissenschaftler Werner Patzelt, der das differenzierter sieht, „kontra“ gegeben.

Ich war mir sicher: Science Files wird die Decker-Brähler-Studie methodisch auseinandernehmen. Herzlichen Dank!

Alexander Wallasch in Tichys Einblick fasst treffend zusammen: „Für diesen Helikopter-Blick in die Köpfe von 4.000 Deutschen, von denen die Hälfte schon mal den Interviewer davonjagte, weil man deren verkrüppelten Rorschachtests nicht gewillt war, über sich ergehen zu lassen. Oder weil man einfach nicht die Zeit haben wollte, sich Gedanken darüber machen zu sollen, ob Hitler ohne die Judenvernichtung einer toller Bursche gewesen sein könnte, was dann dazu geführt hätte, dass man selbst als Rechtextremer in die Statistiken eingegangen wäre. Ebenso auch, wenn man bestätigt hätte, das man sich bei über einer Million muslimer Zuwanderer in wenigen Monaten nicht mehr recht heimisch fühlt in Deutschland. Ja, auch dann ist man rechtsextrem. Sie wissen es ja schon: Demokratie ist, wenn man der Zuwanderung uneingeschränkt zustimmt. Tut man das nicht, ist man Antidemokrat, ist man rechtsradikal.“

Die o.a., von linken Institutionen finanzierte Studie löst das Problem auf ihre Weise. Abgefragt wird der „klassische“ rechte Antisemitismus. Der in Deutschland bis in die gesellschaftliche Mitte, die angeblich enthemmte, virulente linke Antisemitismus fehlt: Ein Israelhass, der längst die Grenzen zum Antisemitismus überschritten hat. Da übernimmt eine im Recherchieren ungeübte, aber beliebte TV-Moderatorin eine Hamas-Landkarte von Palästina auf ihre Facebook-Seite, von israelischen Schüssen, Panzern und Raketen gegen Palästinenser/_Innen  handeln die Schlagzeilen in gutbürgerlichen Zeitungen, nicht nur im Freitag des Antisemiten Jakob Augstein. Erst später im Text erfährt man, dass das eine Reaktion auf palästinensische Angriffe war.

Aber die armen Palästinenser sind angeblich im Recht. Die Juden nähmen ihnen ihr Land weg. So steht es in einem Buch auf der Spiegel-Bestsellerliste.

Nachtrag Mai 2017: Nun gibt es auch noch eine regierungsamtliche Studie zum Rechtsextremismus in Ostdeutschland, veranlasst von Iris Gleicke, der Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Länder.

Ich fand es anfänglich gut, dass man spezifisch ostdeutsche Bedingungen für Rechtsextremismus untersucht. Meist wird das Thema in den Medien neutralisiert mit dem Argument, dass es das im im Westen doch auch gäbe. Wenn man sich näher über die Studie des Göttinger Zentrums für Demokratieforschung des Politologen Franz Walter informiert, ist man aber sofort (wieder) mit Fragen zum Design solcher Studien der empirischen Sozialforschung konfrontiert.

Zwar wird durchaus herausgearbeitet, dass die DDR-Sozialisation den Umgang mit Ausländern bis heute präge, dass Unterlegensheitsgefühle gegenüber Westdeutschen eine Rolle spiele, dass es ein Stadt-Land-Problem gäbe.Das alles ist aber nicht neu.

Die Welt schreibt am 22.5. (gestern) dann aber auch, dass die Ergebnisse im Wesentlichen auf Interviews mit 40 Politkern und engagierten Bürgern beruhe, die überwiegend dem linken gesellschaftlichen Spektrum zuzuordnen seien. Geführt wurden sie ausschließlich in drei Orten, die wegen ausländerfeindlicher Vorkommnisse bekannt geworden waren.

Die Forscher verwendeten Materialien der Antif über Rechtsextremismus und stellten schon Bürger  in die rechte Ecke, die Unmut über die Randale der militanten Antifaschist/-innen äußerten.

 

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3 Kommentare zu „Die enthemmte Mitte: Eine „Studie“ aus einem Leipziger Kompetenzzentrum

    […] schrieb ich einen Nachtrag zum meinem Beitrag „Die enthemmte Mitte. Eine neue „Studie“ aus einem Leipziger Kompetenzzentrum&#822… aus dem Sommer 2016 . Mehrere kritische Blogs, u.a. Science Files, AchGut, Tichys Einblick nahmen […]

    […] und der Rosa-Luxemburg-Stiftung, herausgefunden haben, dass die Mitte „enthemmt“ wäre, also mindestens […]

    […] Der Kolumnist Harald Martenstein wundert sich über die unscharfen Fragen, mit denen die Sozialwissenschaftler*innen des Leipziger Kompetenzzentrums des Medizinsoziologen Prof. Dr. Elmar Brähler im Auftrag linker Stiftungen und Gewerkschaften herausgefunden haben wollen, wer Nazi ist. Siehe hierzu auch im Blog! […]

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