Wenn Satire-Sendungen zur einzigen Informationsquelle werden

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„Was passiert eigentlich, wenn Leute Politik nur noch als das verstehen, was Satire-Shows davon zeigen?“ Das fragt die FAZ-Journalistin Friederike Haupt in der Ausgabe v. 10.4.16, p 5.

Das ist eine spannende Frage. Und sie passt in das Gesamtbild von der Erosion einer informierten Öffentlichkeit.

Mir gefällt die viel gepriesene Heute-Show des ZDF nicht. Da wird herumgeschrieen, da gibt es billige Witzchen. Und wenn sich einmal ein Argument in die Sendung verirrt, dann ein solches: Der Vorwurf, die Flüchtlingskrise würde im Fernsehen verschwiegen, wird damit gekontert, dass die unzähligen Talk-Shows aufgezählt werden, die sie zum Thema hatten. Ausgerechnet Talk-Shows! Dazu unten mehr.

Frau Haupt bezieht sich auf US-amerikanische Studien, die besagen, dass vor allem junge Leute ihre politische Bildung zunehmend aus Satiresendungen bezögen. Was wiederum Politiker, inklusive des Präsidenten, bewöge, in diesen Shows aufzutreten. Nun war etwa „The Daily Show“, als ich sie vor Jahren zuletzt sah, eine geistreiche, humorvolle Veranstaltung, meilenweit entfernt vom Geschrei und den plumpen Witzchen einer Heute-Show. Bei ihr haben die Wissenschaftler denn auch herausgefunden, dass die Sendungen Zuschauer motivieren, sich ernsthaft zu informieren, mit dem Resultat, dass Zuschauer der Daily Show besser über Politik informiert waren.

Nicht vorstellen kann ich mir das bei „Neues aus der Anstalt“ mit den Leitartikeln des Herrn Pispers oder bei „Mario Barth deckt auf“ oder „Neo Magazin Royale“, wo der Komiker Böhmermann Erdogan in einem Gedicht als Ziegenficker und Kinderschänder darstellen darf und dafür den Grimme-Preis erhält. (Den bekam auch die Heute-Show und sogar das digitale Sprachrohr gewaltbereiter Linksextremisten, indymedia).

Zum Böhmermann-Kunstwerk siehe auch hier und hier!   (Letzteres“ hier Nachtrag 2.11.16)

Die gegenwärtigen Polit-Talk-Shows erfüllen sehr oft nicht ihren Anspruch, über Politik zu informieren. Den Sendern geht es um Einschaltquoten, da ist es wichtig, die Rampensäue unter den Politiker/-innen aufeinander loszulassen. Es sind Unterhaltungssendungen, die von rhetorisch versierten Politstars dominiert werden und in denen man oft keinen Gedanken zu Ende führen kann, ohne von Mitdiskutanten, der Moderatorin oder einem Einspielfilm unterbrochen zu werden.

Für Widerspruch oder kritische Rückfragen bleibt keine Zeit. Oskar Lafontaine ist ein Meister dieses Formats. Wenn ich hinterher einzelne der von ihm in der Sendung pausenlos verkündeten Zahlen überprüfte, stellte sich heraus, dass sie nicht immer stimmten. Auch bei seiner Frau muss man aufpassen: „In Venezuela, in Portugal, in Griechenland ist es so und so…“ Das es nicht so ist, wen kümmert´s. Man bewundert ihre rhetorische Brillianz und ihr enormes ökonomisches Wissen.

Eine Moderatorin ließ einmal den damaligen AfD-Chef Lücke am Katzentisch sitzen und wollte mit ihren Diskutanten über ihn und seine Partei reden. Auf Zuschauerproteste hin ließ sie ihn in ihrer Runde zu. Dort konfrontierte sie ihn mit einem rechtspopulistischen Slogan seiner Partei. Lücke erwiderte, dass dieser Satz in einem Programm der CSU stünde. Der anwesende CSU-Politiker war peinlich berührt. Aber die Moderatorin konterte nach einer Schrecksekunde kühl: Das hätte man natürlich gewusst, aber heute ginge es um die AfD.

Wie großartig waren die Sendungen, in denen sich Günter Gaus  eine Dreiviertelstunde z. B. mit Rudi Dutschke unterhielt, eingehüllt in Zigarettenqualm. (Und ihm dabei seine Einstellung zu Gewalt entlockte. Die sich nicht besonders unterschied von der Maos, Stalins oder Pol Pots.)

„Was für ein Bild von Politik müssen junge Menschen bekommen, die ihre politische Bildung aus den oben genannten Satiresendungen beziehen?“, fragt Frau Haupt abschließend.

Nachtrag: Groß war meine Freude, als ich auf ein „Projekt“ von Kölner Journalistenschülern stieß, den „Faktenzoom„. Die Nachwuchsschreiber/-innen wollten den Wahrheitsgehalt von Politikeraussagen in Talkshows überprüfen. Wunderbar!

Leider haben sie nicht Gysi, Lafontaine und Wagenknecht überprüft. Dafür küren sie Frauke Petry von der AfD zur führenden Falschaussage-Politikerin. Na gut, für ganz unwahrscheinlich halte ich das noch nicht einmal. Aber eigentlich wollte ich nicht schon wieder AfD-Kritik lesen. (Einige Medien feiern die „Studie“, wie sie es nennen: Ein Drittel der Aussagen Petrys wären unwahr.)

Daher schlage ich bei Lindners (FDP) Unwahrheiten nach. Und da zeigt sich, dass es manchmschwierig ist, Aussagen eindeutig als wahr oder falsch zu klassizifizieren.  Lindner hatte u. a. gesagt, das die baltischen Staaten keine Flüchtlinge aufnähmen. „Unwahr!“, sagen die Journalistenschüler/-innen. Die drei Staaten hätten zusammen 185 Flüchtende aufgenommen. Wow! Das sind Zahlen! Da hat Herr Lindner aber wirklich die Unwahrheit gesagt.

In einem anderen Fall wird die Unwahrheit mit Zahlen belegt, die zum Zeitpunkt der Sendung noch nicht bekannt waren.

Lindner behauptete des weiteren, der Strompreis wäre in den letzten zwei Jahren gestiegen. Das ist ausweislich einer Statistik falsch und wurde daher als unwahr klassifiziert. Hätte er gesagt, er hätte sich, der Energiewende sei Dank,  in den letzten zehn Jahren verdoppelt, hätte er die Wahrheit gesagt.

Mir wurde immer klarer, dass ein Faktencheck schwierig ist. Was ist wirklich total falsch, was ist nicht ganz richtig?

Zum Schluss habe ich mir die Auswertung bei Frauke Petry dann doch angesehen und die Leserkommentare dazu. Einige belegen nachprüfbar, dass bei Frau Petry schlecht oder gar nicht recherchiert wurde. Denn vieles von dem, was ihr als unwahr unterstellt wurde, stellte sich ausweislich der Belege als wahr heraus.

Ich habe dann nochmal nachgesehen, ob die Journalistenschule nicht vielleicht doch in Leipzig ist.

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Ein Kommentar zu „Wenn Satire-Sendungen zur einzigen Informationsquelle werden

    […] Trend ist schon längst da und viel größer, als ich im letzten Beitrag schilderte. Es gibt eine Plattform für Satire-Journalismus, realsatire.de, gefördert u. a. von […]

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