Das MfS ein frühes Amazon?

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Kürzlich lief eine TV-Dokumentation über die Insel Rügen. Gezeigt wurde auch die im Süden vorgelagerte kleine Insel Vilm. Sie ist heute Vogelschutzgebiet. In der DDR wurde sie für Normalbürger gesperrt und verschwand aus den Landkarten. Dort ließ sich die SED-Prominenz nämlich Ferienhäuser bauen. In der TV-Dokumentation wurde das erwähnt und auch das Innere einer Wohnung gezeigt, die heute Büro von Tierschützern ist. „Wie man sieht“, so der TV-Kommentar, „keine goldenen Wasserhähne.“ Das war schon wahr. Was die Fernsehschaffenden aber nicht sagten: Das ganze Fertighaus, die gesamte Einrichtung, die Badezimmerarmaturen, der Kühlschrank, der seinerzeit supermoderne Herd: Alles war aus dem Westen und alles war vom Feinsten und Neuesten.

Bei der Siedlung Wandlitz, in die sich die Politbüro-Bonzen nach dem 17. Juni 1953 zurückzogen, war es ähnlich. Das MfS versorgte die Bewohner/-innen mit allem Erdenklichen, vorzugsweise aus dem Westen.

Nachdem in der Zeit der Friedlichen Revolution aus dem Wandlitz-Supermarkt die Luxuswaren verschwunden waren, durfte ein Kamerateam den verbliebenen, bescheidenen Wohlstand in der Siedlung abfilmen und so die Bevölkerung über das Leben der ehemaligen Elite „informieren“. Damals entstand der Mythos vom kleinbürgerlichen Wohlstand der kommunistischen Elite. Er hält sich bis heute.

Man hätte es anders wissen können, wenn man die Protokolle der Enquetekommission zur Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur gelesen hätte. Nun liegt ein Buch zu einer Ausstellung in Wandlitz vor. Das gibt einen Einblick in die Versorgung der Nomenklatura durch das MfS, den Stasi-Oberst und Stasi-Doktor Schalck-Golodkowski. Sein Etat dafür lag zuletzt bei 8,6 Mio DM.

In einem Artikel in der Welt wird das MfS als eine Art Amazon für die Kader bezeichnet. Das mag weitestgehend zutreffen. Nur in einem Punkt nicht: Bei Amazon muss der Kunde zahlen.

Jürgen Danyel, Elke Kimmel: Waldsiedlung Wandlitz. Eine Landschaft der Macht„. Christoph Links Verlag, 2016

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