Transparenzfetischismus

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Mangelnde Transparenz ist zur postmodernen Killerphrase geworden. Am besten wäre es scheinbar, man würde die TTIP-Verhandlungen auf Großleinwänden übertragen und die Überlegungen und Absprachen der Bundestagsparteien zur Bundespräsidentenwahl als Livestream im Internet anbieten.

Wieso finden Zeugniskonferenzen ohne Schüler und Eltern statt? Die kriegen noch nicht einmal das Protokoll mit den Abstimmungsergebnissen.

Bei den  Bilderberg-Tagungen gilt die Vereinbarung, dass man sich – zugegeben: hochkarätig – austauscht, aber nicht öffentlich macht, wer was gesagt hat. Immerhin sind die Bilderberger schon so eingeschüchtert, dass sie neuerdings die Themen, über die geredet werden soll, vorab veröffentlichen.

Man stelle sich einmal die schöne neue Welt des Öffentlichkeitsterrors vor: Kein Politiker kann sich mehr mit einem Kollegen aus einer anderen Partei treffen und über mögliche Koalitionen nachdenken, unter vier Augen, vertraulich. (Welt)verschwörung ruft es von links seit Jahrzehnten, neuerdings auch von rechts. Reicht es nicht, wenn die Medien an Wahltagen um 18 Uhr 10 schon über Ministerposten reden wollen?

Begründungen von Gerichtsurteilen müssten nicht mehr abgewartet werden. Die Öffentlichkeit ist schon bei der Beratung des Gerichts anwesend. Tarifverhandlungen laufen zukünftig über einen Twitter-Hashtag. Die Kaufpreise von Fußballspielern werden nicht mehr hinter verschlossenen Türen ausgehandelt.

Was spricht eigentlich dagegen, dass in Zukunft, wie es schon teilweise geschieht, das Gehalt aller Firmenmitarbeiter allen bekannt gemacht wird? Wenn die palästinensische Autonomiebehörde und die israelische Regierung über einen Gefangenenaustausch verhandeln oder über die Einreise von Palästinensern nach Israel, warum passiert das hinter verschlossenen Türen?

„Keiner weiß, was da wirklich passiert“, sagt ein sichtlich besorgter linker Bundestagsabgeordneter über die Dresdner Bilderberg-Konferenz. Einfach furchtbar.

N.B.: Völlig intransparent ist übrigens die Finanzierung von Parteien und ihren Stiftungen. Da das bei der Opposition genausos zutrifft, wie bei den Regierungsparteien, gibt es eine ganz große Koalition, die das auch nicht ändern will.

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