Die DDR und der sowjetische GULag

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Der Stalinismus und der Aufbau von Partei und Staat nach stalinistischem Muster sind in der DDR nicht aufgearbeitet worden. Eine Debatte über Stalins Verbrechen und die stalinistischen Strukturen in Partei, Staat und Gesellschaft ließ die SED nicht zu. In anderen Ostblockstaaten dagegen war die Stalinismuskritik ein öffentliches Thema. In der DDR beschränkte sich die Diskussion auf einen kleinen Kreis Kulturschaffender und Intellektueller, allen voran der Chemieprofessor Robert Havemann.

Hier gäbe es noch ein Betätigungsfeld für die Geschichtsprofessor_innen, die die DDR für überforscht halten.

„Entstalinisierung wie in Polen und Ungarn kommt bei uns nicht in Frage!“ sagte Walter Ulbricht auf einer Parteikonferenz 1956. Zwar übte er Kritik am Personenkult um Stalin, da es aber so etwas in der DDR nicht gegeben hätte, brauche es auch keine Entstalinisierung. Über die Verbrechen Stalins, darunter auch die Inhaftierung und Ermordung Tausender europäischer und deutscher Kommunisten, die geglaubt hatten in der UDSSR vor Hitler sicher zu sein, wurde in der Sowjetunion und in der DDR geschwiegen.

1976 wendet sich eine alte Dame, Dorothea Garai, an den ostdeutschen Schriftsteller Karl-Heinz Jakobs. Sie will ihm ihre Lebensgeschichte erzählen. Frau Garai, eine gläubige Kommunistin, war vor den Nationalsozialisten in die Sowjetunion geflohen. Sie unterrichtete in der Moskauer Militärakademie Deutsch. Auf dem Höhepunkt des roten Terrors 1937 ließ Stalin die Offiziere der Akademie erschießen. Da auch das nicht-militärische Personal in den Augen der Staatssicherheit verdächtig war – üblich waren Vorwürfe der Spionage und Sabotage – wurde die Ausländerin Garai für zehn Jahre in den sibirischen GULag geschickt. Sie zermarterte sich das Gehirn, welche Schuld sie auf sich geladen hätte, ob sie einmal vom von der Partei vorgegebenen Kurs abgewichen wäre oder einmal Zweifel an der Weisheit der Partei gehabt habe. Sie findet nichts, aber unterschreibt ein Geständnis und wird nach Sibirien geschickt.

Das linientreue SED-Mitglied Karl-Heinz Jakobs hört ungläubig zu, wie Mäd, so nennt er sie, ihm ihr Leben in den sowjetischen Konzentrationslagern auf der sibirischen Halbinsel Kolyma erzählt. Dort gab es regelmäßig Erschießungen, beliebt waren die Termine 1. Mai und der Tag der Oktoberrevolution. Die Qualität von Gasmasken für das Militär wurde an Häftlingen erprobt. Jeder KZ-Kommandant pflegte seine eigenen grausamen Hobbys. Die kriminellen Insassen herrschten über die politischen. Dabei töteten allein schon die harte Arbeit im Bergwerk, die eisigen Temperaturen und das schlechte Essen genügend Gefangene. Mäd ist ungeduldig mit ihm, versteht nicht, dass er nichts weiß von Frauenlagern und Massenerschießungen.

Die Kommunistin Garai war nach 19 Jahren Sibirien 1956 in die DDR gegangen. Dort hatte sie die Hoffnung gehabt, die Genossen würden das Schicksal tausender Kommunisten, die von Kommunisten getötet worden waren, aufarbeiten und aus Fehlern lernen. Aber sie findet nur die Biographien hochrangiger Kader, in denen nichts steht vom Tod des Ehepartners in Stalins GULag oder der eigenen Haft dort.

Sie wirft Jakobs Naivität vor. Nichts wisse er vom GULag und dem roten Terror. Chruschtschows Geheimrede über Stalin 1956 war nahezu überall in der Welt bekannt geworden, aber nicht in der DDR. Die beiden geraten oft aneinander.

1976, es ist die Zeit des Protests gegen die Biermann-Ausbürgerung. Jakobs nimmt an den Sitzungen von Parteigremien und Kulturbund teil, in denen die Unterzeichner der Biermann-Protestresolution in die Mangel genommen werden. Man liest fassungslos das Schmierentheater der Kulturfunktionäre. Solange sie parieren, genießen die Kulturschaffenden allerlei Privilegien. Tun sie das nicht, werden sie beschimpft, überwacht, eingeschüchtert, eingesperrt, hundert werden ausgewiesen.

Stefan Hermlin, der gefeierte Staatspreisträger, hat die Protestresolution entworfen. Er selbst hat schon vorher die Achterbahnfahrt der DDR-Kulturschaffenden erleben müssen. Trotz Elogen auf Stalin und die Partei wurde er von Ulbricht kritisiert. Die Unterzeichner sollen widerrufen, sollen sagen, sie seien getäuscht worden. Sie müssen Gegen-Resolutionen unterschreiben, die nach der Unterschrift zugespitzt und veröffentlicht werden.

Anna Seghers, im Grunde sehr partei-loyal, aber auch bekannt für manchmal offene Meinungsäußerung, fragt, wieso Biermann einfach so ausreisen durfte. Jeder kleine Sänger müsse sein Programm vor der Auslandsreise genehmigen lassen. Warum man mit ihm vorher nicht geredet habe. Ob das so geplant war? (Ich habe aus Kreisen der IG-Metall, die 1976 Biermanns Gastgeber war, eine Andeutung in dieser Richtung gehört.)

Die Kulturfunktionäre am Rednerpult greifen sich ans Herz, brechen in Tränen aus, können nicht mehr weiterreden. So enttäuscht wären sie von ihren Genossinnen und Genossen Künstlerinnen und Künstler. Kunert und Pannach werden eingesperrt. Christa Wolf rät Jürgen Fuchs, seine Manuskripte zu verbrennen. Bei Hermlin spielen Kulturminister Hoffmann und Hermann Kant bad cop und good cop. Als Christa Wolf einen Herzanfall erleidet, sagt der Kulturminister: „Wer zählt unsere Herzinfarkte?“

Wolf, Heym und Hermlin werden mit einem Dauer-Visum für den Westen besänftigt, Kunert, Becker, Kirsch und Krug dürfen ausreisen, Fuchs und Rathenow werden eingesperrt.

Die Gespräche mit Dorothea Garai bringen Jakobs dazu, hart zu bleiben. Er zieht seine Unterschrift unter der Protestresolution nicht zurück. Daraufhin wird er aus der SED ausgeschlossen.

Das Buch „Das endlose Jahr“ veröffentlicht er 1983, da ist er längst im Westen.

Es ist eines der Bücher, die man lesen sollte, um zu erfahren, wie die DDR war.

Es ist noch antiquarisch zu finden.

 

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