Die ostdeutsche Elite: Wo ist sie?

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Zu den Dauerbrennern der Kritiker/-innen des Vereinigungsprozesses gehören

  • die angeblich ausgebliebenen blühenden Landschaften,
  • der angeblich von der Treuhand herbeigeführte Zusammenbruch der DDR und darum soll es hier gehen:
  • die fehlende (neue) ostdeutsche Elite.

Die Universität Leipzig hat jetzt für den mdr herausgefunden, dass sich die west- und die ostdeutschen Eliten noch nicht angenähert hätten. Im Gegenteil, im Osten würden die Westdeutschen die Macht ausüben.

80% der östlichen Hochschulen würden von Westdeutschen geleitet, in Regierungen und Verwaltungen wären die Leitungsposten zwischen 50 und 75% von Westdeutschen besetzt. Insgesamt, so haben die Statistiker/-innen der Uni ausgerechnet, wären 80% der Leitungsposten in Ostdeutschland von Westdeutschen besetzt.

Und jetzt kommt es ganz dick: Dies wäre die Ursache für die geringe Wahlbeteiligung im Osten. Oder zieht Stefan Locke in seinem Bericht in der FAZ dieses Fazit? Die „exklusive“ Story (so der mdr) fand ich im Internet leider nicht; der mdr hat daraus eine zweiteilige TV-Dokumentation über die Machtverhältnisse im Osten gemacht: „Wer beherrscht den Osten?“. In der ersten Junihälfte 2016 wird sie wohl in der Mediathek stehen.

Da nicht alle mdr-Dokumentionen über Ostdeutschland frei von ostalgischen Sentimentalitäten sind, wäre es vielleicht gut, sich vorab zu erinnern:

1990 absolvierten die letzten Jahrgänge die Universitäten der DDR, so z.B. die Journalisten das sogenannte „Rote Kloster“, die Sektion für Journalismus an der Universität Leipzig. In jeder Arbeitsgruppe dieser Abteilung waren zwei bis drei MfS-Mitarbeiter/-innen.

Man muss gar nicht jedem Absolventen, jeder Absolventin unterstellen, vom Kommunismus begeistert gewesen zu sein. Es gibt einige, die im vereinigten Deutschland erfolgreich wurden. Aber was ist mit den Dozenten, Professoren, Studenten der marxistischen Gesellschaftstheorie, der marxistischen Pädagogik, des marxistischen Rechts, der marxistischen Staatswissenschaften?

Diese letzten in der DDR ausgebildeten Kader gehen jetzt nach 25 bis 30 Jahren in den Ruhestand. Erst in den nächsten Jahren geht eine postsozialistisch ausgebildete Generation in die Berufspraxis.

Wie hätte das anders gehen sollen? Der Leiter der Oberfinanzdirektion Dresden? Die Vorsitzende Richterin am Landgericht Neuruppin, der Präsident eines Landesrechnungshofes. Es galt, die Jahrhundertaufgabe der Übernahme des westdeutschen Rechts-, Steuer- und Wirtschaftssystems zu stemmen. Lag es da nicht nahe, westdeutsche Fachleute für diesen Aufbau zu holen? (Auch mit dem Risiko, dass es darunter Versager/-innen gab.)

Erinnert sei an die heftige Gegenwehr bei der Auflösung der marxistischen Strukturen an den Universitäten nach 1990:

Studierende des Roten Klosters der Uni Leipzig traten in den Hungerstreik.

Der erste Nachwenderektor der Berliner Humboldt-Universität war der (ostdeutsche) Theologe Heinrich Fink. Seine geschredderte Akte über 25 Jahre Stasi-Zuarbeit wurde erst nach einigen Jahren rekonstruiert. Obwohl man den gerade an dieser Universität zahlreich vorhandenen marxistischen Philosophen, Rechts- und Gesellschaftswissenschaftlern mit Beschäftigungverträgen sehr entgegengekommen war, organisierten Fink, die DDR-Dozenten, die Studenten und die PDS lautstarke und öffentlichkeitswirksame Proteste gegen die angebliche neoliberale Übernahme westdeutscher fachlicher Standards.

Die Universität Potsdam entstand aus der Zusammenlegung der Pädagogischen Hochschule und der Hochschule für Rechts- und Staatswissenschaft der DDR sowie vereinzelten Mitarbeitern der Stasi-Hochschule Golm. Als beim 20jährigen Jubiläum der neuen Universität ein (westdeutscher) Potsdamer Professor sich der Gründungszeit erinnerte und die Schwierigkeit beschrieb, die Ausbildungsgänge neu zu strukturieren und Anschluss an internationale Entwicklungen zu gewinnen, obwohl es die vielen (Alt-)Dozenten ohne forschungsintensive Portfolios gab, protestierten diese lautstark. Einer der ostdeutschen Gründungsprofessoren, der selbst von der SED drangsaliert worden war, mokierte sich über seine Kollegen: Sie litten unter Gedächtnisverlust.

Welche ostdeutsche Elite ist eigentlich gemeint, wenn die Leipziger Wissenschaftler/-innen davon sprechen, dass diese sich nicht der westdeutschen angenähert hätte. Die alte? Oder ist in 25 Jahren seit 1990 eine neue entstanden, die von den westdeutschen „Machthabern“ im Osten klein gehalten wird?

Bei den Lehrkräften gab es keinen „Eliten“wechsel. Da machten fast alle weiter. Auch in der Medizin gab es keine personelle Wende. (Wogegen ich keine Einwände hätte. Vielleicht gegen die Doping-Ärzte und -Professoren, die schon wieder kecke Sprüche auf den Lippen haben.)

Die Enquetekommission des brandenburgischen Landtages ließ auch die Frage eines Elitenwechsels in Zeiten der Wende untersuchen. Die Ergebnisse unterschieden sich, zumindest auf der mittleren Ebene, doch ein wenig von der Leipziger Studie. Die alten Kader, die marxistische Elite war nicht verschwunden, sondern gut „im Westen“ angekommen.

Die meisten ehemaligen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, geleitet von SED-Mitgliedern, die im Volksmund „rote Barone“ hießen, wurden Vorsitzende der Agrarfirma, zu der sie ihre LPG umgewandelt hatten (und sind heute in der Regel sehr wohlhabend). Viele ehemalige enteignete Bauern haben bis heute das Nachsehen.

Ganz vergessen sollten wir die SED und ihre Nachfolgeparteien auch nicht. Ihre Mitglieder, darunter auch schon mal ein Minister, wurden Landräte und Bürgermeister, Bundestags- und Europaparlamentsabgeordnete, in Thüringen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern Minister und Ministerialbeamte. Ganz zu schweigen von Dr. Gregor Gysi, dem Sohn eines SED-Kulturministers und selbst hochrangiger Kader, ohne den eine Talkshow nicht auszukommen scheint.

Es gibt Verantwortliche, die ein Lied davon singen können, dass sie gerne ostdeutsche Bewerber/-innen in Leitungsfunktionen einstellen würden. Aber sie finden keine. Millionen DDR-Bewohner sind vor 1990 in den Westen geflohen, die meisten sehr qualifiziert. Nach 1990 war es noch einmal weit über eine Million.

12 Millionen Menschen leben aktuell in Ostdeutschland, das sind 15% der deutschen Bevölkerung. Sollen die „restlichen“ jetzt einer Quote anheimfallen? Sollen Führungspositionen in den neuen Bundesländern nur noch aus diesen 15% rekrutiert werden? Dürfen dann Sachsen, aber keine Hessen mehr, in Brandenburg Minister werden?

Nach Angaben der Pressemitteilung des mdr wurde auch untersucht, wie hoch der Anteil Ostdeutscher in gesamtdeutschen Führungszirkeln der Justiz, der Wirtschaft, der Bundeswehr wäre:  Nur 1,7 Prozent Ostdeutsche wären unter den Führungskräften. Das spricht doch für eine Quotenregelung: Regional Identity Mainstreaming. Eine Aufgabe für die ostdeutsche Frauenministerin Schwesig und den westdeutschen Justizminister Maas!

Prof. Richard Schröder, SPD-Mitglied der Nachwende-Volkskammer  spricht und schreibt über ostdeutsche Befindlichkeiten immer erfrischend nüchtern. Jetzt auch hier: Die Ostdeutschen sollten nicht so wehleidig sein. so kommentiert er die Studie des mdr über das Fehlen einer ostdeutschen Elite. Wie das bei Revolutionen so sei, wäre die alte Elite verschwunden. Da Ostdeutschland aber keine Nation und kein Staat sei, könne man jetzt nicht eine ostdeutsche Elite fordern.

Bemerkenswert: Dass die beiden höchsten Staatsämter von zwei Ostdeutschen eingenommen werden, beeindruckt in den neuen Bundesländern wenig. Angela Merkel und Joachim Gauck gelten im Osten als Wessis!

Siehe auch hier!

 

 

 

 

 

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