Uni Potsdam: Gedächtnisverlust der Altkader

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Zum 25jährigen Jubiläum der Universität Potsdam erschien ein Buch, das deren Erfolgsgeschichte nachzeichnet.

Der Historiker Manfred Görtemaker berichtet darin von den schwierigen Anfangsjahren. Die Uni entstand durch die Fusion der Deutschen Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft „Walter Ulbricht“, der Pädagogischen Hochschule „Karl Liebknecht“ (PH) und der Übernahme von vor allem Verwaltungsmitarbeitern der Juristischen Hochschule der Stasi.

Alle drei waren „Ideologie-Hochschulen“ (Ilko-Sascha Kowalczuk). In der ersteren wurden die Kader für Staat und Partei ausgebildet, in der mittleren die Lehrkräfte, in letzterer konnten Stasi-Offiziere ihre Tätigkeit dokumentieren und dafür einen juristischen Doktortitel erhalten.

Görtemaker beschreibt, dass in den Anfangsjahren zwar nicht alle Wissenschaftler übernommen wurden, insgesamt jedoch die ideologische Gefolgschaft und die wissenschaftliche Qualifikation nicht allzu streng untersucht wurden. Nicht zuletzt waren in einigen Fachbereichen – wie überall in der untergehenden DDR – die Kaderakten rechtzeitig bereinigt worden. Die Regierung Modrow hatte zudem im Frühjahr 1990 SED-Personal  – Kampfgruppenleiter, Parteisekretäre, MfS-Offiziere – in Schulen und Hochschulen untergebracht.

Dadurch seien für junge Wissenschaftler auf Jahrzehnte Planstellen vor allem im weitgehend übernommenen Mittelbau durch Personen blockiert gewesen, die vorwiegend lehrten, aber nicht forschten. Das wäre für eine Pädagogische Hochschule in Ordnung gewesen, nicht aber für eine Universität.

Es dauerte nicht lange, da meldete sich der eine oder andere Altkader protestierend zu Wort. Tenor: Sie wären Wissenschaftler gewesen, wie überall auf der Welt, und geforscht hätten sie an der PH auch.

Der Historiker und Mathematiker Prof. em. Helmut Assing wird heute in den PNN interviewt. Er sieht sich damals als kritisches SED-Mitglied. Er wurde von seinen Kolleg/-innen laut Stasiakten denunziert (u. a. als „faschistoid“) und stand mehrfach vor dem Rauswurf.

Er bestätigt die Untersuchungen Görtemakers. Seinen ehemaligen Kollegen wirft er nicht die Anpassung an die ideologischen Zwänge in der Diktaturzeit vor, aber die heutige Überhöhung ihrer damaligen Tätigkeit. „Gedächtnisverlust“ sagt er.

Immerhin, nach 25 Jahren hat die Universitätsleitung am Eingangstor zur Stasi-Hochschule, dort, wo heute die UB steht, an der Karl-Liebknecht-Str., eine Plakette anbringen lassen. Gestiftet von Hasso Plattner, Günther Jauch und Friede Springer.

 

Der Spiegel zur Stasi-Hochschule (2009), die PNN (2012)

PNN zu Akademie für Staats- und Rechtswissenschaften „Walter Ulbricht“ (2011)

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