Warum hängen manche Potsdamer so sehr am Hotelhochhaus im Lustgarten?

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Eine von Mitgliedern der Linksaußen-Partei Die Andere gegründete Bürgerinitiative fordert einen frischen Blick auf die Stadtplanung: „Die Mitte neu denken“. Damit soll, was seit 1988 zum Erhalt bzw. zur Wiederherstellung des historischen Stadtbildes diskutiert und schließlich parlamentarisch festgelegt wurde, zur Disposition gestellt werden. Für das entsprechende Bürgerbegehren werden Unterschriften gesammelt. Ob die Bürger wirklich entscheiden, dass alle parlamentarischen Beschlüsse der letzten Jahre im Papierkorb landen, ist offen. Unterstützt wird die Linksaußen-Initiative von der Linkspartei.

Zu den von den Linken bekämpften stadtgestalterischen Maßnahmen gehört die Absicht, den hässlichen Hochhausplattenbau des heutigen Hotels Mercure abzureißen. In Dialektik lassen sich Linke nicht übertreffen: Während sonst die DDR im milden Licht gesehen wird, wird jetzt die Abrisswut der SED mahnend angeführt: Man solle doch bitte die damaligen Fehler nicht wiederholen.

Auch der Abriss des hässlichen Baus der Fachhochschule und die Wiederherstellung der kleinteiligen Bebauung des Areals soll verhindert werden.

Ich hatte mich in einem früheren Beitrag gewundert, warum ausgerechnet an einem für Ausländer gebauten Devisenhotel, in dem diese von der Stasi überwacht wurden, das Herz ostalgischer Potsdamer und junger Linkspopulisten hängt. Die Stasi-Mitgarbeiter*innen überwachten nicht nur die Gäste, sondern auch das Personal. Deswegen unterhielten sich die Angestellten vorzugsweise an der frischen Luft.

Ich muss mich korrigieren: Das Potsdamer Interhotel wurde zwei Jahre nach Eröffnung auch für Bewohner der DDR freigegeben (mit Ausnahme der Etage für Devisengäste). Die Preise waren moderat. Man konnte sogar Reit- und Tennisstunden buchen und sich mit einem hoteleigenen kleinen Schiff auf der Havel herumfahren lassen.

(Im Restaurant im Interhotel in Leipzig war Mitte der 80er nach meiner Erinnerung der Zutritt für Ostdeutsche nur in Begleitung von Devisengästen erlaubt. Und die Bardamen hatten, wie in Potsdam, Kontakte zur Stasi.)

Heute erscheint ein köstlicher Leserbrief in den PNN. Der Autor fragt: Wozu brauchen Potsdamer das Hotel? Übernachten sie dort? Essen sie dort? Sollte man nicht eher auswärtige Hotelgäste zum Abriss befragen? Er fand heraus, dass das Hotel auf booking.com die schlechteste Bewertung aller Potsdamer Hotels bekommt. Dann gibt er den Erfahrungsbericht eines Hotelgastes zum besten: Das veraltete Heizungssystem zwinge dazu, die Klimaanlage auch dann einzuschalten, wenn man es warm haben wolle. Sie mache einen Lärm wie eine landende Boeing, also entweder laut und warm oder kalt und leise. Gut sei, dass man im Hotel den Bau nicht von außen sähe.

Noch geht die Strategie der Linkspopulisten nicht auf. Sie versuchen beharrlich, alle stadtplanerischen Beschlüsse in Frage zu stellen und zwar unablässig und immer wieder aufs Neue. Dazu erfinden sie süffige simple Slogans: „Neu denken!“, „Noch einmal nachdenken!“, „Architektonische Vielfalt statt barocker Einfalt!“, „Kitas/Schulen statt Schlösser!“ Nachtrag: Dem Wortführer und Gründer der Initiative wäre am liebsten, wenn Grundstücke und Gebäude in öffentlicher Hand wären, wie er am 11.2.17 in einer rbb-Sendung sagte.

Wenn der eine Vorstoß keinen Erfolg hat, dann kommt eben der nächste. Es lässt sich immer ein Grund finden: angeblich zu wenig Transparenz in den Gremien, zu wenig direkte Demokratie, noch ein Workshop, noch eine Befragung. Eine wohlwollende Begleitung durch die Medien in Wort und Bild ist gewährleistet. Erstaunlich: zuletzt kommentierten die PNN die Aktivist/-innen kritisch.

Nachtrag Juni 2016: Jetzt wurde herausgefunden, dass Bürgerbegehren und Bürgerentscheide mit ihren niedrigen Quoten nicht die ordentlich beschlossene Bauleitplanung der Stadt kippen dürfen. Sogleich beginnt die Diskussion darüber, ob die Bauleitplanung schon in Kraft war, ob eine Änderung der Bauleitplanung ihre In-Kraftsetzung auf einen Termin 14 Tage nach dem Beginn der neuen Unterschriftensammlung der Linkspopulisten verschoben hätte und somit das Begehren der Bürger zulässig wäre…

Durchgängig in der linken Argumentation ist die Missachtung parlamentarischer Beschlüsse. Da ist man sich (nicht nur) linksaußen mit Dr. Rosa Luxemburg einig: Parlamentarismus ist eine Art Geisteskrankheit.

Nachtrag Nov. 2016: Die permanente Infragestellung der städtebaulichen Beschlüsse und der Kampf um den Erhalt des Hochhausturms als Erinnerung an die DDR-Baukultur durch  Kundgebungen, Unterschriftensammlungen, Anträge, Aktionsgruppen und das entsprechende Presseecho waren erfolgreich: Die Stadt verzichtet auf Ankauf und Abriss.

Vielleicht ist das eine Win-Win-Situation: Wer argumentiert, dass eine Stadt auch hässlich sein darf, dass innerstädtische Brachen reizvoller wären als hübsch restaurierte Adelspaläste und die Errungenschaften der DDR-Baukultur mindestens so viel Wert wären wie das feudalistische Sanssouci, behält mit dem „Hochhaus am falschen Ort“ (So ein Potsdamer Architekt) eine Erinnerung an den gescheiterten Sozialismusversuch.

Wer einen Blick für Proportionen hat, wird jedenfalls noch eine Weile erkennen, auf welche Weise die Kommunisten Parks, Schlösser und Marktplätze aus vergangenen Epochen zerstören wollten, wenn sie sie nicht gleich in die Luft jagten.

Jetzt bleibt es sen kapialistischen Investmentgesellschaften überlassen, was sie mit ihrem bald 50 Jahre alten Hotelbau machen werden. Wenn sie dereinst die Lust verloren und alles abgeschrieben haben, schenken sie es vielleicht der Stadt. Der Vorschlag, daraus ein Künstlerhaus oder ein Kulturzentrum zu machen, wird nicht lange auf sich warten lassen…

(Einge Details zum Hotel nach: Jörg Fröhlich, Ein Hotel im Lustgarten von Potsdam: Das Interhotel Potsdam in historischer Umgebung von 1967 bis heute, books on demand, 2012)

 
 
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Ein Kommentar zu „Warum hängen manche Potsdamer so sehr am Hotelhochhaus im Lustgarten?

    […] aber entschied sich gleichzeitig für einen Kompromiss: Das nicht ins Stadtbild passende Hotelhochhaus, an dem das Herz der Ostalgiker hängt, soll stehen bleiben, dafür aber das Gebäude der […]

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