Die DDR als suboptimal kundenorientierter Dienstleistungsbetrieb

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Es ist nicht lange her, da hieß es, die DDR wäre ausgeforscht, gar überforscht. Einige Wissenschaftler waren der „Aufarbeitungsindustrie“, wie es Prof. Thomas Großbölting nannte, überdrüssig. Sie wollten wieder mehr Nationalsozialismus erforschen.

Jetzt sehen Wissenschaftler einen „Bedarf an neuen Fragestellungen“:

Stefanie Eisenhuth, Hanno Hochmuth und Konrad H. Jarausch, Alles andere als ausgeforscht. Aktuelle Erweiterungen der DDR-Forschung, in: Deutschland Archiv, 11.1.2016 (angeschaut am 4.3.16)

Es ist der Bericht von der 39. Konferenz der amerikanischen German Studies Association.  Dort stellten Wissenschaftler aus Deutschland und den USA neue Forschungsprojekte vor und diskutierten verschiedene Ansätze und Perspektiven auf dem Gebiet der DDR-Forschung.

Sie wollen „die DDR als Forschungsgegenstand aus den polemischen Verkürzungen der tagespolitischen Auseinandersetzungen herauslösen“. Der „gebetsmühlenartig wiederholte“ Diktaturcharakter der DDR wäre mittlerweile allgemein anerkannt. Sie sind der „geschichtspolitisch motivierten Erzählung vom ´Unrechtsstaat`“überdrüssig.

Eisenhuth/Hochmuth/Jarausch wollen nun besagten „frische(n), von moralischen Urteilen befreite(n) und kulturgeschichtlich inspirierte(n) Blick“ werfen.

Diese Zitate machen stutzig. Müssen Historiker die Arbeit anderer Historiker derartig abqualifizieren?

Wenn die Kulturgeschichte wirklich neue Erkenntnisse bringen soll, muss es allerdings mehr bzw. anderes geben als die im Bericht genannten Studien zur Kaffeekrise oder zur Beziehung zwischen Deutscher Bücherei (Ost) und Deutscher Nationalbibliothek (West). Vielleicht sind diese Dissertationsthemen schon in Arbeit: Modejournale, Jugendweihe, Haushunde, Simson-Mopeds, Urlaub an der Ostsee (Letzteres lieber doch nicht, da politisch: Fluchtgefahr! Das wäre ja überforscht).

Ist mit kulturgeschichtlichem Ansatz mehr gemeint als die vor zehn Jahren schon von Prof. Sabrow geforderte Hinwendung zur Alltagsgeschichte statt zur Repressionsgeschichte?

Ob die Biographieforschung, die ebenfalls begrüßt wird, erfrischend Neues bringt?  „Die Gewalthaftigkeit der politischen Auseinandersetzung in der Weimarer Republik, die Selbstbehauptung gegenüber politischem Verrat und eigener Schwäche in der NS-Zeit und schließlich die Kraft der Erlösungshoffnung einer sozialistischen Zukunft prägten diese Generation und erklären den Willen zur radikalen und notfalls auch rücksichtslosen Umgestaltung der Verhältnisse.“Dass Honecker, Mielke und ihre Alterskohorte von der kommunistischen Arbeiterbewegung und der Zeit des Nationalsozialismus geprägt sind, ist so neu nicht.

Das Erkenntnisinteresse wird aber bald deutlicher: Die DDR soll historisch kontextualisiert werden.

(Überhaupt werden sprach-, kulturwissenschaftliche und philosophische Vokabeln gern verwendet. Um den Sprachnebel zu lichten, muss ich mehrfach googeln.)  Kontextualisierung ist die interaktive Konstitution des relevanten Kontextes innerhalb eines Kommunikations– und Interpretationsprozesses. Der Begriff wird insbesondere in der Sprachwissenschaft, der Kommunikationstheorie, der Philosophie und der Pädagogik angewendet. Der Kontextualismus erhebt die Kontextualisierung in den Geistes- und Sozialwissenschaften zum Denkprinzip.
Hinter dem Konzept der Kontextualisierung steht die Überzeugung, dass komplexe und vielschichtige Wörter oder Sätze nur aus ihrem geeigneten sprachlichen Kontext heraus zu sehen und verstehen sind, ebenso wie kulturelle Objekte nur aus ihren kultur- und alltagsgeschichtlichen Zusammenhängen heraus. Es geht immer darum, die richtigen Bezüge herzustellen. Die Kontextualisierung gilt auch als Methode des vernetzten Denkens und Lernens sowie der systemischen Familientherapie.[1] (Quelle: Wikipedia)

Da hätte sich angeblich noch kein Forscher herangewagt. Die DDR wäre bisher nicht kontextualisiert worden. Was ist damit gemeint: die Verflechtung mit der BRD, ihre Rolle im Ostblock, DDR und Prag 1968, DDR und Solidarnosz? DDR und Stalinismus? Sind das die gemeinten Forschungsdesiderata? Es fällt auf, dass Kontextualisierung und transnationale Betrachtungsweisen alles aussparen, was den Diktaturcharakter und das Unterdrückungssystem der DDR zum Thema hätte.

Großes Erkenntnispotenzial verspräche „der Versuch, den ´Sozialismus in den Farben der DDR` als eine ´alternative Moderne`[12] zu verstehen, deren politische Leitbilder auf die deutsche Arbeiterbewegung zurückgingen und der Versuch, eigene Antworten auf die drängenden Fragen des 20. Jahrhunderts zu finden. Eigentlich kennen wir die Antwort schon.

Die Unterdrückung als Teil der sozialistischen Antwort auf diese Fragen wird zwar nicht verschwiegen, aber die Moderne selbst sei ja auch ambivalent.

Manchmal hinkt die Bevölkerung einstellungsmäßig hinter der progressiven Führung her: Während die SED die  antiimperialistische(n) Befreiungsbewegungen unterstützte, interessierten sich, so die Verfasser/-innen, die Bewohner für „das westliche Verständnis von „human rights“ …, indem sie zunehmend traditionelle Werte wie Rede-, Versammlungs- und Reisefreiheit verlangten.“

Die DDR wäre ein moderner Industriestaat gewesen, in „einigen Bereichen sogar führend“ („Ausweitung der höheren Bildung“(!), „berufliche Gleichstellung der Frauen“). Die hohen Ölpreise der OPEC und das ehrgeizige Wohnungsbauprogramm brachten sie aber in Schwierigkeiten. Ist sie deswegen untergegangen? Dieser Untergang wird in keinen Kontext gestellt. Das ist Absicht: Die gesamte DDR-Geschichte soll nicht aus ihrem Scheitern heraus zu beschrieben werden. Solche Fragen erlaubt der frische Blick nicht: Was haben Planwirtschaft, 40 Jahre gefälschte Wahlen, unterdrückte Meinungsfreiheit und die Selbstmorde in Hoheneck mit dem Untergang zu tun?

In den USA nennt man die Geisteshaltung dieser Wissenschaftler/-innen „Kulturmarxismus“. Kulturmarxisten wissen, dass sie mit sozialistischen Politik-, gar Wirtschaftstheorien keinen Blumentopf mehr gewinnen können. Aber in den Theatern, den Feuilletons, den Kulturwissenschaften, nicht zuletzt in der Sprache üben sie Einfluss aus.

Die „Kleinigkeiten“, die den Wissenschaftler*innen unbekannt zu sein scheinen, seien nur am Rande erwähnt: Die halbe DDR-Zeit erhielt der Staat vom Bruderland verbilligt Öl, weit unter dem Weltmarkpreis, den die etwa Bundesrepublik zu zahlen hatte. Die Bundesrepublik ermöglichte der DDR zollfreien Zutritt zum europäischen Binnenmarkt. Durch das Swing-Abkommen erhielt die SED zinslose Kredite in Westdeutschland.

Und wieso Ausweitung der höheren Bildung? Die Abiturientenquote lag unter der des westlichen Feindstaates.

Der größere Kontext, in den die DDR gestellt wird, ist „der marxistisch-leninistische Versuch der Sowjetunion, eine Alternative zu dem liberal-kapitalistischen Weg zur Modernisierung bieten, da die Demokratie westlichen Stils im Ersten Weltkrieg und in der Weltwirtschaftskrise versagt zu haben schien.“

Das ist jetzt wirklich erfrischend: War Stalins Zwangskollektivierung der Landwirtschaft mit vier Millionen Toten die Antwort auf die kapitalistische Weltwirtschaftskrise? Das ist so ähnlich wie die Behauptung der Publizistin Barbara Sichtermann, an der Oktoberrevolution wäre der kapitalistische Westen schuld. Seriöse Historiker/-innen sollten mehr Komplexität zulassen. Man muss das durchbuchstabieren: Der Erste Weltkrieg als Versagen der westlichen Demokratie? Drei der fünf Hauptakteure waren keine westlichen Demokratien! Nach Frau Sichtermanns Logik wäre das wohl die Schuld der westlichen Demokratien.

Die Parteilichkeit der Verfasser ist subtil bis polemisch: In einer Fußnote wird ein ungeliebter Kollege als Negativbeispiel angeführt (Klaus Schroeder). Bisherige DDR-Forschung wäre geschichtspolitisch begründet und diente als tagespolitische Waffe.

Der Versuch, als Teil der Moderne, was immer das auch heißen mag, die DDR aus sich selbst und dem Marxismus heraus zu verstehen, führt dazu, ständig eine Sowohl-als-auch-Argumentation zu führen. Die Ära Honecker wäre von „innerer Stabilisierung“ und „scheinbarer Normalisierung“[27], von Zustimmung, letztlich von „instabiler Stabilität“ geprägt. Da kommt dann der „Zerfall der SED-Herrschaft“ doch überraschend. In der Ära Honecker wurde das MfS enorm ausgebaut. Ist das Normalisierung oder Stabilität? Auf jeden Fall ist es kein Forschungsgegenstand unter der Perspektive des erfrischenden Blicks auf den „Sozialismus in den Farben der DDR“.

Die Argumentationsweise der Verfasser ist typisch für Linksintellektuelle. Es geht darum, die kommunistischen Erziehungsdiktaturen in ihrem Anspruch darzustellen, bessere Gesellschaftsmodelle als die „westlichen“ Demokratien mit ihren „traditionellen Werten“ Menschen- und Bürgerrechte sowie Reisefreiheit zu realisieren.

Jarausch et.al. betrachten die DDR wie vor ihnen Linksintellektuelle die Sowjetunion Stalins, das China Mao Tse Tungs oder das Kambodscha Pol Pots: Sozialingenieure realisieren ohne Rücksicht auf Verluste ihre Version einer gesellschaftlichen Modernisierung jenseits von Kapitalismus und „westlicher“ Demokratie. Ohne zu moralisieren, zu werten, den Terror und die Repression zwar nicht leugnend, aber auch nicht groß erwähnend. Der Kollateralschaden, Millionen Tote, fällt nicht ins Gewicht. Über die redet man nur beim nationalsozialistischen Modernisierungsversuch.

Der US-Historiker Andrew Port, von Eisenhuth et. al. als Beispiel für den neuen erfrischenden Blick auf die DDR angeführt, kommt zu einer besseren Einsicht: Die SED regierte mit Zuckerbrot und Peitsche. Eisenhuth/Hochmuth/Jarausch wollen nur noch über das „Zuckerbrot“ forschen.

Wenn ich Schülern im Unterricht die DDR erfahrbar machen wollte, würde ich nicht die DDR kontextualisieren, sondern mit ihnen den Film „Der rote Kakadu“ ansehen. (Siehe Medienkiste „Ampelmännchen und Todesschüsse“)

Anmerkung: Das Wort „Dienstleistungsbetrieb“ in der Überschrift geht meiner Erinnerung nach auf Andrew Port zurück: “Die rätselhafte Stabilität der DDR – Arbeit und Alltag im sozialistischen Deutschland“

 

 

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4 Kommentare zu „Die DDR als suboptimal kundenorientierter Dienstleistungsbetrieb

    […] gibt schon ausreichend DDR-Geschichtsschreibung, in der ein „frischer“ Blick auf die Wohlfühldiktatur geworfen […]

    […] einem halben Jahr schrieb ich etwas zu einem Tagungsbericht, in dem Historiker/-innen zum Ausdruck brachten, dass sie keine […]

    […] konkreter werden können. Allerdings spricht ihn der Interviewer auch nicht darauf an. (Siehe auch hier im […]

    […] Wie schön! Man darf die DDR-Forschung nicht den Narrateur*innen von der “guten” Diktatur überlassen. […]

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