Sollte die Treuhand ausländische Firmen fernhalten?

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Prof. Werner Sinn wiederholt in seiner Abschiedsvorlesung „Rückblick auf ein halbes Jahrhundert“ seine These von 1994 („Volkswirtschaftliche Probleme der Deutschen Vereinigung„), dass die Treuhand-Verkaufsaktion der ostdeutschen Wirtschaft gescheitert wäre. Seine Begründung geht so:

Aus seiner Sicht habe die Treuhand verhindern sollen, dass ausländische Firmen die DDR-Betriebe übernehmen und so Konkurrenten für westdeutsche Firmen im eigenen Land hätten werden können. Dabei wären die westdeutschen Käufer ostdeutscher Betriebe unterfinanziert gewesen. Kapitalkräftige Ausländer aber hätten die marode Ostwirtschaft schneller auf Vordermann gebracht. Andererseits beklagt er, dass zu wenig Betriebe an Ostdeutsche verkauft wurden.

Werner Sinn: „Der tiefere Grund für diese Fehlentwicklung liegt im deutschen Korporatismus, der schon 1967 in der Konzertierten Aktion von Strauß und Schiller seinen Anfang genommen hatte. Die Treuhand-Firmen wollte man gegen eine Übernahme durch ausländische Investoren verteidigen. Eine Niedriglohnkonkurrenz durch die Japaner und all die anderen, die schon mit den Hufen gescharrt hatten, um beim Wettbewerb um die Treuhand-Unternehmen vorne zu sein, galt es zu verhindern. Deswegen hat man den westdeutschen Gewerkschaften und den westdeutschen Arbeitgebern erlaubt, die Lohnsteigerungen der ostdeutschen Treuhand-Firmen, also ihrer eigenen Konkurrenten, noch vor deren Privatisierung zu diktieren und so deren zukünftige Eigentümer tarifrechtlich zu binden. Man wähle diesen Kurs, auch wenn damit ein Drittel bis 40 Prozent der Treuhand-Beschäftigten in die Arbeitslosigkeit getrieben würden, sagte IG-Chemie-Chef Hermann Rappe damals.“

Hans-Werner Sinn, ein Rückblick auf ein halbes Jahrhundert, FAZ v. 16. 12. 15, S. 17                                                                                

„… aber diese Riesenchance, diese gut ausgebildeten Menschen im Industriesektor in den neuen Bundesländern – häufig hatten sie ja mehr Ausbildung als im Westen – zu verbinden mit wirklich potenten Investoren, diese Abblockstrategie, die man damals hatte, dass man keine ausländischen Firmen rein lassen wollte, um sich der Treuhand-Firmen zu bemächtigen, das erweist sich im Nachhinein als Riesenfehler dieser Politik.“

 Sinn-Interview deutschlandfunk 28.2.15  (Angehört am 15.1.15)

Wenn man die angelsächsische Presse liest, zeigt sich ein etwas anderes Bild als das, was  Prof. Dr. Sinn verbreitet.

Treuhand-Chefin Birgit Beuel reiste selbst ins Ausland und öffnete Verkaufsbüros in new York und Tokio. Aber ausländische Firmen blieben zurückhaltend.

Nachdem es zienmlich schnell nach der Vereinigung auf Gewerkschaftsdruck zu Lohnerhöhungen im Beitrittsgebiet gekommen war, erschien manchen Inverstoren andere ehemalige Ostblockländer attraktiver. Die marode Verkehrs- und Kommunikationsinfrastruktur schreckte zusätzlich ab. Die ab 1991 einsetzenden ausländerfeindlichen Aktivitäten ließen das Beitrittgebiet dann als No-Go-Area für Ausländer erscheinen. Auch schreckte der bürokratische Apparat der Treuhand manchen Inverstor ab.

In der Reportage eines Treuhand-Insiders las ich allerdings, dass er und seine Kollegen weltweit – meist – vergeblich nach Käufern gesucht hatten.
Auch die Interhotels waren international ausgeschrieben worden. Zuvor hatten die SED-Hoteliers mit Unterstützung der Modrow-Regierung die Interhotel-AG gegründet und die Hotels auf eigene Rechnung an Steigenberger verpachtet. In der Interhotel-AG tummelte sich, was in der DDR in Amt und Würden gewesen war, SED-Granden, Kader aus den SED-Ministerien, MfS-Kader und deren Söhne und Töchter.
Die Treuhand konnte den Verkauf an Steigenberger rückgängig machen.
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Ein Kommentar zu „Sollte die Treuhand ausländische Firmen fernhalten?

    […] Nachtrag Januar 2016 […]

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