Der Westen ist an der Oktoberrevolution schuld!

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Etwa ein Dutzend verstaubte Bändchen, die vor 20 bis 40 Jahren bei Rowohlt aktuell, Wagenbach usw. heraus gekommen sind, sortiere ich gerade aus. Dabei kann ich es nicht lassen, in eines noch einen letzten Blick hineinzuwerfen und finde Barbara Sichtermanns Aufsatz „Gebückter Gang? Die Intellektuellen und das Ende des realen Sozialismus, in: Kopfnuss. Essays über Kultur und Politik, Berlin: Wagenbach 1993, pp 9-15.

Frau Sichtermann, Alt-68erin und Publizistin feministischer Texte, beruhigt darin linke Intellektuelle, die vermeintlich heimatlos geworden wären nach dem Untergang des Sowjetimperiums. Marxismus als Gedankengebäude habe wenig mit realpolitischem Geschehen zu tun. (Das sah Marx immerhin genauso. Er machte sich lustig über die, die seine Theorien in die Praxis umsetzen wollten.) Der Sozialismus in Kuba, der UdSSR oder DDR wäre eine im Vordergrund rasselnde Rhetorik. In Wirklichkeit hätten sich hinter dieser Lärmkulisse ganz andere politische, soziale und militärische Entwicklungen abgespielt.

Weltmarktimperative, Abhängigkeit von den dominanten Mächten der Ersten Welt (damals der Begriff für kapitalistische Staaten, erzwängen Monokultur und wachsende Verschuldung. Die vermeintlich sozialistischen Eliten verordneten Zwangsindustrialisierung, Schließung der Grenzen und Kontrolle des Außenhandels. Völlig klar, dass dies im Innern zu Unfreiheit führt und bisweilen auch schon einmal zu Terror. Alles aber völlig losgelöst vom Marxismus, vielmehr wäre es defensives Notprogramm.

Dass der Westen, der sich auf seine Menschenrechte so viel zugute halte, mit dem Finger auf die sozialistischen Staaten zeige, wäre unzulässig. Das muss Frau Sichtermann zurechtrücken. Er trüge nämlich Mitverantwortung für die Greuel, die im Namen des Sozialismus verübt worden seien. Unfreiheit, Zwang, Terror und Greuel wären nichts anderes als Reaktion auf die Überlegenheit des kapitalistischen Westens.

Sogar mehr Verantwortung trüge der Westen dafür als die sozialistischen Parteiideologen, die ihrem eigenen Phrasensalat geglaubt hätten.

Nun könnte man Frau Sichtermann zugute halten, dass sie Anhängerin der Theoretiker/-innen wäre, die davon träumten, den revolutionären Kampf aus dem Dschungel und der Savanne in die Metropolen zu tragen, also von Regis Debray und Che Guevara bis zur RAF. Aber so ist es  nicht, ausdrücklich meint sie auch den Putsch der Bolschewisten im Oktober 1917. Russland wäre vor dem Ersten Weltkrieg im Griff der kapitalistischen Weltmächte gewesen, quasi vergleichbar mit den unterdrückten Kolonialvölkern.

Also Lenin, Stalin, Mao, Pol Pot, Ho Chi Minh mit ihren Massenmorden, KZs und Umerziehungslagern, alles Schuld des Kapitalismus? Die Vorgeschichte der Oktoberrevolution, das autokratische Zarenregime, die Gutsuntertänigkeit der Bauern, Abdankung des Zaren, Parlamentarisierung des Staates, alles Peanuts?

War Lenin alternativlos? Da war doch noch der revisionistische Weg der Sozialdemokratie? Den vergisst Frau Sichtermann keineswegs. Aber er ist nicht die Alternative zum Bolschewismus, obwohl es auch in Russland beide Pfade gab. Die Gewaltanwendung versteht sie, auch wenn sie sie nicht billigt. Es waren halt die zukurzgekommenen Länder, in denen das passierte.

Auch Rosa Luxemburg, die zum Kampf gegen die entstehende Weimarer Republik und zum Umsturz aufrief, wird von ihr freigesprochen. Ihr Aufruf zur Gewalt wäre in der damaligen Epoche der Gewalt und der schreienden Ungerechtigkeit berechtigt gewesen. Dass es zeitgleich Alternativen gab, interessiert sie nicht. Dass Deutschland 1919 ein Land der Dritten Welt war, unterdrückt von den kapitalistischen Großmächten, solche Sprüche erwartet man von rechts, im Eifer des Gefechts entgeht das Frau Sichtermann.

Wäre es nicht konsequent, wenn die sozialistischen Machthaber vor allem die revisionistischen Abweichler ausmerzten? Wie gut, dass das keine Endlösung wurde. Denn die überlebenden Revisionisten zähmten den Kapitalismus (Lohnfortzahlung z. B.) und machten ihn sozial. Was Frau Sichtermann wiederum gut findet. Ob das aber den Linksintellektuellen reicht?

Barbara Sichtermann ist mehrfach mit Preisen ausgezeichnet worden, zuletzt 2015 mit dem Theodor-Wolff-Preis für ihr Lebenswerk.

Ihr Narrativ ist übrigens in der Linkspartei beliebt: Wenn man die Errungenschaften des Sozialismus nicht mehr loben kann, dann verfällt man in eine Art Gegenteil. Janine Wissler, sehr linke Fraktionsvorsitzende der Linken im Hessischen Landtag, gedenkt ohne Probleme der Opfer des Aufstandes vom 17. Juni 1953 und verdammt die Schuldigen. Mit dem wahren Sozialismus hätte die DDR nun wirklich nichts am Hut gehabt.

Nachtrag 1.8.17: Natürlich muss Frau Sichtermann auch ihren Senf zu den Hamburger Krawallen dazugeben. In einem Interview mit der taz zeigt sie Verständnis: „Aber wenn ich mich in einen jungen Autonomen hineinversetze, der sieht, wie die neoliberale Politik überall in der Welt die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher macht, und der dann aus Hilflosigkeit, Wut und Verzweiflung einen Stein oder einen Brandsatz wirft – dann bleibt da irgendwo ein kleines Restverständnis“.

Sie ist in ihrem Denken vor 50 Jahren stehen geblieben.

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Ein Kommentar zu „Der Westen ist an der Oktoberrevolution schuld!

    […] Wie sehr hebt sich Barberowskis kenntnisreicher Vortrag ab von dem Holzhammer-Narrativ der Publizistin Barbara Sichtermann, die behauptet, hier hätte ein von den kapitalistischen Großmächten kolonialisiertes Land den alternativlosen Pfad von Gewalt und Terror betreten, mit dem es sich von den Kolonialherren befreien wollte. […]

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