Abrissideologen

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Erinnerung an die gute, alte DDR?

Im erbitterten Streit um die Potsdamer Stadtentwicklung gibt es eine neue, alte Stimme. Der Ex-SPD-Ministerpräsident Stolpe, umstritten wegen seiner Stasi-Kontakte als Kirchenjurist in der DDR, hat so etwas wie einen Kultstatus in Brandenburg. Stolpe ist gegen den Abriss des Mercure-Hotels, das als Hochhausscheibe Ende der 60er Jahren an den Rand des ehemaligen Lustgartens des Stadtschlosses gebaut worden war und Potsdam weltstädtisches Flair als Devisenhotel verbreiten sollte. Der Lustgarten wurde Fußballstadion. Das im Krieg beschädigte Hohenzollernschloss ließ die SED abreißen.

Die Gremien der Stadt befürworten den Abriss des Hochhauses.

Der Oberbürgermeister hatte vor einiger Zeit den Potsdamer Software-Unternehmer Hasso Plattner dafür gewonnen, den Hotelabriss zu finanzieren und dort ein Museum für seine DDR-Gemäldesammlung zu bauen.

Eine Veranstaltung von Befürwortern der Idee wurde von Antifa-Aktivist/-innen derart lautstark gestört, dass Plattner erschrocken zurückzog. Auch der „Bürgerhaushalt“, eine basisdemokratische Spielwiese, auf der Bürger ergänzende Vorschläge zum parlamentarisch entstandenen Haushaltsplan der Stadt machen dürfen, wird inzwischen von den Linken genutzt, um den Hotelabriss zu verhindern. Für die Altgenossen und junge Linke ist der Bau ein Zeichen von DDR-Baukultur, für ältere Potsdamer eine Erinnerung an alte Zeiten, in denen sie auch schon einmal einen Tisch im Hotel reservieren und vielleicht eine dort abgestiegene westliche Berühmtheit bewundern konnten.

Das Hotelhochhaus mit seinem breit ausladenden Fuß fällt in der unmittelbaren Umgebung des neu gebauten Stadtschlosses nun noch stärker als Fremdkörper auf. Als „sozialistische Stadtkrone“ wie eine Journalistin einmal lästerte, taugt es nicht mehr.

Ein monatelang unter öffentlicher Beteiligung durchgeführter Planungsworkshop zur Neugestaltung bzw. Wiederherstellung des zum Schloss gehörenden Lustgartens bekräftigte nun die Entscheidung zum Abriss. Ein Termin steht in den Sternen, da auf die Stadt die hohe Abrisskosten zukommen würden.

Nun erhebt Ex-Ministerpräsident Stolpe seine Stimme: Wer den Abriss wolle, sei Ideologe, so befindet er. Bisher war ich der Ansicht, dass es vor allem ideologische Gründe seien, mit denen der Abriss verhindert werden soll.

Auch für Stolpe ist der Bau ein „Stück angenehme Erinnerung“ an die DDR. Dass man sich an ein Hotel, in dem Bardamen und Prostituierte, wie in allen Interhotels, für die Stasi arbeiteten, angenehm erinnert, ist schon merkwürdig. Liegt es daran, dass Stolpe selbst mit dem MfS zusammen gearbeitet und Geschenke dafür erhalten hat?

Er traut seiner eigenen Behauptung dann doch nicht über den Weg und spricht von Arbeitsplatzverlusten für die Arbeitnehmer/-innen des Hotels. Dieses Argument wurde schon vor Jahresfrist widerlegt: Die Potsdamer Gastronomie sucht Arbeitskräfte.

So inkonsistent geht es weiter: Für die Hotelbesitzer sei die Abrissdiskussion geschäftsschädigend. Die sollten von der Stadt Schadensersatz verlangen. Dann sorgt er sich um das Image der Landeshauptstadt im Lande. Man würde genau hinsehen. Der  PNN-Interviewer fragt, wie er das meine. Die Stadt würde Geld für den Abriss verschleudern. Bei so etwas verstehen die Bürger der Streusandbüchse des Reiches wohl keinen Spaß. Statt Geld zu verschleudern, solle man lieber eine weitere Havelbrücke bauen (Wenigstens einmal nicht: Mehr Geld für Bildung!)

Hier das PNN-Interview!

Nachtrag 5. Februar 2016: Die von der Linksaußenpartei „Die Andere“ initiierte Initiative „Die Mitte neu denken“ bemüht sich nach Kräften, alles in den vergangenen Jahren Diskutierte, Geplante und Begonnene zurückzudrehen mit dem verführerischen Slogan, noch einmal neu und unbefangen über den Erhalt von DDR-Baukunst, den Verzicht auf „Barockfaschismus“ und modernes Bauen zu reden. Über die Wiederherstellung des Lustgartens sagte jetzt ein Sprecher der Partei in der rbb-Abendschau: Da gingen „bedeutende wirtschaftliche Flächen“ verloren.

Nachbemerkung: Das Motto der linkspopulistischen Gegner der historischen Stadtrekonstruktion stammt aus dem Fußball: „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“.

Egal welche parlamentarischen Beschlüsse es geben mag. Nichts wird akzeptiert. Es wird dagegen vorgegangen. Die Aktivisten der Aktion „Direkte Demokratie“ verlangen niedrigere Quoten für Begehren und Entscheide, die Grünen wollen einfachere Unterschriftensammlungen. Die Medien freuen sich über nicht enden wollende Kontroversen.

Im brandenburgischen Bad Freienwalde wird das gerade durchexerziert: Ein Aktivist startet eine Abwahlkampagne gegen den Bürgermeister. (Im nächsten Jahr sind Neuwahlen.) Er bleibt erfolglos. Die Mehrheit der Bürger folgt ihm nicht. Macht nichts! Er kündigt die nächste Initiative an. Und nächstes Jahr will er Bürgermeister werden.

 

 

 

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Ein Kommentar zu „Abrissideologen

    […] hatte mich in einem früheren Beitrag gewundert, warum ausgerechnet an einem für Ausländer gebautes Devisenhotel das Herz älterer […]

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