„Meine Aufgabe war es zu täuschen“

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Der ehemalige KGB-Offizier und Presse-Attaché der sowjetischen Botschaft in Neu-Delhi, Yuri Bezmenov, setzte sich 1970 in die USA ab und arbeitete dort, nach einem politikwissenschaftlichen Studium, als Journalist und Vortragsreisender in Sachen KGB-Subversion.

1984 gab er dem Journalisten G. Edward Griffin ein 90-minütiges Interview. Seit einigen Jahren ist das auf Youtube zu sehen: Deception Was My Job“. Das Transkript ist hier zu finden.

Yuri Bezmenov berichtet darin von seiner Arbeit. Er hatte den Auftrag, geneigte Intellektuelle, Prominente oder Politiker, Politikwissenschaftler aus dem Westen und aus Asien in das Arbeiter-und-Bauern-Paradies UdSSR einzuladen, damit sie als „nützliche Idioten“ (ein Wort Lenins) in ihren Heimatländern davon künden sollten.

Man inszenierte Besuche und Besichtigungen im sowjetischen Alltag, ohne dass die Besucher/-innen mitbekamen, was alles gefakt war, etwa der musterhafte Kindergarten, den es nicht gab oder die gespielte Hochzeit, auf der Edward Kennedy spontan mit der Braut tanzte. Ein Foto von einem GULag-Kindergarten, in dem sich Kinder von Lagerinsassen befanden, erschien in einer kanadischen Illustrierten als Foto eines „sibirischen Kindergartens“.

Bezmenov zeigt während des Interviews Fotos von den Besuchergruppen, die er führte. Er weist auf sein kaum merkliches süffisantes Lächeln auf den Fotos hin. Das ist in der Tat erkennbar. 

Das Ergebnis solcher Reisen waren begeisterte Reportagen in westlichen Presseerzeugnissen. So erwähnt er eine Fotoreportage der Illustrierten Look, die mit einem großformatigen Foto des gigantischen Heldendenkmals in Stalingrad beginnt. Es wurde als Sinnbild für den Stolz der Sowjetmenschen auf ihre Heimat und den gewonnenen Krieg dargestellt. Bezmenov sieht es nüchterner: Die Mehrzahl der Russen habe solche gigantischen Denkmäler abgelehnt. Für sie war die Erinnerung an den Krieg mit großem Leid und dem Verlust geliebter Menschen verbunden, nicht mit Heldentum und Siegestaumel.

So wie er wurden in der russischen Journalistenschule, einer Einrichtung des KGB, alle ausgebildet: die öffentliche Meinung im Sinne der Partei zu beeinflussen. Auch Nowosti, die sowjetische Nachrichtenagentur, war ein KGB-Einrichtung.

Als KGB-Offizier und Presseattaché in der Sowjetbotschaft in Indien soll er sich die Ashrams von Gurus ansehen, zu denen Westler/-innen reisen und sich dort für Meditation, Trance und Drogen begeisterten. Inder lachten über die dummen Westler, aber der KGB wollte an diese Zielgruppe, leichtgläubige Intellektuelle, Schauspieler, Künstler herankommen und sie für die Errungenschaften des Sozialismus so begeistern, wie es den Gurus für Meditation und kosmische Vibrationen gelungen war.

Er und seine KGB-Vorgesetzten erarbeiteten ausführliche Dossiers über Personen, durch die man das Meinungsklima in deren Heimatländern zu beeinflussen hoffte. Aber man notierte auch die unbeeinflussbaren Personen, die neutralisiert oder ausgeschaltet, gegebenenfalls getötet werden sollten. Auch der Vietcong habe vergleichbar fleißig an ähnlichen Dossiers gearbeitet, nach Anleitung des in Hanoi residierenden KGB. Als sie die südvietnamesische Stadt Hué besetzen konnten, töteten sie in nur einer Nacht gezielt Tausende Einwohner, die sie auf Listen erfasst hatten. Es waren Menschen (z. B. Taxifahrer, Friseure, Ladenbesitzer), die zu den Amerikanern Kontakte unterhielten. Die CIA habe sich gewundert, dass man genau diese Personen herausfinden und hinrichten konnte. Die Listen beruhten auf Spitzelberichten.(Siehe zum Vietnamkrieg und dem Kampf um die Deutungshoheit darüber auch hier im Blog!)

Ein besonderes Augenmerk war auf idealistische Linke zu richten. Er wurde gewarnt, sich nicht allzusehr mit ihnen zu befreunden. Für an die Macht gekommene Kommunisten waren idealistische Linke eine Gefahr. Zu oft schon waren sie nach einer kommunistischen Machtergreifung enttäuscht und wurden erbitterte Gegner der neuen Machthaber. Er gibt Beispiele aus aller Welt dafür, u. a. Nicaragua, Grenada, Cuba, Bangladesh, Afghanistan.

Er entdeckt, dass auch in seiner Botschaft in Neu-Delhi Listen von nützlichen linken Idioten existierten, die im Falle  eines kommunistischen Umsturzes zu liquidieren wären. In ihm reifen Fluchtgedanken.

Später, im Westen, erregt er sich über US-Botschaftsangehörige in Indien, die fluchtwillige Sowjetdiplomaten verraten hätten. Er versteht nicht die einseitige Berichterstattung westlicher Medien, die z. B. Südafrika verurteilen, weil es für Schwarze eine Residenzpflicht eingeführt hatte. Er zeigt seinen sowjetischen Pass mit dem Stempel, der ihm einen Wohnort zuweist, den er nicht eigenmächtig ändern konnte. Aber das habe im Westen niemanden interessiert.

Am Rande sei erwähnt: Diese Art von Interview (hier aus den Achtzigern) kennt man heute gar nicht mehr: Der Interviewer hält sich zurück, lässt den Gesprächspartner reden, unterbricht ihn nicht nach 20 Sekunden, unterbricht dessen Gedankengang nicht durch einen Einspieler, hastet nicht zusammenhanglos von einer Frage zur nächsten.

Eine Hochform dieser Art von Interview waren die Gespräche, die Günter Gaus führte.

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