F.C. Delius, Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus

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Zufällig wieder gefunden: Die kleine Erzählung von 1995, die auf einer wahren Begebenheit aus dem Jahr 1988 beruht. Ein ostdeutscher Kellner, eigentlich ein „abgestürzter Intellektueller“ jobbt an der Ostseeküste und auf Ausflugdampfern als Kellner und Restaurantleiter. Damit gehört er zu den Besserverdienenden in der DDR. Seitdem er in der Schule Johann Gottfried Seumes Reisebericht von 1801, den „Spaziergang von Rostock nach Syrakus“ gelesen hat, träumt er von einer solchen Reise und arbeitet sieben Jahre an der Realisierung. Natürlich will er zurückkehren. Im geht es ja gut in der DDR. Mit einem abenteuerlichen Segelmanöver türmt er erst einmal nach Dänemark…

Die Erzählung ist leicht zu lesen. Wie der Kellner Paul Gompitz nachts um Hiddensee herum nach Dänemark segelt, ist spannend und zugleich fachmännisch erzählt. Man glaubt kaum, dass Delius sich die Segelkenntnisse eigens angelesen hat.

Die FAZ war vor zwanzig Jahren vom Buch enttäuscht. Es begänne wie ein klassischer Schelmenroman, werde aber zunehmend kitschig und lustlos zu Ende erzählt.

Ich bin hingegen angetan, auch wenn es nichts „hoch Literarisches“ ist. Es gelingt Delius auf lockere, unangestrengte Weise von der DDR zu erzählen, von der großen Reiselust der Menschen, der Drangsalierung durch die staatlichen Organe, von den präpotenten Westdeutschen. Gompitz erlebt auf der Suche nach Westdeutschen, die ihm bei seinen Reisevorbereitungen behilflich sein könnten, Unverständnis und Zurückweisung. Ein kleiner Höhepunkt sind die beiden linken westdeutschen Studenten, die ihn, den DDR-Bürger, über die Vorzüge der DDR aufklären.

F. C. Delius, Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus  (Ich habe die 18. Taschenbuchauflage von 1998. Bei Amazon gibt es zuletzt mit neuem Cover eine 2. Auflage 2007.

Erstaunlich, wie viel sich im Internet über die Erzählung finden lässt: Wikipedia ist sehr ausführlich, im Spiegel steht eine lange Inhaltsangabe, noch länger ist sie auf zum.de,  für den Unterricht gibt es einen Materialband und ein Arbeitsheft, nicht zuletzt findet sich auf zum.de ein Interview mit Delius.
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