Der Untergang der russischen Aristokratie

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Dass es im kommunistischen Russland keinen Adel mehr gibt, ist allgemein bekannt und verständlich. Was dem Historiker Douglas Smith aber auffiel, war, dass es über das Verschwinden der russischen Aristokratie keine Aufzeichnungen gab, dass es in sowjetischen und nach 1989 in russländischen Bibliotheken keine Bücher über den Adel und sein Verschwinden gab.

Erst seit dem Zusammenbruch der UdSSR gibt es jedoch Erinnerungen, Tagebücher, Dokumente und Monographien. Douglas Smith hat sie gelesen und entwirft am Beispiel des Schicksals zweier Adelsgeschlechter ein Panorama der Ausmerzung des Adels im kommunistischen Russland. Sie fand von 1917 bis zur Mitte des Zweiten Weltkrieges statt.

Wenn politische Theoretiker die Entmachtung, Abschaffung oder Ausmerzung des Adels, der Bourgeoisie (Womit in Russland in Ermangelung eines nennenswerten Bürgertums der Adel gemeint war) oder die Abschaffung der Unternehmer fordern, und dann in den Geschichtsbüchern lapidar steht, 1917 wurde der Adel abgeschafft, bleibt unsichtbar, was wirklich passiert ist. Man muss Abschaffung und Ausmerzung wörtlich verstehen. Hier wurde eine Klasse physisch ausgelöscht.

Das beschreibt Douglas Smith in: Der letzte Tanz. Der Untergang der russischen Aristokratie.

Der marxistische Begriff der Klasse, wie er auf den Adel angewandt wurde, hatte durchaus auch einen biologischen Aspekt: Von der Auslöschung des Adels waren auch Kinder und Kindeskinder betroffen, sogar, wenn diese bürgerliche Berufe ausübten oder Bettler geworden waren. Stalin sagte zwar 1935, dass Kinder nicht für ihre Eltern büßen müssten, aber die Praxis des NKWD sah anders aus.

Obwohl das Zarenreich sich ab Ende des 19. Jahrhunderts in beeindruckender Weise industrialisierte, blieb es ein rückständiges Staatswesen. Die Zaren waren Autokraten, Alleinherrscher, an keine Verfassung gebunden. Der letzte Zar, Nikolaus II., war ein nicht besonders intelligenter, aber bornierter Vertreter dieser Art. Die Mehrzahl der Bevölkerung waren Bauern und Landarbeiter. Die Leibeigenschaft war 50 Jahre später als in Mitteleuropa aufgehoben worden.

Es kam im 19. Jahrhundert und vermehrt nach der Jahrhundertwende zu Unruhen und Aufständen. Die Aristokratie war gespalten. In ihr gab es nicht nur Zarentreue, sondern auch Liberale, sogar Marxisten und Anarchisten.

Der Weltkrieg verlief nicht so, wie er in St. Petersburg geplant worden war. Das Jahr 1917 wurde zum Chaosjahr. Man erwartete den Einmarsch der Deutschen, es gab Streiks und Bauernaufstände, Der Zar ließ sich zur Abdankung überreden und eine schwache provisorische Regierung trat die Nachfolge an, wurde der Ereignisse aber nicht Herr. Als Ministerpräsident fungierte ein liberaler Adliger, Fürst Lwow.

Auch die Mehrheit der Adligen begrüßte die Abdankung des Zaren. Für Wladimir Iljitsch Lenin, auch er ein Adliger, war es ein leichtes in diesem Chaos mit einer Handvoll Bewaffneter die noch nicht geflohenen Minister der provisorischen Regierung im Petersburger Winterpalast zu verhaften. Das stürzte das Land in einen vierjährigen Bürgerkrieg, in dem die Bolschewisten um ihr Überleben kämpften, aber am Schluss siegreich blieben. Es war keineswegs so, dass die „Proletarier“, deren Wohlergehen den Bolschewisten angeblich am Herzen lag, die revolutionären Veränderungen begrüßten. Bauern waren nicht bereit, ihre neu gewonnene Selbstständigkeit aufzugeben und sich von der Partei alles vorschreiben zu lassen. Bei der erzwungenen Kollektivierung Anfang der 30er Jahre ließen die Kommunisten vier bis fünf Millionen Bauern verhungern. Lenin hatte sich im Bürgerkrieg 1920 veranlasst gesehen, Giftgas gegen aufständische Bauern einzusetzen.

Mit der Oktoberrevolution entstand die Geheimpolizei Tscheka und es begann der Rote Terror. Am Ende der 20er Jahre gab es 56 Konzentrationslager. Tausende Popen und die Zarenfamilie wurden erschossen. Die Adligen mussten ihre Güter verlassen. Die wurden in Brand gesteckt oder für  staatliche Einrichtungen genutzt. Die adligen Familien durften einige wenige Räume behalten, bis sie irgendwann auf die Straße gesetzt wurden. Sie flohen in die Großstädte, nach St. Petersburg und Moskau. Dort wurden sie in den nachfolgenden Jahren vertrieben. Die Männer, manchmal auch Frauen, wurden bis in die 40er Jahre verhaftet, in Gefängnisse, KZs, später auch in den GULag gebracht, nicht selten auch gleich totgeschlagen oder erschossen. Gemälde, Bibliotheken, Möbel wurden zerstört, gestohlen oder von den Bolschewisten selbst genutzt oder verkauft. Manchmal war schwer zu unterscheiden, ob es die bolschewistische Geheimpolizei war, die Schmuck und Geld konfiszierte, oder Gangsterbanden.

Es entstand eine rote Aristokratie: Bolschewisten zogen in die Schlösser des Adels. Lenin, der schon im Schweizer Exil auf großem Fuß gelebt hatte, übernahm die beiden Rolls-Royces des Zaren (Ein dritter Wagen, ein Bugatti, wurde ihm bei einem Überfall auf offener Straße gestohlen.) Molotow fuhr einen 16-Zylinder-Cadillac. Oft wurde die Dienerschaft mitsamt Chauffeur übernommen. Für die Kinder der neuen Aristokratie gab es Eliteschulen. Stalin bewohnte mehrere Villen und Datschen. Ausländische Diplomaten berichten aus den 30er Jahren, dass sich die Tische mit edelsten Speisen nur so bogen. Es gab für die Führungsschicht Spezialrestaurants.

Als in Folge der rigiden Kollektivierung der Landwirtschaft Bauern in die Städte abwanderten, wurde dort der Wohnraum knapp. Ein bewährtes Mittel der Wohnraumbeschaffung war es, dass die Behörden Menschen aus ihren Wohnungen vertrieben. So wurden gezielt Techniker und Ingenieure verhaftet, die man in die Lager schickte, wo sie bei Kanal- oder Eisenbahnbauprojekten gebraucht wurden. Gerne griff man auch auf die „ehemaligen Leute“, die alte Aristokratie, zurück und verjagte sie aus den Zimmern und Wohnungen, die sie noch bewohnten.

Fotos zeigen, wie eine Großfürstin in Moskau Straßen kehrt, andere Adlige lebten vom Verkauf ihrer restlichen Habe. Nur wenige brachten es übers Herz, Russland zu verlassen.

Die jungen, gut ausgebildeten Kinder des Adels wurden gebraucht. Sie beherrschten Fremdsprachen, hatten eine gute Allgemeinbildung, waren Ärzte, Wissenschaftler, Ingenieure, arbeiteten in den Ministerien. Das schützte sie aber nicht vor wieder kehrenden Verhaftungen, Lager- und Gefängnisaufenthalten.

Als 1920/21 ein amerikanisches Hilfsprogramm die Hungersnot der Bürgerkriegsjahre lindern half, waren es Adlige, die die Amerikaner dabei unterstützten. Nach Beendigung des Programms landeten sie als Spione und Auslandsagenten im Gefängnis, sofern sie nicht gleich erschossen wurden.

Der Einfluss der Amerikaner machte sich in der Freizeitgestaltung vor allem junger Adliger bemerkbar: Es fanden Bälle statt, auf denen Foxtrott getanzt wurde und Jazzmusik wurde gehört. Für die Tscheka war dies Anlass, selbst Foxtrott-Partys zu veranstalten und alle zu verhaften, die kamen. Maxim Gorki, der rote Dichterfürst, zürnte: „Wer Foxtrott tanzt, wird homosexuell.“

Noch im Großen Terror Stalins 1937/38 waren die „ehemaligen Leute“, wie der Adel genannt wurde, eine wichtige Feindgruppe.

Douglas Smith hat Mitleid mit den russischen Aristokraten. Aber auch wenn man das nicht hat, ist fraglich, ob man Siegern der Geschichte, wie es die Bolschewisten waren, diesen Vernichtungswahn nachsehen darf. Beim Vernichtungswahn der Nationalsozialisten, der keine soziale Klasse betraf, sondern eine Rasse, zeigt die Nachwelt kein Verständnis.

 

 

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