Die Gegenwart der Zeiten in Brandenburg

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Der Sonntagsausflug ging heute ins Schlaubetal, eine Stunde südöstlich von Berlin, nahe bei Frankfurt/Oder und Eisenhüttenstadt. Es ist eine hügelige, bewaldete Gegend, eine typische Endmoränenlandschaft. Zwischen den Wäldern liegen die riesigen Ackerflächen der ehemaligen LPGen und heutigen Agrar-GmbHs. Im Tal der Schlaube stehen, tief im Wald, historische Mühlen, bis zu 500 Jahre alt, heute Raststationen für Wanderer und Radfahrer.

Aber es geht mir hier nicht um die schöne Landschaft, die übrigens in jeder Himmelsrichtung von Berlin aus schön ist.

In dieser herrlichen Natur begegnet einem auch die Zeitgeschichte und weckt weniger schöne Gedanken:

Auf der Hinfahrt über die A 12 ostwärts geht es vorbei am verfallenden Flugplatz Rangsdorf, von dem aus Oberst Stauffenberg am 2. Juli 1944 zur Wolfsschanze und zurück flog.

Am Südende des Naturparks liegt Lieberose-Jamlitz. Dort entstand im Krieg ein Außenlager des KZ Sachsenhausen-Oranienburg. Hier sollten ein Truppenübungsplatz und Kasernen entstehen. Gegen Kriegsende wurden diejenigen, die die Menschen verachtenden Arbeits- und Lebensbedingungen im Lager überlebt hatten, auf einem Todesmarsch ins KZ Sachsenhausen gebracht. Der Weg führte u. a. über Potsdam. Die SS erschoss die hier eingesperrten Jüdinnen und warf sie in Massengräber. Eines wurde in der DDR-Zeit entdeckt. Die Überreste wurden eingeäschert. Vorher hatte das MfS das Zahngold in Sicherheit gebracht. Wo die Urnen verblieben sind, ist unbekannt. Jedenfalls stehen sie nicht im Rondell der Gedenkstätte.

Auf einer Gedenkplakette stand: „Hier ermordeten die Faschisten antifaschistische Widerstandskämpfer.“ Laut MfS wären es Sowjetmenschen gewesen. Ein Lehrer, der mit seiner Klasse die Geschichte des Lagers erforschte, wurde von der SED strafversetzt. Es soll in Lieberose ein weiteres Massengrab geben.

Nicht in der KZ-Gedenkstätte, sondern im benachbarten Ort Jamlitz hat mitten auf dem Friedhof ein Grab diese Inschrift: „Den Opfern von Terror und Gewalt 1945 – 47“. Die SED hat alle baulichen Reste des Lagers abreißen lassen. Sie befürchtete anscheinend, dass die Geschichte des Speziallagers ans Licht kommen könnte und das Verschweigen der jüdischen Opfer. Die Aufarbeitung der Doppelgeschichte des Lagers nach der Wende ist nicht weniger bemerkenswert.

Das Gelände bei Jamlitz war also drei Jahre KZ und anschließend drei Jahre sowjetisches Speziallager. Diese Lager dienten angeblich der Festsetzung von Nazis, waren aber vor allem dazu da, Gegner und potenzielle Gegner der Kommunisten wegzusperren. Ein Drittel der Insassen des Speziallagers starb an Hunger und davon verursachten Krankheiten.

Zurück ging es über die Südspitze des Scharmützelsees, unweit entfernt liegt der Springsee, an dem die NVA eine Organisation aufbaute, die in Westdeutschland Anschläge und Sabotageakte durchführen sollte.

Wenige Kilometer weiter kommen wir durch Bad Saarow: In der Weimarer Zeit ein Villenvorort für Berliner Prominente. Hitlers Lieblings-Bildhauer Josef Thorak wohnte hier neben Max Schmeling. Die russischen Freunde hatten halb Saarow als Erholungsgelände für Soldaten gesperrt. Die SED hatte hier ein Gästehaus, in dem u. a. Yassir Arafat nächtigte. Die NVA-Militärmediziner forschten hier zum Zwecke des Dopings von Sportlern. Eine ehemalige SED-Bürgermeisterin wurde nach der „Wende“ in der „kleinen DDR“ Brandenburg Landtagsvizepräsidentin. Heute ist Bad Saarow wieder das, was es in der Weimarer Zeit war.

Es ist nicht so, dass ich die Landschaft nicht genießen könnte. Im Gegenteil, das Wissen darum, was hier in den letzten 100 Jahren passierte, lässt einen die Schönheit des Landes noch intensiver genießen: Man ahnt, wie schnell es vorbei sein kann mit dem Genießen.

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