Randall Hansen, Disobeying Hitler: German Resistance in the Last Year of World War II

Gepostet am Aktualisiert am

Ein guter Freund und exzellenter Kenner angelsächsischer historischer und politischer Literatur macht mich darauf aufmerksam:

Randall Hansen, Disobeying Hitler: German Resistance in the Last Year of WWII.

Im Klappentext heißt es, es gehe um den wenig bekannten Widerstand Deutscher nach dem gescheiterten Stauffenberg-Attentat. War da was?

Hansen beginnt mit der nahezu gewaltlosen Übergabe von Paris an die Alliierten. Das ist noch allgemein bekannt. Er erzählt, akribisch recherchiert, was die handelnden Personen taten und was ihre Motive waren. Das Geschehen war, wie das meist ist, komplexer, als es dann im Geschichtslexikon steht. Der „Held“, Wehrmachtsgeneral Dietrich von Choltitz, war kein wirklicher Widerstandskämpfer, ihm war klar, dass er wegen mangelnder Ressourcen Paris nicht hätte halten können. Er meldet aber nach oben, was er alles unternähme, um, Hitlers Wunsch folgend, den Untergang von Paris vorzubereiten. Er wimmelt militärische Unterstützung ab, die ihm zugesagt wird, schickt allenfalls einen Panzer und eine Kompanie zum Rathaus, das die Kommunisten besetzt haben, die einzelne Soldaten in den Straßen massakrieren und den längst begonnenen Rückzug der Deutschen behindern.

So erfährt man eher nebenbei, dass der kommunistische Aufstand gegen die deutschen Besatzer höchst überflüssig war und unnötige Opfer forderte. Bisweilen retteten Pariser einen deutschen Soldaten vor der brutalen Ermordung durch Résistance-Leute. Der Mythos der Befreiung von Paris durch kommunistische Aufständische war ein Propagandacoup gegen de Gaulle und seine Leute, die ebenfalls als erste in Paris sein wollten und letzten Endes organisatorisch und politisch geschickter waren als die Kommunisten. (Aber auch de Gaulles Beharren darauf, dass er an der Spitze der alliierten Armeen in Paris einmarschiert, hielt den Vormarsch auf Deutschland unnötigerweise auf. Paris zu besetzen war symbolisch für de Gaulle wichtig, militärstrategisch war es überflüssig und verzögerte das Kriegsende.

Dann aber geht es um den Widerstand meist namenlos gebliebener Deutscher, die ihre Städte den Amerikanern übergaben und verhinderten, dass die sie vor dem Einmarsch in Schutt und Asche legten oder fanatische Nationalsozialisten dem „Nero-Befehl“ Hitlers folgten und die gesamte Infrastruktur in die Luft jagten, Bahnlinien, Brücken, Fabriken, Elektrizitäts- und Wasserwerke.

So las ich, dass es nahezu in allen Städten, die die US-Armee belagerte (ebenso gegenüber britischen und französischen Truppen), nachdem sie ab März 1944 Reichsgebiet betreten hatte, mutige Menschen gab: In Heidelberg paddelten drei 16jährige Mädchen über den Neckar zur US-Truppe, in Freiburg (französische Truppen) war es eine Frau, die den Stadtkommandanten dazu brachte, zu kapitulieren. U. a. auch in Köln, in Düsseldorf, in Augsburg, in Erfurt, Jena, Weimar, Leipzig gab es Widerstand gegen die sinnlose Zerstörung und den Kampf bis zum letzten Blutstropfen. Manche einfachen Bürger wuchsen dabei über sich hinaus. Oft aber ging es auch schief, mancher wurde von der SS liquidiert. Man darf nicht vegessen: die alte Ordnung löste sich auf, Soldaten verließen ihre Einheiten. Die SS erschoss sie oder hängte sie sichtbar auf. Etwa in der Hälfte der Städte gelang die kampflose Übergabe.

Hansen merkt an, dass das, was er beschreibt, nur gegenüber den West-Alliierten stattfand, aber nicht dort, wo die sowjetische Armee stand (Ausnahme: Greifswald). Dort flohen die Bürger. Es musste ihnen wohl klar sein, dass angesichts des brutalen Vernichtungskrieges der Deutschen in der UdSSR nicht mit Verhandlungsbereitschaft zu rechnen war, sondern mit Vergeltung.

Das Buch wurde bei angelsächsischen Kritikern ambivalent aufgenommen. Man staunt über die Zivilcourage Deutscher in den letzten Monaten des Krieges, von der bisher wenig bekannt war. Und dass es mehr gab als den Offizierswiderstand und die Weiße Rose. Anderen ist das schon ein wenig zu viel Gutes über die Deutschen.

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