Ukraine: Barberowski und Schlögel in Potsdam

Gepostet am Aktualisiert am

Die Tafelrunde Sanssouci lädt zu interessanten politischen Podien ein. Diesmal war es: „Entscheidung in Kiew. Die Ukraine zwischen Hoffnung und Zerfall“  mit den Historikern Jörg Baberowski und Karl Schlögel.

Ich gebe hier keinen Bericht der Veranstaltung, sondern nur Blitzlichter.

Meine Enttäuschung über Prof. Baberowski ist groß. Ich hatte nicht erwartet, dass die Unterschiede zwischen beiden so groß sind. Während Schlögel erzählt, wie beeindruckt er vom Maidan ist, konstatiert Barberowski kühl, dass der Maidan keineswegs alle politischen Einstellungen und Konzepte in der ukrainischen Bevölkerung wiedergäbe. Es gäbe viele Menschen, die geschwiegen oder andere Vorstellungen gehabt hätten.

Ich übertrage dieses Argument einmal auf die Friedliche Revolution in der DDR. Wie viele der 15 Millionen Ostdeutschen waren Bürgerrechtler? Die best besuchte Demo auf dem Berliner Alexanderplatz soll eine Million Menschen umfasst haben. Es gibt Statistiker, die anhand der Luftbilder sagen, dass der Platz und die Seitenstraßen so viel nicht aufnehmen könnten. Wobei diese Demo auch noch von mit der SED verbundenen Kunstschaffenden organisiert worden war. Abgesehen davon: die fünf Millionen SED-Mitglieder und ihre Angehörigen haben gewiss nicht gegen die SED demonstriert. Es waren bestenfalls wenige Hunderttausend, die die DDR zu Fall brachten.

Ähnlich argumentiert Barberowski, was das russländische Narrativ angeht: Russland werde gedemütigt. Russland werde nicht auf Augenhöhe begegnet. Russland trauere der imperialen UdSSR nach, die NATO hätte Russlands Interessen nicht respektiert. Mexico dagegen müsse machen, was die USA wollten. Polen aber dürfe in die NATO eintreten.

(Das wäre aber nicht seine Meinung, sondern die russländische Sicht. Er will bloß Verständnis für die russische Politik wecken. Er zieht sich regelmäßig darauf zurück, dass das nicht seine Meinung wäre, sondern dass er nur berichte, was er in Russland höre.) Wenn Russland kollektiv unter einem Minderwertigkeitskomplex leidet, ist das dann die Schuld von NATO, EU, USA, CIA oder nicht eher die Unfähigkeit der politischen Elite des Landes aus einem Rohstoffexporteur einen modernen Wirtschaftsstandort zu machen?

Darf ich Barberowskis Verständnisbemühungen auf Deutschland übertragen?

Deutschland war nach dem Ersten Weltkrieg durch den Versailler Vertrag gedemütigt. Es wurden Gebiete abgetrennt, teilweise durch gefälschte Abstimmungen. Es gab gigantische Reparationsforderungen. Es gab einen umstrittenen Kriegsschuldparagraphen. Die Rückkehr der unter fremder Herrschaft lebenden Volksdeutschen wurde abgelehnt. Die ehemaligen Alliierten lehnten alle Forderungen der gedemütigten Deutschen ab. Polen schikanierten deutsche Reisende auf dem Weg durch den Korridor und man verweigerte trotz vieler Konzessionen eine Transitregelung. Wird Prof. Barberowski sein Erkenntnisinteresse einmal darauf richten, dass man den Überfall Hitlers auf Polen verstehen kann?

Am Schluss kam Barberowski damit, dass die USA schließlich den Irak überfallen hätten. Meinte er damit, dass Putin jetzt auch einmal loslegen dürfe? Als Therapie des Minderwertigkeitskomplexes.

Das Potsdamer Publikum war geteilt, die Putinversteher, angeführt von einer Trollin, die wusste, dass der Maidan vom CIA finanziert worden war, und Herrn Alexander Gauland von der AfD erhielten kräftigen Beifall.

Wenn man liest, wie die Evangelische Akademie in Tutzing das Podium bei einer Ukraine-Tagung besetzt, konnten wir bei der Tafelrunde Sanssouci in Potsdam zufrieden sein.

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