Wer hat den größten Platz?

Gepostet am Aktualisiert am

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Bildmitte: Rekonstruiertes Potsdamer Stadtschloss, davor: ehemal. DDR-Interhotel, dahinter: Kuppel der Nikolaikirche

Städtebau- und Architekturkritik an Potsdam gehören zum guten Ton der bürgerlichen Zeitungen. So beklagte kürzlich die FAZ, dass am Alten Markt, zwischen Landtagsschloss und Havelufer, die friderizianischen Paläste wieder entstehen, als Museum oder mit Eigentumswohnungen für den gehobenen Bedarf. Lieber hätte die FAZ(!) dort Sozialwohnungen gesehen.

Jetzt beklagt Alexander Fröhlich im Berliner Tagesspiegel/PNN am 3.8., dass es am Landtagsschloss keinen großen Platz gäbe, auf dem das Volk gegen die Mächtigen demonstrieren könne. Herr Fröhlich sieht im fehlenden Platz das Hauptmanko der Potsdamer res publica. (Der Tagesspiegel, das Mutterblatt der PNN, ist nach eigener Aussage Berliner Hauptstadt-Leitmedium, da muss es schon Latein sein, auch wenn die römische res publica nicht viel mit der parlamentarischen Demokratie gemein hat.

Ob die im Landtagsschloss residierenden, vom Volk auf Zeit gewählten Volksvertreter wirklich die Mächtigen sind, gegen die das Wahlvolk auf dem kleinen Platz vor dem Schloss demonstrieren muss? Könnte man es nicht als Triumph der res publica über das Gottesgnadentum ansehen, wenn jetzt die „mächtigen“ Volksvertreter im Schloss tagen und nicht mehr der absolutissimus rex (der immer mehr zum ersten Diener seines Staates wurde).

Natürlich gefällt dem Tagesspiegel/PNN-Journalisten die ganze Barockarchitektur Potsdams nicht. Er nennt sie aber nicht, wie die Potsdamer linke Gemeinde, „Barockfaschismus“, sondern spricht, eine nach seinen Worten große Potsdamer Kabarettistin zitierend, vom „Kleinstadtmief“ der Stadt. Darauf muss man erst einmal kommen.

Man könnte jetzt weiter fabulieren: Was die Größe des Platzes angeht, liegen Moskau und Peking weit vor Potsdam. Die Vorliebe von Mächtigen für adliges Ambiente ist weltweit ungebrochen: Z. B. wenn uniformierte Adjutanten deckenhohe Flügeltüren aufreißen und Putin durch den Thronsaal zur Audienz schreitet. Oder wenn der kleine französische Präsident Hollande würdevoll hinter einem Lous-Quinze-Schreibtisch versinkt? Da ist die Vorliebe unserer „mächtigen“ Parlamentarier doch recht gemäßigt, zumal das Potsdamer Landtagsschloss ein Bürogebäude hinter einer Schlossfassade ist.

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