Ein ganz normales Brandenburger Dorf: Dolgenbrodt

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Dolgenbrodt ist ein idyllischer Ort im Südosten von Berlin. Immobilienhändler preisen mit Erfolg Wochenendgrundstücke an. Schon SED-Bonzen hatten hier ihre Wochenendhäuser. Vor Jahren brannte ein Flüchtlingswohnheim. Das Gericht konstatierte damals: Ein ganzes Dorf wartete auf den Brandanschlag.

Gut Dolgenbrodt umfasste mehrere hundert Hektar. Milch und andere Erzeugnisse gingen nach Berlin.

1943 entdeckte die Gestapo, dass Badana Specht, Ehefrau des Gutsbesitzers, Jüdin war. Man verweigerte der Familie die Ausreise nach Brasilien. Ihr Mann musste in ein Arbeitslager, der Sohn Eberhard durfte keine landwirtschaftliche Ausbildung machen. Drei Wochen vor Kriegsende, die Spechts hatten Flakhelfer versteckt, kam die Gestapo und erschoss den Gutsbesitzer.

Im Zuge der Bodenreform in der SBZ blieb es bei Enteignung. Zwar hatte ein sowjetischer Offizier, der 1945 aus einem Lager der Nazis geflohen war und Unterschlupf auf dem Gut gefunden hatte, dafür gesorgt, dass die Bodenreformmaßnahme aufgehoben wurde und das Land zurückgegeben werden sollte, aber die Bewohner von Dolgenbrodt hatten das Gutshaus inzwischen geplündert. Badana Specht hatte sich selbst getötet; sie war in Berlin von einer Brücke gesprungen. Vater und Sohn Specht waren auf dem Weg ins Exil nach Brasilien.

1997 wurde der 1990 gestellte Antrag auf Rückübereignung des Bodens vom Brandenburger Landesamt für Regelung offener Vermögensfragen abgewiesen. Die Enteignung hätte in der sowjetischen Bodenreform und nicht zur Nazizeit stattgefunden, mithin sei eine Rückübereignung aufgrund der Verträge zur Deutschen Einheit ausgeschlossen.

Daraufhin wird das Verwaltungsgericht Cottbus angerufen. Nicht zuletzt durch die neuen Akten, aus denen hervorging, dass die Bodenreformenteignung auf Veranlassung des sowjetischen Offiziers von der Besatzungsmacht missbilligt worden war, glaubten sich die Spechts am Ziel. Das Cottbuser Gericht, das akribisch geprüft haben will, sieht das anders. Es lehnt die Klage ab und lässt sogar keine Revision mehr zu.

Da bleibt nur noch der Petitionsausschuss des Bundestages. Der erreicht, dass das Bundesamt zur Regelung offener Vermögensfragen den Spechts Recht gibt. Dagegen klagt die Gemeinde Heidesee, zu der Dolgenbrodt inzwischen gehört. Sie will, dass es bei der Enteignung durch Nazis und Sozialisten bleibt. 1990, vor der staatlichen Einheit, hatte die Gemeinde Gutsland für 20 bis 80 Pfennig an 20 Dorfbewohner verkauft.

2005 belegt Spechts Rechtsanwalt vor dem Bundesverwaltungsgericht, dass das Cottbuser Urteil rechtsfehlerhaft war. Danach legen die Cottbuser 2015 ein revidiertes Urteil vor: Rückgabe! (d. h. Entschädigung und Rückgabe von vier noch vorhandenen Gebäuden, die sich die Gemeinde angeeignet hatte.9.

Eberhard Specht, der nach dem Tod seiner Frau mittellos aus Brasilien zurückgekehrt war, erfährt das Urteil, kurz bevor er mit 99 Jahren stirbt.

(Nach Tagesspiegel v. 4.8.15, Torsten Hampel, „Die Schande von Dolgenbrodt“)

Vom idyllischen Dolgenbrodt erzählt der Heimatsender rbb.

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