Ist der Sturm auf die Stasi-Zentrale ein Mythos?

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Die Friedliche Revolution war keine richtige Revolution. Man erkennt das schon daran, dass sich das von der SED geprägte, verharmlosende Wort von der „Wende“ durchgesetzt hat. Die SED hat ihr Vermögen beiseite geschafft und lebt nach mehrfachem Namenswechsel als Linkspartei nicht ohne Einfluss weiter. Ehemalige SED-Mitglieder wurden Minister in bundesdeutschen Landesregierungen, ein ehemaliger SED-Kader ist Stammgast in Tv-Talkshows und darf sich Oppositionsführer nennen. Gestritten wird darüber, ob die DDR nicht auch ein Rechtsstaat war und ob man in den Schulen nicht nur über die repressive, sondern auch über die fortschrittliche DDR reden müsse. Die Stasi wurde von den SED-Wendehälsen 1989/90 als allein schuldig ausgemacht. Auch dieses Narrativ hat sich durchgesetzt.

Nun kratzt der Historiker Klaus Bästlein in einem ganzseitigen Artikel in der FAZ v. 27.7.15 am revolutionären Mythos vom Sturm auf die Stasi-Zentrale am 15.1.1990.

In den Grundzügen ist nicht neu, was er schreibt. Das MfS begann Ende Oktober mit der Aktenvernichtung. Mielke war schneller und weitblickender als das Politbüro. Hinter dem Rücken der Bürgerrechtler und durch altbewährtes Tarnen und Täuschen, durch Unterstützung zwielichtiger, undurchsichtiger Akteure der Revolutionszeit gelang es der Stasi bis zur Vereinigung im Oktober 1990, ca. die Hälfte aller Akten, Dateien und Tonbänder zu vernichten.

SED und Stasi hatten angesichts der Erstürmung der Stasi-Zentralen in den Bezirken, „Bürgerkomitees“ zur Aufrechterhaltung der Sicherheit und Ordnung gegründet. Auf Volkspolizei und Staatsanwält/-innen konnte sich die SED verlassen. Der Zentrale Runde Tisch und seine AG Sicherheit waren ebenfalls von der SED unterwandert. die politisch unerfahrenen Demonstranten verließen noch am selben Tag das Gelände in der Normannenstraße. Selbst an diesem Tag, wie zuvor und noch Monate danach, wurde geschreddert, was das Zeug hielt.

Mit der Stasi-Auflösung war ab 18.1. ein NVA-Generaloberst beauftragt und ein „Staatliches Komitee“, das von vier MfS-Generälen Weisungen erhielt. Das Komitee zählte 261 Mitglieder, darunter zahlreiche Stasi-Leute. Bis zu 1.000 Mitarbeiter waren damit beschäftigt im Auftrag des Komitees Akten zu vernichten. Sie gingen in der Normannenstraße ein und aus.

David Gill war Koordinator des Bürgerkomitees. Er bestreitet laut Bästlein, am 15.1., schon vor der Erstürmung der Stasi-Zentrale im Chefzimmer gewesen zu sein. Eine von ihm unterzeichnete Anweisung zur Vernichtung von Stasi-Findmitteln (letzte Kopie der Rosenholz-Personen-Datei) zehn Tage nach der ersten freien Wahl der Volkskammer) ist in der Zeitung abgedruckt. Gill war später rechte Hand Gaucks in der Unterlagenbehörde und Chef des Bundespräsidialamtes.

Während die Historiker Wolle und Bästlein ungehindert im MfS-Archiv arbeiten wollten, aber nicht durften, konnte der DDR-Generalanwalt laufend Akten entnehmen.

Die Akten von Lothar de Maizière, Gregor Gysi, Manfred Stolpe und Ibrahim Böhme wären von Tag zu Tag weniger geworden. Die späteren juristischen Niederlagen der Behörde in diesen Fällen gingen auf „Mielkes Schnüffelhunde“ in der neuen Behörde, Gerd Bäcker und Bernd Hopfer zurück.

Kern der neuen Stasi-Unterlagen-Behörde seien ca. hundert MfS-Offiziere gewesen, darunter Spezialisten für „Zersetzung“, weitere 300 stammten aus DDR-Ministerien. Für DDR-Oppositionelle und unabhängige Historiker war noch jahrelang in der Behörde kein Platz. (Jürgen Fuchs hatte das schon früh beklagt.)

Bästlein misstraut der Abteilung Bildung und Forschung bis heute. Die Stasi-Unterlagen würden wie BND-Akten verwaltet, die Behörde atme das Klima einer DDR-Bürokratie, der Ton gegenüber den 1.600 Mitarbeitern sei harsch.

Wenn Roland Jahn, der derzeitige Behördenchef aus dem Mielke-Ministerium einen „Campus der Demokratie“ machen wolle, sei das leider eine Fortsetzung der Legenden und Mythen und das Gegenteil von historischer Aufklärung

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