Wilde Schwäne von Yung Chang: Die Kulturrevolution überlebt

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Wilde Schwäne von Yung Chang ist ein biographischer Bericht über drei Frauen, Großmutter, Mutter und die Autorin selbst als Teenager und Studentin. Ihr Leben, ihr Leiden im China des 20. Jahrhunderts wird erzählt.
Die Großmutter musste Konkubine eines Kuomintang-Generals werden, die Mutter und der Vater sind tiefgläubige Kommunisten, die Tochter durchleidet die kulturrevolutionäre Umerziehung auf dem Land, die krankmachende Arbeit auf Reisfeldern. Sie erlebt mit, wie die jungen Rotgardisten ihre Lehrer/-innen demütigen, foltern und totschlagen. Für den Vater ist die Partei wichtiger als die Familie und die Liebe zu seiner Frau.

Es entsteht ein Panorama der jüngeren Geschichte dieses Landes. Die Leidensgeschichte vor allem der Frauen, eine Innensicht der Kulturrevolution. Die unfassbare Zahl von Millionen Opfern einer verbrecherischen Politik wird erfahrbar.

Die Eltern werden hochrangige regionale KP-Funktionäre. Sie haben die für kommunistische Führungskräfte üblichen Privilegien, das bessere Essen, die bessere Wohnung, das bessere Krankenhaus. aber sie können jederzeit tief stürzen.

Mit der Kulturrevolution (1966-1976) will Mao die Macht der Parteifunktionäre brechen und Alleinherrscher bleiben. Schüler und Studenten werden aufgehetzt gegen die Alten, Professoren, Lehrer, Ärzte, Intellektuelle und Parteikader. Mao stürzt das Riesenreich in ein Chaos. Unaufhörlich plärren Lautsprecher Mao-Parolen und Lobpreisungen des großen Führers. Statt Schulunterricht und Vorlesungen zu besuchen, schreiben Kinder und Jugendliche Wandzeitungen, plündern Wohnungen und schlagen Menschen tot. Es gibt ständig öffentliche Tribunale gegen „Kapitalistenversteher“ im Parteikader. Wohnungen werden gestürmt und zerstört, Bücher in einem Ausmaß vernichtet, gegen das die Bücherverbrennung der Nazis ein Lagerfeuer war. Die Funktionäre leben in ständiger Angst vor Denunziation und Verhaftung.
Vielleicht ist es gerade dies, was viele Menschen, nicht nur Linke in aller Welt, an diesem Menschen Mao fasziniert: Die Fähigkeit an die niedersten Instinkte im Menschen zu appellieren und sie für seine Zwecke einzuspannen. Das Motiv vieler Denunziationen sind Neid, Karriere, Streben nach Macht, eine offene Rechnung. Männliche und weibliche Sadisten können ihre Neigung ausleben. Revolutionskomitees kämpfen gegeneinander, auch mit Waffengewalt, um die Herrschaft in Regionen, Verwaltungen und Universitäten.

Auch der Vater der Autorin entgeht dem nicht. Er hatte einen sehr diplomatischen Brief an den Großen Vorsitzenden geschrieben, in dem er anregt, die aus dem Ruder gelaufene Kulturrevolution zu beenden. Daraufhin wird er in einer Vielzahl von Versammlungen gedemütigt, er wird gefoltert, in entfernte Lager zur Arbeit geschickt. Als er einen Herzinfarkt erleidet, sagt der um Hilfe gebetene Arzt, er habe noch zu tun. Dann kommt er, aber ohne Arzttasche. Die muss eine Krankenschwester holen. Inzwischen ist der Patient gestorben.

Es ist erstaunlich, dass diese Tragödie für die Tochter zu einem guten Ende kommt. Yung Chang ist die erste Studentin, die im Ausland studieren darf. Aber auch der Weg dahin ist steinig. Lange nach der Kulturrevolution muss die Studentin erst einmal zur „Umerziehung“ aufs Land. Ins Ausland soll zuerst jemand anders, eine junge Parteigenossin, geschickt werden. Das laue Rehabilitationsurteil in der Kaderakte des verstorbenen Vaters ist anfänglich wichtiger als ihre hervorragenden Prüfungsergebnisse.

Sie wird in England promoviert und heiratet einen Engländer.

Im Nachwort (und hier im Spiegel-Interview von 2005) stellt sie Mao auf eine Stufe mit den Massenmördern Hitler und Stalin. Sie staunt, wie sehr er in China, aber auch im Westen verehrt wird. Aber auch sie selbst hat lange gebraucht, bis sie sich von der Mao-Verehrung lösen konnte.
Gleichwohl ist ihr Bericht wohltuend sachlich, sie schreibt nicht haßerfüllt. Die grausamen Details sprechen für sich.

  • Ein Gespräch mit der Autorin im Spiegel 40/2005
  • Siehe auch im Blog Basedow1764 die Rezension der Mao-Biographie von Charlotte Kerner
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2 Kommentare zu „Wilde Schwäne von Yung Chang: Die Kulturrevolution überlebt

    […] Siehe auch meine Rezension von „Wilde Schwäne von Yung Chang“ […]

    […] auch den Hinweis auf “Wilde Schwäne” von Yung […]

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